"Teuro"-Debatte Handel wütend über Eichels Boykottaufruf

Bundesfinanzminister Hans Eichel hat zum Boykott jener Unternehmen aufgerufen, die im Rahmen der Euro-Umstellung die Preise erhöht haben. Handels- und Gaststättenverbände protestieren und weisen den Vorwurf der Preistreiberei wütend von sich.


Eichels Boykottaufruf: Prügel von den Verbandsvertretern
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Eichels Boykottaufruf: Prügel von den Verbandsvertretern

Berlin - Eichel hatte im ZDF-"Morgenmagazin" zum Boykott der Geschäfte und Gaststätten aufgerufen, die die Euro-Umstellung entgegen ihrer Zusage zu deutlichen Preissteigerungen genutzt haben. So könne sich der Verbraucher wehren und die "schwarzen Schafe" abstrafen, sagte der SPD-Politiker am Dienstag. Die Wirtschaft reagierte empört auf Eichels Äußerungen.

Trotz der Absprache zwischen Politik und Wirtschaft nutzten Geschäfte, Läden und Dienstleister nach Worten des Ministers die Euro-Einführung zu erheblichen Preissteigerungen. Eichel bestätigte damit die Einschätzung der Bundesbank. Es gebe zahlreiche Bereiche, wo sauber umgerechnet und auf Aufschläge verzichtet worden sei, sagte Eichel. Als Beispiel nannte er das korrekte Verhalten der Vermieter.

Frankreich als Vorbild?

Er selbst kaufe nicht dort, "wo ich mich betuppt fühle", unterstrich der Minister. "Und wenn wir das alle so machen, dann wird sich das auch wieder einpendeln." Die Leute sollten sich die Lust am Einkaufen wegen einzelner "schwarzer Schafe" nicht nehmen lassen.

Ein staatliches Preisdiktat sei in einer Marktwirtschaft nicht möglich, meinte der SPD-Politiker. Das gelte auch für Frankreich, das immer wieder als Vorbild genannt wird, weil es Preissteigerungen im Zuge der Euro-Bargeldeinführung zum Jahreswechsel verboten hatte. Möglicherweise sei dort die "Disziplin des Handels" größer gewesen, sagte Eichel. Das Verbot sei aber eher "ein Stück pro forma" gewesen. Er sei sicher, dass ähnliche Bestrebungen in Deutschland ihm und der SPD den Vorwurf eingebracht hätten, die Wirtschaft zu gängeln.

DIHK weist Vorwurf zurück

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband wies den Vorwurf der Euro-Preistreiberei zurück und nannte Eichels Boykott-Äußerungen unverantwortlich. "Die, die im Glashaus sitzen, sollten nicht mit Steinen werfen", sagte Verbandssprecher Marc Schnerr. Die Preise der Branche seien im ersten Quartal 2002 durchschnittlich um 3,7 Prozent gestiegen. Dies gehe vor allem auf die zum Jahreswechsel erhöhte Tabak-, Versicherungs- und Ökosteuer zurück. Eichel bringe mit seiner Aussage über die "schwarzen Schafe" eine ganze Branche in Verruf.

Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertages wies den Vorwurf von Preiserhöhungen auf breiter Front nach der Euro-Einführung zurück. Eine wissenschaftliche Untersuchung habe ergeben, dass bei weniger als einem Drittel (29 Prozent) die Preise verändert worden seien, erklärte der DIHK-Handelsausschuss. Er appellierte an die Regierung, "die schwierige Lage des Handels nicht durch weitere administrative Belastungen zu verschärfen".



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