Kontroverse Wolkenkratzer Saure-Gurken-Zeit für Kleinanleger

Banken wollen den defizitären Londoner Büroturm "The Gherkin" verkaufen - zum Schaden von Tausenden Kleinanlegern, auch aus Deutschland. Der Streit über die Pleite-Gurke ist nur eine von vielen Kontroversen, die Wolkenkratzer entfachen. Die besten Beispiele.

Londoner Büroturm "The Gherkin": Wahrzeichen der Bankenmetropole
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Londoner Büroturm "The Gherkin": Wahrzeichen der Bankenmetropole


London - Diese Essiggurke stößt vielen sauer auf: Seit Dienstag steht der berühmte Londoner Büroturm "The Gherkin" zum Verkauf, für 650 Millionen Pfund (rund 820 Millionen Euro). Das Hochhaus war im April unter Zwangsverwaltung gestellt worden. Bei der Transaktion könnten Tausende Kleinanleger ihren gesamten Einsatz verlieren.

Vor Jahresende soll das im Jahr 2004 eröffnete Wahrzeichen einen neuen Besitzer bekommen, kündigte die Immobiliengesellschaft Savills an. Die Firma wurde gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen Deloitte damit beauftragt, das Hochhaus des Stararchitekten Norman Foster zu veräußern.

Wo immer auf der Welt hohe Häuser stehen, sorgen sie häufig für Streit. Wie sich einige der spektakulärsten Kontroversen aktuell entwickeln, lesen Sie hier.

"The Gherkin", London
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Der Terminus Gurke steht vor allem für alte Schrottautos? Stimmt. Außer in London. In der britischen Hauptstadt hat das Gemüse noch einen anderen übertragenen Sinn: Geldgrab – und zwar des Bürogebäudes "The Gherkin" (Englisch für "Essiggurke"). Denn der gläserne Phallus, der nach seiner Adresse 30 St. Mary Axe benannt ist, hat sich vom Prestige- zum Problemprojekt entwickelt: In der Finanzkrise verlor das Hochhaus so stark an Wert, dass es heute haushoch verschuldet ist. Deshalb wollen die Banken, die den Bau finanziert haben, die Gurke jetzt loswerden – und natürlich ihre Kreditsumme wieder eintreiben. Schlecht für die Kleinanleger, darunter mehr als 9000 Deutsche. Ihnen droht der Totalverlust. Denn die Geldhäuser haben als Gläubiger Vorrang vor den Eigentümern.

"Walkie Talkie", London
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Die Gurke ist nicht der einzige Wolkenkratzer, der in London für Ärger sorgt. Ein anderes Hochhaus in der britischen Hauptstadt ist sogar brandgefährlich: Das vollverglaste Londoner Gebäude mit dem Spitznamen "Walkie Talkie" reflektiert die Sonne so stark, dass es Gegenstände in seiner Umgebung zum Schmelzen brachte – oder gar in Flammen setzte: Da fing schon mal ein Radsattel Feuer, auf dem Bürgersteig vor der Fassade konnte man Spiegeleier braten. Der 37 Stockwerke hohe Wolkenkratzer hat bereits massive Schäden verursacht. Parkplätze vor dem Haus wurden im vergangenen Herbst gesperrt, nachdem Kunststoffteile eines Luxuswagens dahingeschmolzen waren. Auch für Ladenbesitzer in der Nähe hatte das Hochhaus Überraschungen parat. In einem Geschäft begann ein Stuhl zu brennen, ein Teppich verkokelte. Jetzt wurde der Turm mit einer Schutzverkleidung gegen Sengschäden versehen.

"Torre de David", Caracas
Corbis

Der "Torre de David" in der venezolanischen Hauptstadt Caracas ist das wohl größte besetzte Gebäude überhaupt – und wurde als "höchster Slum der Welt" bekannt: Den Rohbau des Büroturms, der aus Geldmangel nie fertig gebaut wurde, hielten seit 2007 bis zu 3000 Menschen besetzt. Der 45 Stockwerke hohe Wolkenkratzer gilt als Zufluchtsort für Obdachlose, aber auch für Drogendealer und Kriminelle - und damit vor allem als Schandfleck. Einmal fiel ein Kind aus einem der oberen Stockwerke in die Tiefe, weil der Bauherr die Wände zum Innenhof nicht komplett fertiggestellt hatte. Jetzt hat die Regierung des Landes die Räumung des Turms veranlasst, die ersten 160 der mehr als 1150 dort lebenden Familien wurden bereits mithilfe des Militärs umgesiedelt. Internationale Aufmerksamkeit erlangte die Bauruine durch die US-Serie "Homeland": Der Protagonist Damian Lewis alias Nicholas Brody überlebte in dem Hochhaus die weltweite Fahndung nach ihm. Kritiker veranlasst das nun zu dem Kommentar, dass erst die Filmindustrie die Politiker genug aufgerüttelt hat, um den Turm räumen zu lassen.

Burdsch Chalifa, Dubai
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Glamour, Glanz und Gloria: Der Wolkenkratzer Burdsch Chalifa in Dubai ist mit 828 Metern das derzeit höchste Gebäude der Welt. Der Turm soll Pracht und Größe symbolisieren. Doch das architektonische Protzwerk fußt auf ebenso monumentalen Menschenrechtsverletzungen. Eine Untersuchung der Organisation Human Rights Watch enthüllte, dass beim Bau des Gebäudes Hunderte Menschen ums Leben gekommen sind: durch die höllische Hitze, Überarbeitung und Selbstmorde. Auch das Gebäude selbst steht in einem unrühmlichen Ruf. Die Klimaanlage verbraucht angeblich so viel Energie, dass man damit 12.500 Tonnen Eis pro Tag schmelzen könnte. Damit gilt die Burdsch Chalifa nicht als Meisterwerk der Baukunst – sondern als Paradebeispiel für Verschwendungssucht und Profitgier.

Gehry-Turm, Berlin
Hines

Ach, Alex. Berlins zentralster Platz gilt als Bausündenpfuhl. Das Einkaufszentrum Alexa mag nicht mal Bürgermeister Klaus Wowereit. Zweifelhaft, ob ausgerechnet ein 39-geschossiges Hochhaus die Ästhetik des Alexanderplatzes aufwerten kann. Doch mittlerweile gilt es ohnehin wieder als unsicher, ob das Gebäude aus der Schmiede des US-Baumeisters Frank Gehry wirklich gebaut wird. Denn der Gehry-Turm, der Wohnungen und ein Hotel beherbergen soll, ist zu schwer: Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) befürchten Schäden an einem Tunnel der U-Bahn-Linie 5. Sie verläuft so nah am geplanten Standort des Wolkenkratzers, dass die Röhre absacken könnte. In der Folge könnten sich Risse bilden und Grundwasser in den Tunnel eindringen. Durch die Wassereinbrüche wäre der Betrieb der wichtigen Verkehrsader womöglich über Monate gestört. Bevor der Investor eine Lösung für diese Gefahr präsentiert, will der Berliner Senat keine Genehmigung für das Alex-Hochhaus erteilen.

In einer früheren Version dieses Artikels war auch das "Residencial in Tempo" im spanischen Benidorm aufgeführt. Über diesen Wolkenkratzer gibt es widersprüchliche Informationen in deutschen wie spanischen Medien. Da wir diese aktuell nicht selbst überprüfen können, haben wir das Gebäude aus der Aufzählung genommen. Die Red.

Mit Material der dpa



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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Jahoo 29.07.2014
1.
Zahlreiche Medien der ganzen Welt verbreiteten im August 2013 die zunächst auf der Blog-Plattform Gizmodo veröffentlichte, aufsehenerregende Falschmeldung, das Gebäude verfüge über gar keine bzw. keine funktionsfähigen Aufzüge.[23][24][25] Sie bezogen sich dabei auf einen bereits zwei Wochen zuvor erschienenen Exklusivbericht der spanischen Zeitung El País, in dem dies zwar nicht enthalten war, dafür aber unter Berufung auf interne Quellen von Planungsfehlern aufgrund einer angeblichen späten Erweiterung der Pläne von 20 auf 47 Stockwerke berichtet wurde.[26] Zu den Medien, die die Falschmeldung kolportierten, zählten unter anderem CBS,[27] CNN,[28] Corriere della Sera,[29] The Independent,[30] Libération[31] oder Russia Today.[32] Im deutschsprachigen Bereich wurde die Meldung unter anderem von Bild.de,[33] Focus,[34] N24,[35] Neue Zürcher Zeitung,[36] Spiegel online,[37] Stern,[38] oder Die Welt[39] übernommen.
geisterfahrerii 29.07.2014
2. Banken
Wie war doch die alte Weisheit "Gier frisst Hirn". Und wer sich von den Banken irgend etwas verkaufen lassen hat, sollte sich darüber im klaren sein dass e mit hochgradig Kriminellen gehandelt hat. Das sollte aber doch keine neue Erkenntnis sein, dass die Bankster für Geld über Leichen gehen ist doch inzwischen allzu bekannt.
wibo2 29.07.2014
3. London's Gherkin skyscraper put on the market
Zitat von sysopAPBanken wollen den defizitären Londoner Büroturm "The Gherkin" verkaufen - zum Schaden von Tausenden Kleinanlegern, auch aus Deutschland. Der Streit über die Pleite-Gurke ist nur eine von vielen Kontroversen, die Wolkenkratzer entfachen. Die besten Beispiele. http://www.spiegel.de/wirtschaft/the-gherkin-wolkenkratzer-in-london-wird-verkauft-anleger-geprellt-a-983523.html
IVG Immobilien war auf Währungsprobleme gestoßen. Das hat wenig zu tun mit der Lage auf dem Immobilien Markt in London. Das steht in dem SPON Artikel so leider nicht. (Vrgl. http://www.theguardian.com/artanddesign/2014/jul/29/gherkin-london-for-sale-market-norman-foster ) Siehe "Der Totalschaden ist eingetreten" http://de.slideshare.net/Kanzlei_Nittel/ivg-euroselect-14-the-gherkin-der-befrchtete-totalschaden-ist-eingetreten
steuerschlupf 29.07.2014
4. dafür gibt es einen bekannten Begriff
Turmbau zu Babel....
Newspeak 29.07.2014
5. ...
Bei der Transaktion könnten Tausende Kleinanleger ihren gesamten Einsatz verlieren. Na und? Das zeigt nur, daß die Leute zu viel Geld haben, nicht wissen, was sie damit machen sollen, nicht damit umgehen können und es in der Folge auch nicht verdienen. Aber wahrscheinlich wurden völlig absurde Renditen versprochen und nachgeschaut, in was man investiert, hat sicher auch niemand. Dann lernen diese Leute vielleicht mal, daß zur Investition auch der Totalverlust gehören kann. Offenbar braucht es diese Lektionen, damit die Gier im Hirn mal wieder durch Vernunft verdrängt wird.
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