Buch aus dem Gefängnis Middelhoffs Guantanamo

Der ehemalige Star-Manager Thomas Middelhoff hat eine Autobiografie aus dem Gefängnis geschrieben. Herausgekommen ist die peinliche Rechtfertigungsschrift eines rechtskräftig verurteilten Absteigers, die vor Fehlern nur so strotzt.

Robert Freund

Von , Gunther Latsch und


Er war der Goldjunge der deutschen Wirtschaft. Ein Mann, der Bertelsmann mit einem einzigen Deal Milliarden bescherte. Damals, im März 2000, als Thomas Middelhoff auf dem Höhepunkt des Internet-Aktienbooms den günstig erworbenen 50-Prozent-Anteil des Gütersloher Medienkonzerns an AOL-Europe für 14,6 Milliarden Mark an den US-Onlineriesen AOL Time Warner verkaufte. Big T nannten ihn damals Fans wie Neider. Thomas, der Große.

Seit Februar 2016 ist Middelhoff ein rechtskräftig verurteilter Häftling, der in der Justizvollzugsanstalt Bielefeld eine dreijährige Freiheitsstrafe verbüßt - im offenen Vollzug. Das Landgericht Essen und der Bundesgerichtshof sahen es als erwiesen an, dass der Mann, der Big T war, sich der Untreue und Steuerhinterziehung schuldig gemacht hatte - zulasten des Kaufhauskonzerns Karstadt, den er in Arcandor umbenannte.

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Thomas Middelhoff: Aufstieg und Fall von Big T

Und als ob all dies nicht schon Schmach genug sei, musste der Ex-Manager zu allem Überfluss im Frühjahr 2015 auch noch Privatinsolvenz anmelden. Knapp zwei Wochen später ermächtigte das Amtsgericht Bielefeld den Insolvenzverwalter, Vermögenswerte in Höhe von 90 Millionen Euro zurückzuholen, die Middelhoff in den Jahren zuvor an eine Firma verschoben hatte, deren Anteilseigner mehrheitlich seine Frau und seine Kinder waren.

So tief wie Middelhoff ist kein Manager in Deutschland je gefallen. Nachvollziehbar, dass so was am Ego nagt. Jetzt hat der ehemalige Konzernchef ein Buch vorgelegt, in dem er aus seiner Sicht erklärt, wie er, die Lichtgestalt, zum Loser werden konnte: Weil sich Medien und Justiz, Politik und Pöbel gegen ihn verschworen haben.

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Thomas Middelhoff:
A115 - Der Sturz

Langen-Müller; 320 Seiten; 24,00 Euro

Glaubt man dem Häftling Middelhoff, dann ist nur wenigen Menschen auf der Welt größeres Unrecht widerfahren als ihm. So stellt er in zwei Kapiteln seines Buchs allen Ernstes Zitate von Dietrich Bonhoeffer voran - jenes evangelischen Theologen und Widerstandskämpfers gegen das Naziregime, der auf ausdrücklichen Befehl Hitlers kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet wurde.

Was will Middelhoff damit sagen? Dass seine Haftbedingungen in der Justizanstalt eines demokratischen Rechtsstaats mit denen in einem NS-Konzentrationslager vergleichbar sind? Der Kontext der Zitate lässt kaum einen anderen Schluss zu, denn in beiden Kapiteln geht es um Middelhoffs Zeit im Gefängnis. Um "die Bedeutung von Werten in der Haft" in dem einen, um den geschlossenen Vollzug in dem anderen.

Doch Middelhoff wäre nicht Middelhoff, wenn er es bei grausam-schiefen historischen Vergleichen beließe. Ein Narziss wie er erkennt auch in der Gegenwart Elend, das dem seinen gleicht. So schreibt er über seine Untersuchungshaft in einem nordrhein-westfälischen Gefängnis: "Unwillkürlich erinnert mich das an Guantanamo, das Hochsicherheitsgefängnis der USA, in dem mutmaßliche Terroristen inhaftiert sind."

Fadenscheinige Argumentation

Darauf muss man erst mal kommen, aber Middelhoff scheut auch im Zusammenhang mit seiner U-Haft das Wort "Folter" nicht. Die habe, so schreibt er, darin bestanden, dass in rund dreißig Nächten "im Viertelstundentakt das Licht" in seiner Zelle eingeschaltet worden sei, "um zu überprüfen, ob ich noch lebe und mir nichts angetan habe". Selbst in Guantanamo dürfe Gefangenen "nur über einen sehr begrenzten Zeitraum Schlaf entzogen werden". Auch bei Drogenbossen habe man sich derartiges in den USA nicht getraut. "Auf so viel Verständnis hoffen Vertreter der deutschen Wirtschaft indes vergeblich", so das Fazit des selbst ernannten Folteropfers.

Wie fadenscheinig Middelhoffs Argumentation ist, zeigt sich bei einer genauen Betrachtung der Fakten. Es ist unstreitig, dass Sichtkontrollen vom 14. November bis zum 9. Dezember und am 18./19. Dezember 2014 durchgeführt wurden - ein Routinevorgang bei Häftlingen, bei denen aus Sicht der Justizbehörden ein Suizidrisiko nicht ausgeschlossen werden kann.

Öffentlich thematisiert und als "Martyrium" kritisiert haben seine Anwälte die vermeintliche Tortur aber erst Anfang April 2015, nachdem der SPIEGEL enthüllt hatte, dass Middelhoff Vermögen verschoben hatte, um es vor seinen Gläubigern in Sicherheit zu bringen. Warum haben sie dem angeblichen Martyrium nicht schon im November oder im Dezember Einhalt geboten? Als Middelhoff sich in seiner Zelle an Guantanamo erinnert fühlte? Ist es glaubhaft, dass Anwälte in Deutschland wochenlang tatenlos zusehen, wenn sie glauben, ihr Mandant werde gefoltert?

Von minderer Qualität sind auch Middelhoffs Vorwürfe gegen den SPIEGEL, denen fast ein ganzes Kapitel seines Buchs gewidmet ist. "Das investigative Team des SPIEGEL Deutschland 1" habe ab 2009 eine "Hexenjagd" gegen ihn in Gang gesetzt. Er zeichnet ein Bild von rücksichtslosen Reportern, die mit falschen Anschuldigungen einen ehrbaren Mann zur Strecke brachten.

Der Haken ist nur: Middelhoffs Abrechnung wimmelt vor Fehlern. Die sind zu Anfang eher klein und werden dann immer größer. Keiner der Reporter hat, wie Middelhoff behauptet, im "Ressort Deutschland 1" gearbeitet, sondern in den Ressorts Deutschland II und Wirtschaft. Falsch ist auch Middelhoffs Behauptung, der SPIEGEL habe für Vorwürfe im Zusammenhang mit fragwürdigen Immobiliendeals "keine belastbaren Fakten vorgelegt" beziehungsweise bekannte Fakten "nicht berichtet". In dem entsprechenden Artikel berichtet der SPIEGEL ausführlich über alle drei Gutachten, die sich mit den Vorwürfen beschäftigen - und lässt Middelhoff überdies ausführlich dazu Stellung nehmen.

Die Fakten sind oft andere

Doch Middelhoffs Wut auf den SPIEGEL macht ihn blind. Nicht nur in puncto Gutachten. An anderer Stelle wirft er den Redakteuren sogar vor, bestens im Bilde zu sein: "In der Folgezeit veröffentlicht der SPIEGEL Informationen, die vertraulichen Dokumenten meiner Vermögensverwaltung entstammen müssen. (...) Gut informiert ist das SPIEGEL-Team darüber hinaus auch in Angelegenheiten, die eigentlich Hoheitsgebiet des Arcandor-Insolvenzverwalters (...) und der Staatsanwaltschaft Bochum sind. Mancher mag das gute Kontakte zu Informanten nennen, andere nennen das investigative Recherche." Ja, stimmt. Und?

Vollends absurd wird es, als Middelhoff über ein Interview schreibt, das der SPIEGEL 2011 mit seinem ehemaligen Vermögensverwalter Josef Esch geführt hatte. Middelhoff zufolge, der sich auf einen anonymen Esch-Vertrauten als Quelle beruft, habe sich "das Team des Nachrichtenmagazins auf den Weg nach Troisdorf" gemacht in die Esch-Firmenzentrale. Nach dem Interview habe Esch "die Redakteure vom SPIEGEL zu einem Abendessen" eingeladen, danach sei die Stimmung "weinselig, locker und gelöst" gewesen.

Die Fakten indes sind anders: Das Interview fand in Hamburg statt. Es gab kein Abendessen, sondern ein Mittagessen. Bezahlt hat der SPIEGEL, nicht Esch. Und die Redakteure haben auch keinen Wein getrunken, sondern Mineralwasser mit Kohlensäure.

Am Ende seiner Auflistung gibt Middelhoff noch einmal alles: Im Auto, auf der Rückfahrt vom Abendessen, habe Esch zufrieden gesagt: "Die hann ich im Sack." Auch dafür benennt er dieselbe anonyme Quelle wie für seine anderen falschen Tatsachenbehauptungen.

Esch flog übrigens am späten Nachmittag mit seinem Privatjet zurück nach Köln.



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