Teuerungsfolgen Energie-Inflation trifft Arme und Familien

Bürger mit niedrigen Einkommen leiden am meisten unter dem Preisanstieg am Energiemarkt. Bei den Schuldnerberatungsstellen melden sich mehr und mehr Verbraucher, die die hohen Heiz- und Stromzahlungen kaum noch bezahlen können.

Von Hannes Koch


Berlin/Hamburg - Ein neues Phänomen registrieren in diesen Wochen die Berater, die überschuldeten Bundesbürgern ins normale Leben zurückhelfen. Ihre Klienten geraten durch hohe Nachzahlungen für Heizung, Strom und Betriebskosten der Wohnung zusätzlich in finanzielle Bedrängnis. "Bei uns ist das ein starkes Betätigungsfeld", sagt Frank Wiedenhaupt, der als Schuldnerberater beim Arbeitskreis Neue Armut im Berliner Bezirk Neukölln tätig ist. Auch Christian Herberg, Schuldnerberater beim Diakonischen Werk Berlin Stadtmitte, weiß: "Diese Probleme verschärfen sich."

Gasverbrauch: Höhere Kosten treffen Geringverdiener
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Gasverbrauch: Höhere Kosten treffen Geringverdiener

Tatsächlich haben die Preisschübe am Energiemarkt zusehends dramatische Folgen für Privathaushalte. Das Wirtschaftsforschungsinstitut RWI hat aufgeschlüsselt, welche Einkommens- und Bevölkerungsgruppen besonders von der Teuerung betroffen sind. Das Ergebnis: Vor allem Geringverdiener und kinderreiche Familien leiden unter der Preisentwicklung.

Aus eigener Erfahrung wissen diese Bevölkerungsgruppen nun, was "Energie-Inflation" bedeutet: So hat sich beispielsweise bei vielen die Stromrechnung massiv erhöht. Im Bundesdurchschnitt ist der Strompreis von Mai 2007 bis Mai 2008 zwar nur um 7,4 Prozent angestiegen, wie das Statistische Bundesamt ermittelt. Bei vielen Anbietern geht die Preiserhöhung jedoch weit darüber hinaus. Und nicht nur elektrische Energie wird teurer. Beim leichten Heizöl betrug der Anstieg 57 Prozent innerhalb eines Jahres. Zum Vergleich: Die Kosten für Nahrungsmittel haben sich im Jahresvergleich um 7,5 Prozent erhöht.

"Die aktuelle Inflation trifft Bürger mit geringen Einkommen besonders hart", sagt denn auch Stefan Weick vom sozialwissenschaftlichen Institut Gesis-ZUMA in Mannheim. Der Hintergrund: Wer wenig Geld hat, muss einen großen Teil davon für seine Grundversorgung ausgeben: Miete, Energie, Lebensmittel, Mobilität. Und gerade bei diesen Gütern und Dienstleistungen macht sich die gegenwärtige Preisentwicklung besonders bemerkbar.

Das trifft eine große Gruppe der Bevölkerung hart. Der Schuldenkompass der Schufa AG nennt allein 2,9 Millionen Haushalte (7,3 Prozent 2006) in Deutschland "überschuldet". Nach Daten des Bundesarbeitsministeriums sind rund 13 Prozent der Bundesbürger arm. Die Preissteigerung beim Strom raubt ihnen die restliche Kaufkraft.

"Das ist das geballte Problem der Inflation", sagt Schuldnerberater Wiedenhaupt. "Die höheren Kosten für Energie sind zurzeit die größte Gefahr für das Budget ärmerer Menschen", fügt Kollege Christian Herberg hinzu. Aber die Schuldnerberater wissen ebenso, dass die Inflation nicht der einzige Grund ist. In den vergangenen Jahren haben viele Bürger ihren Stromverbrauch in die Höhe geschraubt: Computer, MP3-Player und Spielkonsolen verlangen zunehmend Energie. Das macht sich nun bemerkbar.

Zusatzbelastung durch teure Lebensmittel

Die Auswirkungen der höheren Nahrungsmittelpreise sind dagegen weniger sichtbar. "Die Ausgaben verteilen sich über den Monat", begründet Schuldnerberater Wiedenhaupt. Sein Kollege Christian Herberg berichtet von einer Familie, die es gewohnt sei, sich gesund zu ernähren und jetzt umstellen muss: "Obst ist nicht mehr drin", sagt Herberg, "außer Äpfeln". Und Veronika Mampel, eine Beraterin aus dem Berliner Süden, fügt hinzu: "Wer braucht Zitronen? Das Leben ist sauer genug." Die gelben Südfrüchte halten den Spitzenplatz bei der Inflation: Innerhalb eines Jahres sind sie um fast 80 Prozent teurer geworden.

Hinzu kommen Preissteigerungen, die in der Öffentlichkeit bislang kaum eine Rolle spielen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes erhöhten sich die Kosten für Bildung innerhalb des vergangenen Jahres um durchschnittlich 5,9 Prozent. Die Ursache ist vor allem, dass mehrere Bundesländer Studiengebühren einführten.

Wer schulpflichtige Kinder hat und gleichzeitig über wenig Geld verfügt, gerät aber auch aus einem anderen Grund in die Bredouille: Viele Städte verlangen inzwischen 50 Euro oder mehr Büchergeld pro Kind und Schuljahr. Zusätzlich kostet das Mittagessen im Hort Extragebühren, die Klassenkasse will gefüllt werden, und auch Ausflüge ins Museum sind nicht billig. "Bei uns kommen schnell 30 Euro im Monat zusammen", sagt Marleen Kaufmann*. Die 28-jährige Friseurin ist Mutter zweier Grundschulkinder. Über 1000 Euro netto pro Monat kommt sie nicht hinaus - die Ausgaben für die Schule reißen deshalb ein Loch in ihr Budget.

Zur Schuldnerberatung ging Kaufmann freilich nicht wegen des Schulgeldes, sondern wegen der hohen Nachforderung des Vermieters für die Heizkosten des Jahres 2007. 630 Euro sollte Kaufmann auf einen Schlag nachzahlen - unmöglich für sie. Sie musste eine Ratenzahlung vereinbaren. "Diese Fälle sind erst der Anfang", sagt Schuldnerberater Wiedenhaupt, "die große Welle kommt nächstes Jahr." Dann rechnen die Hausbesitzer die drastischen Preissteigerungen für die Energie ab, die im Jahr 2008 verbraucht wurde.

* Name geändert



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