Prozess gegen Ex-Arcandor-Chef Gerichtsvollzieher pfändet Middelhoffs Luxusuhr

Ex-Arcandor-Chef Middelhoff hat eine Uhr weniger und neuen Ärger mit der Justiz. Der Schuldner steht nach SPIEGEL-Informationen unter dem Verdacht, unter Eid nicht die Wahrheit über sein Vermögen gesagt zu haben.

Von , Gunther Latsch, und

Vor Gericht: Der ehemalige Arcandor-Chef Thomas Middelhoff
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Vor Gericht: Der ehemalige Arcandor-Chef Thomas Middelhoff


Hätte er doch nur auf den guten Rat gehört: Ende Juli war es, als Journalisten Thomas Middelhoff - halb im Scherz - empfahlen, bei öffentlichen Auftritten auf das Tragen von Luxusuhren zu verzichten. Das Risiko, dass ein Gerichtsvollzieher ihm so ein Schmuckstück vom Handgelenk wegpfänden könnte, sei einfach zu groß.

Am 20. August war es dann so weit. Im Landgericht Essen, wo derzeit gegen den ehemaligen Arcandor-Chef wegen des Verdachts der Untreue verhandelt wird, musste Middelhoff seine Uhr hergeben, eine Piaget, geschätzter Wert über 8500 Euro. Der Protest des von mehreren Gläubigern mit Vollstreckungsbescheiden verfolgten Managers, das gute Stück sei ein Geschenk seiner Frau, lief ins Leere.

Der Gerichtsvollzieherin blieb keine Wahl. Ein Fonds des Berliner Wohnungsbauunternehmens Gewobag hatte Taschenpfändung beantragt, weil Middelhoff der Firma knapp eine Million Euro schuldet.

Andere Gläubiger wie der Troisdorfer Projektentwickler Josef Esch oder der Unternehmensberater Roland Berger, der den säumigen Schuldner zur eidesstattlichen Vermögensauskunft - vulgo: Offenbarungseid - zwang, hatten ihm diese Demütigung noch erspart.

Verdacht auf Abgabe einer falschen eidesstattlichen Versicherung

Drei Armbanduhren hatte Middelhoff bei seiner Vermögensauskunft Ende Juli angegeben, die Piaget war nicht darunter. Ob der 61-Jährige das edle Teil absichtlich verschwiegen oder schlicht vergessen hatte, ist unklar. Vielleicht zaubert der begnadete Fabulierer auch noch eine andere Erklärung aus dem Ärmel.

Ein mächtiges Problem hat der früher von Kollegen und Journalisten als "Big T" Gefeierte so oder so: Seit Kurzem liegt eine Strafanzeige wegen des Verdachts auf Abgabe einer falschen eidesstattlichen Versicherung bei der Staatsanwaltschaft Essen. Deren Sprecherin Anette Milk bestätigte den Vorgang: "Es geht um die Frage, ob die Vermögensauskunft richtig abgegeben wurde. Wir prüfen die Vorwürfe und entscheiden dann, ob wir Ermittlungen einleiten."

Middelhoffs unlängst noch von der Deutschen Presseagentur verbreitete Mär des unschuldig Verfolgten, der eigentlich steinreich, aber wegen widriger Umstände derzeit leider nicht flüssig sei, bröckelt mit jedem Tag mehr. Die Zeichen des Elends häufen sich. Wie klamm der zu seinen Bertelsmann-Zeiten (1986 bis 2002) als Goldjunge der deutschen Wirtschaft verehrte Manager offenbar ist, zeigt etwa ein bislang unbekannter Streit mit seinem ehemaligen Vermögensberater Esch.

Der wirft Middelhoff vor, er habe sich als Geschäftsführer eines Immobilienfonds in Köln ein Vielfaches des ihm zustehenden Honorars überwiesen. Laut Gesellschaftsvertrag stehe dem Geschäftsführer ein jährliches Salär von 1,5 Prozent der Nettokaltmiete der Fondsimmobilie zu. Daraus "ergibt sich nach unseren Berechnungen", so Esch in einem Brief an Middelhoff, "eine jährliche Nettovergütung von 36.653,40 Euro".

Thomas der Große aber hatte sich laut Geschäftsbericht für das Geschäftsjahr 2012 stattliche 158.270 Euro genehmigt. Zu Recht, wie er Esch virtuos vorrechnete: unter anderem sei eine Teilsumme von ca. 34.000 Euro noch die Vergütung für die Geschäftsführertätigkeit in 2011, ein anderer Teilbetrag entfiele auf die sogenannten Verwalterkosten.

Wie kann Middelhoff einen Anwalt dieser Preisklasse bezahlen?

So oder so ähnlich versucht er auch andere Forderungen abzuwehren - etwa die der Sparkasse Köln/Bonn, bei der er Kredite für seine Beteiligung an mehreren Immobilienfonds seit geraumer Zeit nicht mehr bedient hat. Für die sollen nun rund 40 deutsche Millionäre, darunter die Kunstsammlerin Claudia Oetker und der Bankerbe Wilhelm von Finck, geradestehen.

Meist unterstützt ihn bei derlei Manövern der Berliner Rechtsanwalt Hartmut Fromm, der einst auch den Bertelsmann-Patriarchen Reinhard Mohn und dessen Gattin Liz zu seinen Klienten zählte. Fromm ist Honorarkonsul der Republik der Philippinen, Mitglied der American Academy und Mitglied im Monaco Yacht Club. So einer kostet richtig Geld, und die Frage, wie Middelhoff einen Anwalt dieser Preisklasse bezahlen kann, beschäftigt seit Monaten die Fantasie seiner Gläubiger.

Eine mögliche Antwort findet sich im Katasterbuch der für Saint-Tropez zuständigen Grundbuchstelle in Draguignan. Dort lässt sich die Geschichte der S.C.I. Aldea nachvollziehen, jener Gesellschaft, der Middelhoffs Prachtvilla mit freiem Blick übers Mittelmeer gehört.

Die französische Firma ist Eigentum einer Bielefelder Gesellschaft, die wiederum Middelhoff und seiner Gattin Cornelie gehört - wobei der Begriff "gehören" die tatsächlichen Verhältnisse mehr vernebelt als erhellt. Denn die Traumimmobilie ist mitnichten "schuldenfrei", wie Middelhoff noch Ende Juli einem Reporter der "Süddeutschen Zeitung" in den Block diktierte.

Rund 15 Millionen Euro beträgt die Hypothek, die zugunsten der Bank Crédit Agricole im Grundbuch eingetragen ist. Eine weitere Hypothek über sechs Millionen wurde Anfang 2014 eingetragen: für die in Amsterdam ansässige Pyrite Holding B.V. - eine Gesellschaft, die über Umwege zu Anwalt Fromm führt.

Denn die niederländische Holding ist personell eng mit der Berliner IMW Immobilien SE verquickt, die bis 2011 als AG firmierte und deren Vorstandsvorsitzender Fromm war. Seit der Umwandlung in eine Societas Europaea (SE) dient der Anwalt ihr als Vorsitzender des Verwaltungsrats.

Der Verdacht, dass Fromm sich über die Pyrite Holding ausstehende Anwaltshonorare gesichert haben könnte, liegt deshalb nahe. Doch Fragen zu diesem Komplex, zum Streit mit Esch und zur Pfändung der Uhr ließen Fromm und Middelhoff bislang unbeantwortet.

Aus rechtlichen Gründen wurde dieser Artikel nachträglich bearbeitet.

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