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Sarrazin-Auftritt bei Jauch: Ritt auf der Empörungswelle

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Er ist wieder da, mit allem, was dazugehört: Buch, Talkshow-Auftritt, Empörung. Thilo Sarrazin verquickt dieses Mal Euro und Holocaust, und allein diese Stichworte reichen aus, um Protest zu provozieren. Noch ist sein Buch nicht im Handel, doch Sarrazin profitiert bereits von der kalkulierten Erregung.

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Autor Sarrazin: Die Bühne bereiten ihm andere

Hamburg - Thilo Sarrazins Masche ist denkbar simpel. Auf was auch immer der Reflex "So etwas sagt man nicht!" passt - er sagt es. Egal wie banal oder falsch es sein mag. "Einer muss es ja sagen", ist Sarrazins Motto, und er fährt gut damit, sich als wackerer Aufklärer zu gerieren. Das wiederum verschafft Anerkennung: "Endlich sagt es mal einer". Für seine Anhänger ist Sarrazin ein Kämpfer der unverstellten Wahrheit, ein Unerschrockener, einer der ausspricht, was andere nur denken.

An diesem Sonntag wird Thilo Sarrazin, der frühere Berliner Finanzsenator, frühere Bundesbank-Vorstand und Bestseller-Autor, bei Günther Jauch zu Gast sein und gemeinsam mit seinem SPD-Parteigenossen, dem früheren Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, über die Euro-Krise diskutieren. Der Auftritt ist die Ouvertüre zur Werbekampagnge für Sarrazins neues Buch, das am Dienstag erscheinen wird. Titel: "Europa braucht den Euro nicht".

Die Empörung wird zum Selbstläufer

Das Gespräch wird vor allem eine Plattform für Sarrazins Thesen, ein einziger großer Tusch für das Buch, das bereits jetzt die Amazon-Bestelllisten anführt. Das ist für einen Wirtschaftstitel nicht unbedingt üblich. Für ein Sarrazin-Buch, das laut Vorabdruck den Holocaust und die europäische Währung in Verbindung bringt, schon.

Sarrazins Bühne wird ihm - wie schon nach dem Erscheinen seines vorherigen Buches 2010 - von anderen bereitet. Er selbst braucht kaum mehr tun, als seine teils kruden Thesen zu Papier zu bringen. Die restliche Empörung, die es braucht, um aus einem solchen Buch einen Bestseller zu machen, wird zum Selbstläufer. Sarrazin kann sich nur deshalb als Tabubrecher inszenieren, weil andere festlegen, was als Tabu zu gelten hat.

In "Deutschland schafft sich ab" ging es um das Thema Migration, nun wirft der promovierte Volkswirt den Befürwortern gemeinsamer europäischer Staatsanleihen vor, sie seien "getrieben von jenem sehr deutschen Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben".

"Das hat im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nichts zu suchen"

Ohne NS-Vergleiche geht es also auch dieses Mal nicht. Die führen regelmäßig zu Skandälchen, weiter bringen sie eine Diskussion praktisch nie. Aber vielleicht geht es darum auch gar nicht. Für sein vorheriges Buch hatte Sarrazin sich mit Eugenik beschäftigt und behauptet, alle Juden teilten ein bestimmtes Gen. Das ist Quatsch, aber auch mit Quatsch kann man Geld verdienen. Und: Sarrazin hat schon einmal ein Buch über den Euro geschrieben, 15 Jahre ist das her. "Der Euro: Chance oder Abenteuer" verkaufte sich 30.000-mal. "Deutschland schafft sich ab" wurde mehr als 1,3 Millionen mal verkauft, es machte Sarrazin zum Multimillionär.

Vor dem Auftritt an diesem Sonntag empören sich nun Politiker aller großen Parteien - und tun Sarrazin damit den vielleicht größten Gefallen. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) warf ihm in der "Bild am Sonntag" (BamS) vor: "Seine Methode, so zu tun, als ob es Denk- oder Sprechverbote in Deutschland zu bestimmten Themen gibt, gegen die er dann verstößt, hat etwas sehr Kalkulierendes. Und ist dann auch noch unsinnig." Das habe schon für die Art und Weise gegolten, in der Sarrazin das Thema Integration behandelt habe. "Entweder redet und schreibt Sarrazin aus Überzeugung einen himmelschreienden Blödsinn, oder er macht es mit einem verachtenswerten Kalkül."

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Renate Künast sagte: "Nationalistischer Unsinn von Sarrazin passt nicht zum Bildungsauftrag eines öffentlich-rechtlichen Senders."

FDP-Generalsekretär Patrick Döring beklagte: "Sarrazin verknüpft die Frage der historischen Verantwortung Deutschlands unzulässig mit der aktuellen währungspolitischen Debatte. Das hat im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nichts zu suchen."

Der SPD-Politiker und Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Reinhold Robbe, sagte: "Mit Sarrazin sollte sich niemand mehr in eine Talkshow setzen."

Unbeeindruckt von der Kritik zeigte sich Günther Jauch, der dank des Themas und des Gasts auf gute Quoten hoffen kann: "Ich freue mich auf dieses politische Streitgespräch zu einem aktuellen Thema, das Millionen Menschen gerade jetzt besonders interessiert." Er zählt, wie die Medien insgesamt, zu den Profiteuren der Debatte.

"Was liegt näher, als Thilo Sarrazins ebenso streitbare wie umstrittene Thesen mit dem Autoren selbst und einem scharfen Kritiker, der überdies auch noch derselben Partei angehört, zu diskutieren?", sagte Jauch laut BamS. Viel besser könnte es für Sarrazin unmittelbar vor der Veröffentlichung seines Buches kaum laufen.

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1. Die Reiter der Welle
Tungay 20.05.2012
Zitat von sysopDPAEr ist wieder da, mit allem, was dazugehört: Buch, Talkshow-Auftritt, Empörung. Thilo Sarrazin verquickt dieses Mal Euro und Holocaust, und allein diese Stichworte reichen aus, um Protest zu provozieren. Noch ist sein Buch nicht im Handel, doch Sarrazin profitiert bereits von der kalkulierten Erregung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,834051,00.html
Die Wellenreiter sind die, die in trauter Eintracht bemüht sind, die Meinungsfreiheit und vor allem die Realität abzuschaffen. Dazu gehört Sarrazin nicht und ganz sicher spiegelt dieses Getöse nicht die Bürgerschaft. Wenn jemand nicht in eine Talkshow gehört, dann sind es die, die glauben die Deutungshoheit zu haben, also alle die sich jetzt empören.
2.
ducasse 20.05.2012
Zitat von sysopDPAEr ist wieder da, mit allem, was dazugehört: Buch, Talkshow-Auftritt, Empörung. Thilo Sarrazin verquickt dieses Mal Euro und Holocaust, und allein diese Stichworte reichen aus, um Protest zu provozieren. Noch ist sein Buch nicht im Handel, doch Sarrazin profitiert bereits von der kalkulierten Erregung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,834051,00.html
Er ist wieder da, aber niemand will über ihn diskutieren. Prima! SPON sollte diesen Blog sofort wieder schließen. Ducasse
3. ...
Netcube 20.05.2012
Zitat von sysopDPAEr ist wieder da, mit allem, was dazugehört: Buch, Talkshow-Auftritt, Empörung. Thilo Sarrazin verquickt dieses Mal Euro und Holocaust, und allein diese Stichworte reichen aus, um Protest zu provozieren. Noch ist sein Buch nicht im Handel, doch Sarrazin profitiert bereits von der kalkulierten Erregung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,834051,00.html
Wenn Schäuble sagt: "Seine Methode, so zu tun, als ob es Denk- oder Sprechverbote in Deutschland zu bestimmten Themen gibt, gegen die er dann verstößt, hat etwas sehr Kalkulierendes. Und ist dann auch noch unsinnig.", .......dann aber andere der Ansicht sind, Sarrazins Aussagen hätten im öffentlich-rechtlichen TV nichts zu suchen, und sich Politiker wie auch Medien maßlos über ihn und seine Thesen aufregen, ist das ziemlich aussagekräftig. Übrigens halte ich nichts von Sarrazin und war der Ansicht, dass sein letztes Buch einfach hätte ignoriert werden können. Die Debatte über Integration war/ist zwar nicht unnötig, aber die Grundlage, Sarazzins Buch und die Reaktionen darauf, machte sie destruktiv. Man sollte nur nicht vergessen, dass zu den Reaktionen auf das Buch auch Vorabdrucke, u.a. im Spiegel, gehörten. Auch die Euro-Debatte ist wichtig. M.A.n. ist sie das Thema unserer Zeit und wird es auch noch eine Weile bleiben. Und wieder wird sie von Polemik belastet. Den Euro-Anbetern kann im Grunde kaum etwas besseres passieren, als dass sie Kritiker in Zukunft damit in die Schranken weisen können, sie stünden Sarrazin und womöglich noch rechten Gedanken nahe. Sarrazin erweist der Debatte mit seinen seltsamen Verknüpfungen wieder mal keinen Dienst. Die hysterischen Reaktionen allerdings noch weniger.
4.
b.oreilly 20.05.2012
Dass wir uns mit dem Euro angeschi.... haben, dazu braucht man eigentlich kein Buch mehr schreiben. Das weiß heute jeder Drittklässler. Aber trotzdem freue ich mich auf die Sendung heute Abend!
5.
Greg84 20.05.2012
Zitat von sysopDPAEr ist wieder da, mit allem, was dazugehört: Buch, Talkshow-Auftritt, Empörung. Thilo Sarrazin verquickt dieses Mal Euro und Holocaust, und allein diese Stichworte reichen aus, um Protest zu provozieren. Noch ist sein Buch nicht im Handel, doch Sarrazin profitiert bereits von der kalkulierten Erregung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,834051,00.html
Wie schon bei Sarrazins erstem Buch werde ich das Gefühl nicht los, dass unsere Politiker nicht die geringste Ahnung haben was im Volk vorgeht und was dieses denkt. Jegliche Entscheidungen die EU betreffend wurden über unsere Köpfe hinweg getroffen und das nicht nur von CDU und FDP. Wäre die damalige Regierung mal auf die Idee gekommen das Volk zu fragen ob es denn überhaupt eine neue Währung will, wäre uns vielleicht vieles erspart geblieben. Wo aber schon auf den Bildungsauftrag der öffentlich- rechtlichen verwiesen wird: dieser Bildungsauftrag scheint insbesondere im Bezug auf den Euro oder die EU mehr als unzureichend zu sein. Ich kann verstehen, dass unsere aktuelle Währung einen faden Beigeschmack für viele hat. Einziger fühlbarer Vorteil für viele Menschen ist die Tatsache nicht immer Geld tauschen zu müssen aber aktuell überwiegen die Nachteile immer mehr. Natürlich sind Sarrazins Aussagen populistisch, vermutlich ist das Buch auch halb so schlimm wie dargestellt aber er will es eben auch verkaufen.
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