Teure Energie Stromkunden zahlen 9,7 Milliarden Euro zu viel

Für 14 Millionen Verbraucher wird Strom ab Januar teurer, die Jahresrechnung steigt im Schnitt um 74 Euro. Das Verbraucherportal Verivox rät jetzt zum Anbieterwechsel - allein durch Kündigung des teuren Grundtarifs können Kunden deutlich sparen. SPIEGEL ONLINE zeigt die Tarife im Vergleich.


Hamburg - Mitten in der Rezession trifft die deutschen Verbraucher ein neuer Energiepreisschock: 354 Versorger wollen nach Angaben des Verbraucherportals Verivox zum Jahresbeginn die Strompreise anheben - teilweise um bis zu 21 Prozent. Im Durchschnitt steigen die Grundtarife demnach für 14 Millionen Verbraucher zum 1. Januar 2009 um 8,5 Prozent.

Stromerzeugung in Rommerskirchen: 14,8 Millionen private Haushalte zahlen zu viel
DPA

Stromerzeugung in Rommerskirchen: 14,8 Millionen private Haushalte zahlen zu viel

Der Energie-Gigant E.on hatte schon am Dienstag angekündigt, dass seine sieben Regionalversorger den Stromtarif zum 1. Februar 2009 um 7,4 bis 9,2 Prozent erhöhen. Allein dieser Preisanstieg betrifft insgesamt rund sieben Millionen Kunden. Am Montag hatten bereits die größten RWE-Töchter, Rhein-Ruhr und Westfalen-Weser-Ems, Erhöhungen in Aussicht gestellt. Bei ihnen müssen drei Millionen Kunden einen Aufschlag von 6,8 Prozent verkraften.

Einem Vier-Personen-Haushalt mit 4000 Kilowattstunden Jahresverbrauch entstünden dadurch Mehrkosten in Höhe von durchschnittlich 74 Euro pro Jahr. Insgesamt seien von den angekündigten Strompreiserhöhungen mehr als 14 Millionen Haushalte betroffen, auf die eine jährliche Mehrbelastung von mehr als einer Milliarde Euro zukommt. "So eine Erhöhungswelle auf einen Schlag haben wir noch nicht erlebt", kommentierte der Chef der Verivox-Energieabteilung, Peter Reese, die Entwicklung.


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Dabei sei es für viele Verbraucher gar nicht nötig, dass sie draufzahlen. Zusätzlichen Kosten würden sich durch den Wechsel eines Stromanbieters oft vermeiden lassen. Private Haushalte könnten dadurch mindestens acht Milliarden Euro einsparen, Gewerbekunden mindestens 1,7 Milliarden Euro.

Anbieterwechsel - so funktioniert's
In wenigen Minuten zum Ziel
Der Wechsel des Stromanbieters ist sehr einfach. Für die Formalitäten braucht man nur wenige Minuten. Im Kern gilt das Gleiche auch für Gaskunden. Wechselwillige Kunden sollten Folgendes beachten.
Verbrauch ermitteln
Als Erstes sollte man seinen individuellen Jahresverbrauch ermitteln. Am einfachsten geht das über die letzte Rechnung. Wichtig: Es kommt nicht auf den Betrag in Euro an, sondern auf den Verbrauch in Kilowattstunden (kWh). Wer die letzte Rechnung nicht mehr findet, kann seinen jährlichen Strombedarf zur Not auch anhand des Verbrauchs der letzten Monate hochrechnen.
Die Suche nach dem passenden Anbieter
Nun beginnt die Suche nach dem günstigsten Anbieter. Eine wichtige Hilfestellung bieten dabei unabhängige Verbraucherportale wie www.toptarif.de, www.verivox.de, www.stromtarife.de, www.check24.de oder www.verbraucherzentrale.de. Auf diesen Seiten finden sich Tarifrechner, in die man nur zwei Werte eingeben muss: seine Postleitzahl und seinen jährlichen Stromverbrauch in Kilowattstunden. Der Tarifrechner bietet dann eine Übersicht sämtlicher Anbieter, die in dieser Region verfügbar sind.
Die Auswahl
Jetzt kommt der entscheidende Schritt - die Wahl des neuen Anbieters. Dabei sollte man Folgendes beachten: Der günstigste ist nicht automatisch der beste. So warnen Verbraucherschützer vor Unternehmen, die Vorkasse verlangen. Auch sollte man sich nicht zu lange an einen Anbieter binden - Vertragslaufzeiten von zwei Jahren also lieber meiden. Allen anderen Unternehmen darf man getrost Vertrauen entgegenbringen.
Ökoanbieter
Wer möchte, kann sich an dieser Stelle auch für einen Ökostromanbieter entscheiden. Diese Unternehmen garantieren grünen Strom aus erneuerbaren Energien, ohne Kohle und Kernkraft. Nach Angaben der Verbraucherschützer sind Ökostromprodukte in zwei Dritteln der Städte sogar billiger als die der ortsüblichen Grundversorger.
Die Formalitäten
Nun muss man mit dem neuen Anbieter nur noch Kontakt aufnehmen. Häufig ist das direkt über das Verbraucherportal möglich - entweder per Mausklick oder per Telefon. Der neue Anbieter klärt dann sämtliche Formalitäten. Eine Abmeldung beim alten Versorger ist nicht nötig, auch das übernimmt das neue Unternehmen automatisch. Nur eine Sache sollte man beachten: Die Vertragslaufzeit beim alten Anbieter muss eingehalten werden. Wer seit acht Monaten in einem Jahresvertrag ist, muss eben noch vier Monate warten.
Die Technik
Technisch ist der Anbieterwechsel überhaupt kein Problem. Das physikalische Produkt Strom bleibt in jedem Fall dasselbe, eine Unterbrechung der Versorgung ist ausgeschlossen. Dass man einen neuen Anbieter hat, merkt man nur daran, dass die Rechnung von einem anderen Unternehmen kommt als bisher. Übrigens: Selbst wenn der neue Anbieter pleitegehen sollte, bekommt man weiterhin Strom. In diesem Fall ist der örtliche Grundversorger gesetzlich verpflichtet einzuspringen.
Wie lange dauert der Anbieterwechsel?
Seit April 2012 können Strom- und Gaskunden schneller den Anbieter wechseln. Sobald die Anmeldung beim Netzbetreiber erfolgt ist, dürfen laut Energiewirtschaftsgesetz nur noch drei Wochen verstreichen, bis die Strom- oder Gaslieferung durch den neuen Anbieter beginnt. Starttermin muss nicht der Monatserste sein - jeder Tag ist möglich. Dauert die Umstellung länger als drei Wochen, kann der Kunde Schadenersatz vom Lieferanten oder Netzbetreiber fordern.
Ich habe eine Nachtspeicherheizung. Kann ich auch den Anbieter wechseln?
In den meisten Fällen leider nicht. "In vielen Regionen gibt es nur einen Anbieter, der die Betreiber von Nachtspeicherheizungen beliefert", sagt ein Verivox-Sprecher. Durch den mangelnden Wettbewerb kommt es öfter zu überdurchschnittlichen Preiserhöhungen. Im vergangenen Jahr sind beispielsweise in Baden-Württemberg die Preise um bis zu 30 Prozent gestiegen. Die Bundesregierung tut dagegen wenig, denn es ist politisch gewollt, dass stromfressende Nachtspeicherheizungen nach und nach ausrangiert werden.
Obwohl der deutsche Energiemarkt seit mehr als zehn Jahren liberalisiert ist, hätten bislang nur 17 Prozent der Kunden von der Möglichkeit des Stromanbieterwechsels Gebrauch gemacht, sagten die Verbraucherschützer. Nach Angaben des Bundesverbands für Energie und Wasserwirtschaft (BDEW) befinden sich derzeit noch 38 Prozent der privaten Haushalte in den teuren Grundversorgungstarifen ihres örtlichen Versorgers.

Würden 14,8 Millionen private Haushalte von diesem Tarif zum günstigsten Tarif eines anderen Anbieters wechseln, könnte jeder Haushalt durchschnittlich 298 Euro pro Jahr sparen. In der Summe würde dies eine jährliche Entlastung von mehr als 4,4 Milliarden Euro ergeben.

Die aktuellen Preiserhöhungen könnten einen Wechsel zu Billiganbietern befeuern. Nach der letzte Preisrunde der Stromversorger verloren E.on und RWE Hunderttausende Kunden an regionale und bundesweite Billiganbieter. E.on rechnet diesmal allerdings nicht mit einer ähnlichen Abwanderungswelle, sagte ein Sprecher dem "Handelsblatt". Der Konzern habe einen Preisvergleich gemacht und sei auch mit seinen neuen Tarifen wettbewerbsfähig.

Andererseits erscheinen die Preisaufschläge zum Jahreswechsel vielen Verbrauchern ungerechtfertigt. Wegen des Verfalls des Ölpreises, der seit dem Sommer von 147 Euro pro Barrel (159 Liter) auf gerade noch 50 Euro abgestürzt ist, hatten viele auch auf dem Strommarkt auf deutliche Entlastungen gehofft.

Nach Darstellung der Energiebranche kommt der Effekt für die Strompreise 2009 allerdings zu spät. Man decke sich üblicherweise über einen längeren Zeitraum am Terminmarkt ein, hieß es. Die Lieferungen im kommenden Jahr habe man schon im Sommer 2007 geregelt. Damals kostete eine Megawattstunde an der Leipziger Strombörse EEX noch rund 55 Euro. Im ersten Halbjahr 2008 kletterte der Preis auf über 90 Euro an, ehe er wieder auf unter 60 Euro sank.

ssu



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