Textilindustrie in China Der gute Mensch von Dongguan

Die Löhne sind jämmerlich, die Unterkünfte verdreckt, Krankenversicherung ist ein Fremdwort: Die Lebensverhältnisse chinesischer Arbeiter sind oft katastrophal. Ein deutscher Unternehmer beweist, dass es auch anders geht - und hält der Konkurrenz trotzdem stand.

Aus Dongguan berichtet Pavo Prskalo


Das Schild ist nicht zu übersehen. "Zutritt nur für weibliche Mitarbeiter", steht vor dem Gebäudeeingang geschrieben. Die junge Frau mit Zopf interessiert das recht wenig. Sie führt den - männlichen - Besucher schnurstracks am Schild vorbei. "Wir legen die Vorschriften so aus, wie sie gemeint sind", sagt Zuo Quing Quing, während sie stolz ihr Zimmer präsentiert. Die 15 Quadratmeter teilt sie sich mit drei Kolleginnen. An der Wand hängen Poster chinesischer Popstars, der Boden ist sauber, die Klimaanlage läuft. Die 20-Jährige hat gerade Mittagspause und nimmt sich Zeit für einen kleinen Rundgang. Ihr gehe es ausgezeichnet heute, sagt Zuo. Sie trägt ein modisches hellblaues T-Shirt, um den Hals eine Perlenkette. Zuo sieht nicht aus wie eine typische chinesische Näherin.

Seit rund einem Jahr arbeitet sie für die Textilfirma TMS in der Stadt Dongguan im Perlflussdelta. Ihr Chef ist ein Deutscher: Frank Fleischer. Der 51-Jährige produziert mit seinem Team Kollektionen für Firmen wie Esprit, Armani oder Closed. "Etwa jedes fünfte Esprit-Kleidungsstück, das in den Läden hängt, kommt von TMS", sagt Fleischer, der neben seinen Mitarbeitern wie ein Riese mit Boxernase aussieht.

"Ursprünglich", gesteht der gebürtige Hamburger, "wollte ich vor rund 30 Jahren BWL studieren. Doch dafür war mein Abi-Durchschnitt einfach zu schlecht." So entschloss er sich, eine Ausbildung als Groß- und Außenhandelskaufmann zu beginnen, die ihn 1979 zum ersten Mal nach Asien führte. Kurz darauf machte er sich selbstständig und gründete TMS - das ist jetzt 25 Jahre her. "Damals waren wir zu viert", erklärt Fleischer. Heute macht Fleischer jährlich 160 Millionen US-Dollar Umsatz, rund 600 Menschen sind in Ländern wie China, Indonesien, Indien und Bangladesch direkt bei ihm angestellt: Designer, Entwickler, einfache Arbeiter. Sie erstellen Muster, suchen nach Trends, entwerfen neue Kleidungsstücke. Finden diese bei einem Kunden Gefallen, vergibt Fleischer Großaufträge an Fabriken, in denen dann mehrere zehntausend Arbeiter die fertige Ware produzieren.

Programm mit strengen Auflagen

Fleischer kennt die Fabriken bis ins Detail, schließlich hat er jede einzelne persönlich ausgesucht. Besonders in China sei die Auswahl nicht einfach. "Die Umstände sind manchmal eine Katastrophe. Von 100 Produktionsstätten kann man höchstens mit zwei bis drei zusammenarbeiten", sagt Fleischer: "Die Voraussetzung für gute Arbeit ist, dass sich die Mitarbeiter wohl fühlen." Deshalb hat er gemeinsam mit den Fabriken ein Programm mit strengen Auflagen entwickelt: Kinderarbeit ist verboten, Überstunden dürfen nur gegen entsprechende Bezahlung gemacht werden. Die Mitarbeiter müssen ausreichend zu essen und trinken sowie sanitäre Anlagen zur Verfügung haben. Kontrolleure achten darauf, dass die Vorgaben eingehalten werden.

Dass solche Rahmenbedingungen auch einiges kosten, räumt Fleischer unumwunden ein. Teurer als seine Konkurrenten müsse er seine Ware deshalb aber nicht verkaufen. "Den zusätzlichen Aufwand machen wir an anderer Stelle mehr als wett", sagt er. Durch günstigeren Einkauf etwa, oder eine effektivere Organisation der Arbeit. Gleichzeitig sei die Produktivität auf Grund der besseren Motivation deutlich höher, fügt der Unternehmer hinzu. Auch die Ausschussrate sei geringer. Außerdem sei die faire Behandlung von Mitarbeitern heute mehr gefragt denn je. "Besonders die großen Kunden achten darauf."

Inzwischen nimmt Näherin Zuo in der Kantine gemütlich ihr Mittagessen zu sich. Reis mit Gemüse. Essen und Unterkunft sind in ihrem monatlichen Lohn von 1100 chinesischen Renminbi (rund 110 Euro) inbegriffen. Das durchschnittliche Einkommen von Wanderarbeitern im Perlflussdelta liegt bei 60 bis 70 Euro pro Monat. Ob sie denn nicht langsam wieder an die Maschine müsse? "Nein", entgegnet Zuo, schließlich sei es erst kurz vor ein Uhr, "die Pause geht bis zwei".

Mit am Tisch sitzt auch Cousine Shi Mei. Im Gegensatz zu Zuo ist die 26-Jährige bereits verheiratet, hat ein Kind. Erst jüngst, während der Feiertage für das chinesische Neujahrsfest, habe sie ihre Tochter für zehn Tage gesehen. Die Zweijährige lebt bei der Familie im 1500 Kilometer entfernten Xiantao in der Provinz Hubei. Vor neun Jahren hat Shi die Heimat in Richtung Süden verlassen, zwei Jahre später folgte die Cousine. Zwei Tage brauchen beide für die Heimfahrt per Bus, 21 Tage Urlaub gewährt ihnen ihr Arbeitsvertrag. "Wir sind zufrieden", sagt Shi, während die ihren Teller zur Geschirrabgabe bringt, "zumal wir auch eine Krankenversicherung haben." Den Rest der Mittagspause verbringen die Cousinen auf der großen Wiese vor dem Firmengelände und entspannen, bevor es zurück an die Maschinen geht.

Sechs-Tage-Woche mit bezahlten Überstunden

Sechs Tage in der Woche sitzen sie vor den modernen Maschinen, täglich mindestens acht Stunden lang. Das Rattern ist kaum wahrzunehmen, es wird von Musik aus den Boxen übertönt. Songs von Justin Timberlake sind zu hören, auch Madonna. Zuschneider Wu Cao Jia gefällt die Musik, der 21-Jährige singt laut mit, während die Frauen um Zuo und Shi mit dem Lachen kämpfen. Die Stimmung ist gut.

Auch Designerin Vanessa Kohler schaut vorbei. Die 25-Jährige hat vor zehn Monaten ihren Abschluss an der Akademie Mode und Design in München gemacht und arbeitet seitdem für TMS in Dongguan. "Wir greifen uns Talente an Hochschulen weltweit", sagt Chef Fleischer.

Verständigen kann sich Kohler mit den Näherinnen, die nur chinesisch sprechen, zwar nicht, dennoch ist es für die Deutsche wichtig, vor Ort zu sein. "Hier kann ich direkt Einfluss nehmen, Änderungen durchgeben – wenn auch über einen Dolmetscher. Das Ganze aus Deutschland zu steuern, wäre recht schwierig", erklärt sie.

Das weiß auch Fleischer. Der Geschäftsmann hat zwar nach wie vor eine Wohnung in Hamburg, sitzt aber nahezu jeden Tag im Flieger, überwacht die Produktionsabläufe, verhandelt mit Kunden weltweit. So einen Job wünscht sich auch Zuschneider Wu. Er möchte die ganze Welt sehen. Bislang hat er China noch nie verlassen. Näherin Zuo hofft, eines Tages eine große Textilfabrik zu leiten. Cousine Shi ist da schon etwas realistischer. Sie wünscht sich nur eines: Gesundheit für ihre Familie.



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