Textilmanufaktur Merz b. Schwanen Hemden aus dem Heimatmuseum

Aus alt mach neu: Der Herrenschneider Peter Plotnicki hat eine aus der Zeit gefallene Wäschefirma wiederbelebt. Mit antiken Maschinen fertigt er Hemden und T-Shirts, die zum kultigen Nischenprodukt taugen. Eine Erfolgsgeschichte jenseits der Massenproduktion.

Merz b. Schwanen

Von Daniela Schröder


Hamburg - Die Fotos aus der Produktion erinnern an ein Heimatmuseum. In einem hohen Raum mit Dielenboden hängen alte Strickmaschinen an der Decke, über Holzräder laufende Lederriemen liefern die Antriebskraft, in Zahnrädern und auf Kurbeln liegt weißer Wollstaub. Die Maschinen sind historische Schätzchen - und Herzstück eines jungen Unternehmens. Merz b. Schwanen heißt das Wäschelabel, mit dem der Herrenschneider Peter Plotnicki die Handwerkskunst einer ganzen Branche wieder aufleben lässt.

Und das genau dort, wo es mit dem Handwerk zu Ende ging: In der ehemaligen Wäschehochburg Albstadt bei Stuttgart, einst Sitz vieler hundert Textilbetriebe. Heute ist Albstadt zwar noch der Standort bekannter Branchengrößen, darunter der Wäscheproduzent Mey. Die meisten kleinen Hersteller haben aber mittlerweile aufgegeben, gegen die Billigkonkurrenz aus Asien kamen sie irgendwann nicht mehr an. Auch das Familienunternehmen Merz beim Schwanen stellte den Betrieb vor einigen Jahren ein.

Ihre Restbestände alter Wäschestücke, hergestellt in der Zeit zwischen den späten Zwanzigern und Ende der Siebziger des vergangenen Jahrhunderts, verkaufte die Familie an einen Händler. Der bot sie auf einem Flohmarkt in Berlin an, wo Plotnicki - ein Fan alter Arbeiterkleidung - die Unterhemden und -hosen entdeckte. Wie früher üblich beschrieben die Wäscheetiketten jedoch nur die Qualität des Stoffs, etwa "Plüschware, weich und schmiegsam". Einen Markennamen aber trugen die alten Stücke nicht.

Plotnicki, der neugierig geworden war, ging der Sache nach. Dabei stieß er auf Rudolf Loder, einen der verbliebenen Hersteller in Albstadt. Eine glückliche Fügung. Der Wäscheproduzent wusste nicht nur, dass der Flohmarktfund von Merz beim Schwanen stammte. In seiner Firma standen auch mehr als 30 historische Strickmaschinen, die älteste von 1928, die jüngste aus den sechziger Jahren. Loder hatte sie von den früheren Inhabern seines Betriebs übernommen, er sah die Sammlung als eine Art persönliches Museum. Plotnicki dagegen sah darin Zukunft. Seine Idee: mit den Maschinen die alten Modelle wieder neu auflegen.

Jede Konfektionsgröße braucht eine eigene Maschine

Für das Revival der traditionellen Produktion brauchte es Spezialisten - die beiden Unternehmer stellten einen Rentner ein, der früher an mechanischen Strickstühlen gearbeitet hatte und die Maschinen wieder auf Trab brachte. Weil die auf Rundstrickmaschinen gefertigten Stoffe keine Seitennähte haben, braucht jede Konfektionsgröße eine eigene Maschine. Und da die alten Strickstühle nicht so präzise wie ihre modernen Nachfolger arbeiten, liefern sie griffige, unregelmäßige Jersey-Stoffe, manche mit braunen Punkten gesprengselt, die Rückstände der Baumwollkapseln.

"Gefertigt in Deutschland" versprechen die Etiketten in Plotnickis Hemdenkollektion heute. Für die Produktion trieb er Baumwollgarn aus alten Lagerbeständen auf, entwickelte aber auch neue Mischungen inklusive Hanf und Leinen. Zwei kleine Betriebe in Albstadt nähen die Hemden, ein Baumwollweber liefert den Stoff für die Knopfleisten, alte Wäscheknöpfe suchte Plotnicki in ganz Deutschland zusammen. Die eingenähten Etiketten bezieht er bei einer kleinen Firma im Schwäbischen, die sie in Handarbeit auf alten Webstühlen fertigt.

Um den Firmennamen zu erhalten, knüpfte Hersteller Loder den Kontakt zu den Inhabern der früheren Wäschefirma Merz beim Schwanen. Die Nachfahren des Gründers fanden es ihm zufolge charmant, dass die Tradition ihres ehemaligen Unternehmens fortleben würde - und stellten den Namen der alten Marke für das neue Projekt zur Verfügung. Dann konnte es losgehen.

"Unsere Produkte sind entschleunigt und zeitlos"

Auf der Modemesse Bread & Butter in Berlin präsentierte Plotnicki Anfang des Jahres seine erste Kollektion: Knopfleistenhemden, Henleys genannt, T-Shirts und Besatzhemden, ein Zwitter aus Unterwäsche und Oberhemd. Lange tragbar sein soll seine Kleidung. "Wir sind nicht an Schnelllebigkeit interessiert, wir wollen keine Mode machen", sagt Plotnicki. "Unsere Produkte sind entschleunigt und zeitlos." Zwar sollen nach und nach neue Farben und Schnitte hinzukommen, doch die Basis-Kollektion werde bleiben.

Gut 40 Modehändler in zehn Ländern führen Merz b. Schwanen bisher, darunter auch ein Kunde in Japan, größter Abnehmer in Deutschland ist der Versandhändler Manufactum. Das kleine Label sei "stimmig", findet Manufactum-Chef Christopher Heinemann. "Und es ist ein Nischenprodukt." Auch Franz-Rudolf Esch, Markenexperte der hessischen EBS Business School, hält den Auftritt für gelungen: "Ein kleiner Anbieter, der nicht einen aktuellen Trend bedienen will, sondern sich auf die alte Herstellweise und auf die Qualität seines Produktes konzentriert - diese Leidenschaft verleiht der Marke Glaubwürdigkeit."

Gut 5000 Teile hat Plotnicki in seinen ersten Geschäftsmonaten an den Handel verkauft, für das kommende Jahr peilt er die 15.000-Marke an. Auch dann sei zwar noch Luft nach oben, doch in den Massenmarkt werde es die Marke nie schaffen. Das sei ohnehin nicht das Ziel, sagt der 50-Jährige. "Maximale Stückzahlen spielen für uns keine Rolle." Anders als große Wäschehersteller müsse Merz b. Schwanen die Ware nicht künstlich knapp halten, schließlich geben die Maschinen den Takt vor. Und der ist begrenzt: Während es moderne Strickstühle auf 600 Kilo Stoff pro Tag bringen, liefern die alten Maschinen gerade einmal sechs Kilo.

In der Männermode trifft das Manufaktur-Konzept des kleinen Labels offenbar einen Nerv der Zeit. Denn gegen kurzlebige Saison-Ware und schnell wechselnde Trends hat sich eine Bewegung entwickelt, die genau das Gegenteil sucht: Robuste Kleidung mit langer Haltbarkeit, die handgemacht aussieht - und es möglichst auch ist. "Authentizität hat Hochkonjunktur", sagt Branchenbeobachter Tim Dörpmund vom Fachmagazin "Textilwirtschaft". Wegen der Produktion auf Originalmaschinen und des Traditionsnamens sei Plotnickis Label für die Szene besonders interessant. "Der Modehandel ist immer froh", sagt Dörpmund, "wenn sich eine möglichst echte Geschichte zum Produkt erzählen lässt."



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Jonny_C 20.11.2011
1. Henleys
Die Henleys aus reiner Baumwolle mit Mittelarm (also bis kurz über den Ellenbogen) meines verstorbenen Vaters habe ich solange getragen bis sie im Sinne des Wortes auseinander fielen. Ich habe die Dinger wirklich geliebt. Schön wenn man die wieder kaufen kann !
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