Thilo Sarrazin "One-Dollar-Man" wider Willen

Der neue Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin verzichtete medienwirksam auf sein Gehalt und wollte als "One-Dollar-Man" die Hauptstadt sanieren. Finanzieren sollte ihm diese Gratis-Arbeit sein vorheriger Arbeitgeber, die Deutsche Bahn - doch die zahlt nicht, und Sarrazin steht plötzlich ohne Salär da.


Sarrazin mit Senatskollegen: Im wahrsten Sinne ein "One-Dollar-Man"
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Sarrazin mit Senatskollegen: Im wahrsten Sinne ein "One-Dollar-Man"

Berlin - Der Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin verzichtete beim Antritt seines Amtes großzügig auf sein Senatorengehalt in Höhe von 131.000 Euro im Jahr. Damit spart er dem praktisch bankrotten Land Berlin allerhand Geld, eigentlich ein feiner Zug.

Allerdings ist Sarrazins Geste nicht ganz so großzügig, wie es zunächst den Anschein hat: Der Mann war vor seinem Wechsel in die Politik nämlich Vorstandsmitglied bei der Deutschen Bahn Netz AG. Sein dortiges Salär war doppelt so hoch wie das vergleichsweise mickrige Senatorengehalt. Da das Arbeitsverhältnis bei der Bahn lediglich ruht, stehen Sarrazin noch Bezüge zu. Der Senator habe einen "eindeutigen Rechtsanspruch". Das zumindest behauptete der Sprecher Sarrazins, Claus Guggenberger, am Dienstag in Berlin.

Die Bahn will nicht den Sponsor spielen

Die Bahn sieht das anders. Das Unternehmen stellte klar, das Sarrazin sich nicht die notwendige Zustimmung des Aufsichtsrates eingeholt habe, bevor er in das Senatorenamt gewechselt sei. "Die Bahn hält die Konstruktion, dass Herr Sarrazin als Finanzsenator als One-Dollar-Man arbeitet und sich von der Bahn bezahlen lässt, für mit dem geltenden Recht unvereinbar", heißt es in einer Erklärung. Senatoren dürften in Berlin nach dem Gesetz zur Wahrung ihrer Unabhängigkeit kein anderes Entgelt aus einer Beschäftigung beziehen.

Somit steht Sarrazin derzeit völlig ohne Einnahmequelle da und verleiht damit der honorigen Bezeichnung "One-Dollar-Man" eine völlig neue Bedeutung. Eine Lösung für die finanzielle Zwickmühle ist noch nicht in Sicht. Einige Beobachter vermuten, dass Bahnchef Hartmut Mehdorn persönlich den Geldhahn zugedreht hat: Sarrazins-Verhältnis zu Mehdorn gilt als herzlich feindschaftlich.



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