Thomas Middelhoff "Bertelsmann muss an die Börse"

Nach Ansicht des geschassten Bertelsmann-Vostandschefs Thomas Middelhoff sollte sich die Mohn-Familie teilweise aus dem Medienkonzern zurückziehen. Ohne einen Börsengang werde das Unternehmen mittelfristig ins Hintertreffen geraten.


Prüft seine Optionen: Thomas Middelhoff
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Prüft seine Optionen: Thomas Middelhoff

Frankfurt am Main - Die Mohn-Familie müsse bereit sein, für einen Börsengang ihren Unternehmensanteil von derzeit 75,1 Prozent auf maximal 50,1 Prozent zu senken, sagte Middelhoff in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Ohne einen Börsengang befürchte er, dass sich Bertelsmann aus der Gruppe der weltweit führenden Medienunternehmen verabschieden müsse.

"Wir sollten uns nichts vormachen: Der Kapitalmarkt wird sich wieder erholen. Dann werden unsere Mitbewerber die Möglichkeit haben, sich dort zu bedienen", so der Manager. Der Gütersloher Medienkonzern habe in den vergangenen Jahren nur durch den Verkauf von AOL-Aktien und Verkäufen von Unternehmensteilen mithalten können, sagte Middelhoff.

Der Manager fügte hinzu, der Grund für seinen Rücktritt sei ein "Disput über die Strategie". Eine wichtige Frage sei gewesen, ob sich die Altgesellschafter uneingeschränkt zum Börsengang bekennten. Die Mohn Familie hält über eine Verwaltungsgesellschaft 75 Prozent an Bertelsmann.

Middelhoff verteidigt Zomba-Deal

Bertelsmann habe keine andere Wahl gehabt, als das Musikunternehmen Zomba Records für drei Milliarden Dollar zu kaufen. Das alte Management habe bereits 1991 eine Kaufoption mit Zomba vereinbart. "Nie im Leben hätte ich das freiwillig getan", so Middelhoff.

Der Manager verwehrte sich zudem gegen den Vorwurf, er sei ein reiner Dealmaker gewesen, der nur durch Zukäufe Wachstum geschaffen habe. Die zwei von ihm auch durch Akquisitionen geschaffenen Geschäftsfelder Random House und RTL Group erwirtschafteten heute die Hälfte des operativen Konzernergebnisses. "Dealen war bei Bertelsmann nie angesagt", so Middelhoff. Der neue Vorstandschef Gunter Thielen hatte am Mittwoch in einem Interview gesagt, Bertelsmann werde in Zukunft "weniger dealen und mehr gestalten".

Gutes Verhältnis zu Reinhard Mohn

Zu dem Disput wollte sich Middelhoff im Detail nicht äußern. Seine Beziehung zu Firmenpatriarch Reinhard Mohn beschrieb der Ex-Vorstandschef als "außergewöhnlich". "Man könnte schon fast von einem Vater-Sohn-Verhältnis sprechen".

Zu seinen zukünftigen Plänen befragt sagte Middelhoff: "Wenn Sie wissen wollen, ob ich beruflich nach Amerika gehe, dann möchte ich diplomatisch antworten: Die Option, dieses zu tun, möchte ich im Urlaub prüfen." Mehrmals erwähnte der Topmanager den Chairman des weltgrößten Medienkonzerns AOL Time Warner Chart zeigen. Der Deutsche lobte dessen Unternehmensstrategie als "richtig".

Weiter sagte Middelhoff, er habe mit großem Interesse verfolgt, wie Jeffrey Katzenberg, Steven Spielberg und David Geffen die Produktionsfirma Dreamworks gegründet hätten. Mit Steve Case habe er "schon die tollsten Überlegungen" für neue Projekte angestellt. Dennoch sei es unwahrscheinlich, dass er sich als Medienunternehmer selbständig machen werde.



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