Teure Kredite Banken nehmen Kunden in die Zins-Zange

Der Leitzins steckt in einem Drei-Jahres-Tief, doch die Verbraucher haben nichts davon: Deutschlands Banken speisen Sparer mit Mini-Zinsen ab, gleichzeitig verlangen sie Rekordgebühren für Kredite. Ein SPIEGEL-ONLINE-Vergleich zeigt das Ausmaß des Irrsinns.

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Hamburg - Die Idee ist simpel: Wenn die Konjunktur schwächelt, senkt die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins. Daraufhin nehmen Unternehmen und Verbraucher Kredite auf, kaufen Maschinen und Konsumgüter - und kurbeln so die Wirtschaft wieder an.

Soweit die Theorie. Die Praxis sieht ganz anders aus, wie die Entwicklung der vergangenen Monate zeigt.

Europäische Zentralbank in Frankfurt: Billiges Geld für Privatbanken
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Europäische Zentralbank in Frankfurt: Billiges Geld für Privatbanken

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise im vergangenen Jahr hat die EZB den Leitzins massiv heruntergefahren, von 4,25 Prozent auf mittlerweile zwei Prozent - ein Drei-Jahres-Tief. Private Geschäftsbanken können sich also zu äußerst günstigen Konditionen bei der EZB mit Geld eindecken. Doch die Institute geben die Mini-Zinsen an ihre Kunden nur sehr unzureichend weiter.

Der SPIEGEL-ONLINE-Vergleich zeigt: Trotz des niedrigen Leitzinses sind Raten- und Dispokredite fast genauso teuer wie vor einem Jahr (siehe Grafiken). Für Ratenkredite müssen die Kunden im Durchschnitt rund acht Prozent Zinsen zahlen, für einen Dispokredit beim Girokonto sind sogar mehr als zwölf Prozent fällig.

Das heißt: Die Banken leihen sich selbst billiges Geld - und geben es an die Konsumenten teuer weiter.

Ganz anders sieht es bei den Guthabenzinsen aus. Wer sein Erspartes auf einem Tagesgeld- oder Festgeldkonto anlegt, bekommt heute deutlich schlechtere Konditionen als vor einem Jahr. Allein beim Festgeld ist die Verzinsung um 1,9 Prozentpunkte gefallen.

Mit anderen Worten: Dort, wo es sich für die Banken lohnt, geben sie die Leitzinssenkung sehr wohl weiter - zu Lasten der Kunden.

Zinssätze in Prozent

EZB-Leitzins 2,00
Tagesgeld 5000 Euro * 2,90
Festgeld 12 Monate * 2,97
Ratenkredit 36 Monate * 8,09
Dispokredit Girokonto * 12,17

Quelle: FMH-Index, Stand: 3.2.2009, * gewichtete Durchschnittswerte

Und die Diskrepanz wächst: "Die Guthabenzinsen werden weiter runtergehen", prophezeit Max Herbst von der Finanzberatung FMH. "Eine Bank nach der anderen senkt ihr Angebot." Die Kreditzinsen bleiben dagegen stabil. "Keine Bank will anfangen", sagt Herbst. "Also verharren alle auf hohem Niveau."

Verbraucherschützer sind darüber empört. "Dort, wo es keine Konkurrenz gibt, langen die Institute kräftig zu", klagt Hermann-Josef Tenhagen von der Zeitschrift "Finanztest". Dies gelte vor allem beim Dispokredit. Schließlich kann niemand seine Bank wechseln, wenn das Konto im Minus ist.

Als Negativbeispiel nennt Tenhagen die Commerzbank - ausgerechnet jenes Institut, bei dem mittlerweile der Staat ein Viertel der Aktien kontrolliert. Wenn hier ein Kunde sein Girokonto über den Disporahmen hinaus überzieht, verlangt die Commerzbank knapp 20 Prozent Zinsen.

"Bei einem Leitzins von zwei Prozent ist das einfach unverschämt", sagt Tenhagen. Er rät Verbrauchern: "Sie müssen Angebote aktiv vergleichen - und notfalls die Bank wechseln."

Manche Experten verlangen bereits härtere Regeln für die Banken: Der Staat müsse sie zwingen, Zinssenkungen auch wirklich an die Kunden weiterzugeben. Andere Fachleute sehen das skeptisch: "Wir haben nun mal eine Marktwirtschaft", sagt Peter Lischke von der Verbraucherzentrale Berlin. "Die Unternehmen können ihre Preise frei gestalten." Seine Empfehlung: Wenn es irgendwie geht, sollte man sein Konto im Plus halten - und Dispozinsen auf diese Weise ganz vermeiden.

Aber warum sind die Kreditzinsen überhaupt so hoch, während die Guthabenzinsen fallen?

Der Bundesverband deutscher Banken wehrt sich gegen den Vorwurf der Abzocke: "Je kürzer die Laufzeit eines Angebots, desto größer ist die Abhängigkeit vom Leitzins", sagt Verbandsexperte Volker Hofmann. Tagesgeldkonten orientierten sich deshalb stark an der EZB. Ratenkredite liefen dagegen oft über mehrere Jahre. Für sie seien andere Faktoren entscheidend, zum Beispiel die Bonität der Kunden.

FMH-Experte Herbst sieht in den Turbulenzen an den Finanzmärkten einen Grund für die hohe Differenz zwischen Soll- und Habenzinsen. "Natürlich geht es um Gewinne für die Bank. Zum Teil müssen die Institute aber auch Risikovorsorge betreiben - gerade in der Krise." Schließlich werden bei steigender Arbeitslosigkeit manche Kredite nicht mehr zurückgezahlt. Dieses Ausfallrisiko lässt sich die Bank mit hohen Zinsen vergüten.

"Die Banken arbeiten risikobewusster als vor einem Jahr", sagt Herbst. In der Finanzkrise erwarte man dies von den Instituten auch. Allerdings gibt selbst Bankenlobbyist Hofmann zu, dass die Branche in Deutschland noch keine Kreditausfälle im großen Stil registrieren musste.

Banken brauchen Geld

Immerhin einen Trost gibt es für gebeutelte Bankkunden. Denn die Zinsen für Tagesgeld sind momentan noch höher als der Leitzins. Selbst nach Abzug der Inflation bleibt den Anlegern real ein kleiner Überschuss. "Viele Banken brauchen einfach Geld", sagt Verbraucherschützer Lischke. Deshalb legen sie das eine oder andere Lockangebot auf.

"Zurzeit ist Tagesgeld für die Verbraucher noch recht günstig", sagt auch FMH-Experte Herbst. Lange werde dies aber nicht andauern. Wer ein neues Konto eröffnet, sollte deshalb auf eine möglichst lange Zinsgarantie achten. Weniger gut sind bereits die Angebote beim Festgeld:

Festgeld - die Top-Angebote

Institut Zinssatz
in Prozent *
Zinsen pro Jahr
in Euro*
ICICI Bank 4,75 475
Santander Cons. Bank 4,60 460
GE Money Bank 4,25 425
Von Essen Bank 4,10 410
ABK Bank 4,00 400
NordFinanz Bank 3,90 390
Alte Leipziger Bauspar 3,80 380
Ziraat Bank 3,80 380
BKM Bauspark. Mainz 3,75 375
Commerzbank 3,50 350
Audi Bank direct 3,50 350
Cronbank 3,50 350
Dresdner Bank 3,50 350
Gallinat-Bank 3,50 350
Volkswagen Bank direct 3,50 350

Quelle: FMH Finanzberatung, Stand: 3.2.2009
* bei einem Anlagebetrag von 10.000 Euro für 12 Monate

Auf der sicheren Seite sind dagegen Bausparer: Wer vor Jahren einen Vertrag abgeschlossen hat, für den gelten auch heute noch die damals vereinbarten Konditionen - völlig unabhängig vom EZB-Leitzins.

Ähnlich ist es bei Hypothekenkrediten für den Kauf einer Immobilie: Hier finanzieren sich die Banken vor allem auf dem Pfandbriefmarkt, der Darlehenszins ist deshalb relativ unabhängig vom EZB-Leitzins. In jüngster Zeit sind Baudarlehen sogar etwas günstiger geworden.

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