Teurer Abschied Siemens verschenkt Handy-Sparte

Schwerer Rückschlag für die deutsche Wirtschaft: Siemens zieht sich aus dem hart umkämpften Handymarkt zurück und überlässt Nokia, Motorola und Samsung das Feld. Der taiwanesische Konzern BenQ übernimmt die Mobilfunksparte. Siemens legt bei dem Geschäft mehrere hundert Millionen Euro drauf.


Handy-Produktion bei Siemens: Trennung kostet 350 Millionen Euro

Handy-Produktion bei Siemens: Trennung kostet 350 Millionen Euro

München/Hamburg/Taipeh - BenQ werde im Laufe des vierten Quartals des laufenden Geschäftsjahres das Mobiltelefongeschäft von Siemens Chart zeigen übernehmen, teilte der Münchener Konzern mit. Für Siemens ergebe sich aus der Transaktion eine Ergebnisbelastung von rund 350 Millionen Euro vor Steuern, hieß es weiter.

Der taiwanesische Konzern BenQ, der neben Digitalkameras, Scannern und Flachbildschirmen seinerseits Mobiltelefone herstellt, übernimmt auch die entsprechenden Marken- und Namensrechte für die Dauer von insgesamt fünf Jahren. Zukünftiger Hauptsitz des Mobiltelefongeschäfts wird München sein.

Siemens kündigte an, im Rahmen der Vereinbarung für 50 Millionen Euro neue Aktien von BenQ zu zeichnen, was etwa 2,5 Prozent des Kapitals der Ausgründung des Computerkonzerns Acer entspreche. Die Kartellbehörden und die BenQ-Hauptversammlung müssen dem Deal noch zustimmen.

Betriebsrat prüft Vereinbarung

"Siemens wird auch weiterhin seinen Kunden im Telekommunikationsbereich alles aus einer Hand bieten", sagte der Chef des Siemens-Bereichs Communications, Lothar Pauly. "Mit BenQ haben wir einen Partner gefunden, der uns dazu entsprechende Produkte liefern wird. Darüber hinaus werden wir eng bei Forschung und Entwicklung zusammenarbeiten. Außerdem wollen wir bei der gemeinsamen Kundenansprache und im Vertrieb Synergien nutzen."

BenQ will nach eigenen Angaben mit der Übernahme in die Spitzengruppe der Handyhersteller vorrücken. "Unser Mobiltelefon-Absatz wird 50 Millionen Stück überschreiten und damit zur weltweit viertgrößten Mobiltelefon-Marke werden", teilte das Unternehmen mit. Der Umsatz werde sich auf über zehn Milliarden Dollar mehr als verdoppeln.

Weniger euphorisch fiel die Einschätzung bei den Arbeitnehmern aus. "Wir werden die Vereinbarung sehr genau prüfen", sagte ein Sprecher des Siemens-Gesamtbetriebsrats gegenüber SPIEGEL ONLINE. Demnach haben die Arbeitnehmervertreter vier Forderungen an die neue Konzernmutter: Garantien für Beschäftigung, Standorte und bestehende Tarifverträge sowie eine tragfähige Zukunftsstrategie. "Sollten diese Punkte erfüllt werden, würde die Trennung Sinn machen", hieß es im Betriebsrat.

Die Börse reagierte positiv auf die bereits erwartete Erklärung. Die Ergebnisbelastung liege deutlich unter den Schätzungen von etwa 500 Millionen Euro, sagte ein Frankfurter Marktteilnehmer. Das Geschäft sei als Schlussstrich zu sehen.

3000 Arbeitsplätze in Deutschland betroffen

In dem betroffenen Bereich sind weltweit rund 6000 Mitarbeiter beschäftigt, davon 3000 in Deutschland, die hauptsächlich im nordrhein-westfälischen Werk in Kamp-Lintfort angestellt sind. Wie es weiter hieß, wird BenQ alle Mitarbeiter übernehmen. Dabei gelte weiterhin der Beschäftigungssicherungsvertrag, der im vergangenen Jahr für die deutschen Werke geschlossen worden ist, sagte ein Siemens-Sprecher. Die Mitarbeiter dort hatten eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit von 35 auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich akzeptiert. Darüber hinaus gebe es aber keine Beschäftigungsgarantien. "Für uns war die Weiterführung des Standortes Kamp-Lintfort ein wichtiger Faktor bei der Entscheidung für einen Käufer", erklärte Siemens-Chef Klaus Kleinfeld.

Das deutsche Werk in Bocholt bleibt hingegen bei Siemens. Die dort hergestellten Schnurlostelefone sind von der Übernahme nicht betroffen.

Ende der Hängepartie

Siemens hatte nach hohen Verlusten monatelang einen Partner für das Mobiltelefon-Geschäft gesucht. Siemens-Chef Kleinfeld hatte bei seinem Amtsantritt im Januar die Sanierung der defizitären Handy-Sparte zur Chefsache erklärt. Ende April kündigte er die Ausgliederung des Geschäfts an, das Siemens im vergangenen Quartal einen Verlust von 138 Millionen Euro bescherte. Nur wenige Tage später platzte offenbar der Verkauf an den US-Konzern Motorola, den zweitgrößten Handy-Produzenten der Welt.

Der Weltmarktanteil im Handy-Geschäft von Deutschlands größtem Elektronikkonzern stürzte zuletzt auf rund 5,5 Prozent ab. Damit fiel Siemens auf Platz sechs hinter die Hersteller NokiaChart zeigen, MotorolaChart zeigen, SamsungChart zeigen, LG Electronics und Sony Ericsson zurück. Unter anderem litt der Bereich unter den Folgen einer peinlichen Softwarepanne vom vergangenen August; damals ließ ein zu lauter Ausschaltton bei der 65er-Reihe Absatzzahlen und Preise einbrechen. Zudem verpasste Siemens Trends im Handymarkt.



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