Oppenheim-Prozess Middelhoffs plötzliches Schweigen provoziert Eklat

Für die Aufklärung der Affäre um das Bankhaus Sal. Oppenheim ist Ex-Karstadt-Chef Thomas Middelhoff eine Schlüsselfigur. Doch vor Gericht verweigert er überraschend die Aussage. Selten wurde ein Staatsanwalt so bloßgestellt.

Ex-Manager Middelhoff: Ein Mann wie frisch aus der Waschanlage
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Ex-Manager Middelhoff: Ein Mann wie frisch aus der Waschanlage

Von manager-magazin-Redakteur Christoph Neßhöver, Köln


Als Ankläger in einem der größten Wirtschaftsprozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte hat Torsten Elschenbroich schon so einiges erlebt: listige Finten von Verteidigern, herzzerreißende Ehrlichkeitsbekundungen von Angeklagten, erstaunliche Wissenslücken von Zeugen. All diese Manöver im Strafprozess gegen vier ehemalige Chefs der Privatbank Sal. Oppenheim und ihren Immobilienpartner Josef Esch ertrug der Oberstaatsanwalt ungerührt.

Doch Montagmorgen war es um Elschenbroichs Contenance geschehen. Schuld war Thomas Middelhoff, 60.

Der Ex-Boss des Kaufhauskonzerns Arcandor war als Zeuge geladen. Das Gericht will klären, ob die Bankiers Untreue begingen, als sie immer weitere Millionen in den wankenden Handelskonzern steckten. Die Angeklagten bestreiten das.

Middelhoffs Aussagen sollten Klarheit schaffen, die Untersuchungen voranbringen. Schließlich war er vom Großaktionär Sal. Oppenheim 2005 auf den Chefsessel von Karstadt-Quelle gehievt worden, um den kriselnden Konzern zu retten. Aber Middelhoff, ließ sein Anwalt Winfried Holtermüller Gericht und Ankläger überraschend wissen, wollte dann doch lieber nichts sagen - um sich selbst zu schützen.

Nur noch äußerlich ein Top-Manager

Äußerlich verkörpert Middelhoff das Ideal eines Top-Managers noch immer. Der Teint braun und vital (den langjährigen Wohnsitz Bielefeld hat er kürzlich gegen Saint-Tropez eingetauscht), die Haare voll und farbstark, das Sakko tailliert, die Stimmung fröhlich-souverän. Ein Mann wie frisch aus der Waschanlage, Nachledern inklusive, so erscheint der Zeuge in Saal 210 des Landgerichts in Köln.

Aber dann bleibt der, der einst den großen Auftritt so gerne inszenierte, stumm. Alter, Wohnsitz und seine Funktionen bei Arcandor nennt er, das war's.

Grund für Middelhoffs Sinneswandel, erläutert sein Anwalt, sei ein aktueller Artikel des "Focus". Laut diesem soll Middelhoff als Arcandor-Boss im Herbst 2008 versucht haben, die Insolvenz des Handelskonzerns durch illegale Buchungstricks zu verhindern. Das werfe die Staatsanwaltschaft Bochum Middelhoff in einem Zwischenbericht zu einem Ermittlungsverfahren vor, das seit 2009 läuft, berichtet die Zeitschrift.

Da sich sein Mandant nun primär selbst schützen müsse, könne er leider keine Angaben mehr machen, sagt Anwalt Holtermüller.

Der Oberstaatsanwalt kann es nicht fassen

Oberstaatsanwalt Elschenbroich kann es nicht fassen. Monate vorher werden Zeugenauftritte wie die Middelhoffs geplant, gerade mit dem angeblich vielbeschäftigten Ex-Konzernchef soll die Terminfindung schwierig gewesen sein, noch in der vergangenen Woche gab es Kontakte zwischen dem Gericht und Middelhoff.

Nie hätten seine Anwälte angedeutet, dass der Manager sich auf sein Zeugnisverweigerungsrecht berufen könnte. Und jetzt das.

An Middelhoffs Anwälte gewandt, pestet Elschenbroich, diese ließen durch ihr Manöver "jeglichen Respekt" vor dem Gericht und der Staatsanwaltschaft vermissen: "Sie verstecken sich hinter fünf Zeilen Berichterstattung im 'Focus'!" Eine "Unverschämtheit" sei das. "Schade, dass es im Strafrecht keine Missbrauchsgebühr gibt."

Weitere Kosten kann Thomas Middelhoff auch wirklich nicht gebrauchen, liegt er doch mit fast allen seiner ehemaligen Partner gerichtlich über Kreuz - in der Regel des lieben Geldes willen.

Middelhoffs Vierfrontenkrieg

Mit dem Immobilienexperten Esch streitet er noch immer über die Kosten für eine Motorjacht, Esch soll schon den Gerichtsvollzieher vorbeigeschickt haben. Mit dem Bankhaus Sal. Oppenheim, das 2010 von der Deutschen Bank aufgefangen wurde, streitet "Big T", wie ihn Mitarbeiter früher ehrfurchtsvoll nannten, über zweistellige Millionensummen.

Und mit dem Insolvenzverwalter von Arcandor, Hans-Gerd Jauch, streitet sich Middelhoff unter anderem über die Rechtmäßigkeit von Spesen für Charterflüge, die er einst Arcandor in Rechnung stellte. Und nun auch noch die Bochumer Ermittlungen wegen möglicher Insolvenzverschleppung.

Middelhoffs Lage ist die Folge seiner Vierfachrolle im Sal.-Oppenheim-Drama:

  • Er war Chef von Arcandor;
  • er war Investor in mehreren geschlossenen Oppenheim-Esch-Immobilienfonds, die dem Konzern Warenhäuser vermieteten;
  • er ließ sein Vermögen Jahre lang von Esch verwalten;
  • und er war Kreditkunde bei Sal. Oppenheim, um seine erheblichen Privatinvestments zu finanzieren.

Vieles spricht dafür, dass sich der Macher Middelhoff im Oppenheim-Esch-Netz am Ende heillos verheddert hat. Ob die Geschäfte der Privatbankiers und ihres Immobilienberaters legal waren, muss das Gericht nun wohl ohne die Einsichten des Thomas Middelhoff klären.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
umuc 05.05.2014
1. Warum glaubt der Spiegel eigentlich,
... , solche Themen immer so hoch hängen zu müssen. Wenn Middelhoff das Recht hat, zu schweigen, weil er sich sonst in einem anderen Verfahren selbst belasten könnte, dann ist das doch nachvollziehbar. Warum also diese Aufbauschung?
nixkapital 05.05.2014
2. Warum?
Zitat von umuc... , solche Themen immer so hoch hängen zu müssen. Wenn Middelhoff das Recht hat, zu schweigen, weil er sich sonst in einem anderen Verfahren selbst belasten könnte, dann ist das doch nachvollziehbar. Warum also diese Aufbauschung?
...weil Middelhoff einer der Vorzeige-Manager war, nun tief gefallen ist und Archetyp einer verkommenen "Elite" ist. Das ist der Stoff aus dem Dramen sind. Wer interessiert sich schon für Mr. NoName?
dr.abs-law 05.05.2014
3. Antityp des seriösen Managera
Middelhoff überzeugte während seiner gesamten Karriere allenfalls dadurch, dass es ihm gelang, immer wieder Toppositionen zu besetzen. Ansonsten war er als Manager ein Totalausfall. Anders als ein Eigentümeruntetnehmer wirtschaftete er vor allem im die eigene Tasche auch wenn durch ihn vor allem Verluste entstanden. Kein Untetnehmetischer Esprit, keine Moral, keine Ethik . Ein Manager, den die Welt nicht braucht.
picaflor74 05.05.2014
4.
Welches Gericht in Deutschland hat denn Sonntag geöffnet, dass es die Staatsanwaltschaft sonntags ereilt, der Zeuge Middelhoff würde plötzlich von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen. Vor dem Hintergrubd, dass der Strafprozess gegen ihn am 06.05.2014 in Essen beginnt, liegt die Idee, dass Middelhoff von seinem Recht auch Gebrauch machen würde, nicht so fern... Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, den Zivilprozess erst nach dem Strafprozess zu terminieren, mit dessen Ende wird erst im Oktober 2014 gerechnet.
zynik 05.05.2014
5.
Zitat von nixkapital...weil Middelhoff einer der Vorzeige-Manager war, nun tief gefallen ist und Archetyp einer verkommenen "Elite" ist. Das ist der Stoff aus dem Dramen sind. Wer interessiert sich schon für Mr. NoName?
Naja, dem Mr. NoName wurde heute auf SPON auch ein Artikel gewidmet: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/energiearmut-reportage-ueber-menschen-ohne-stromversorgung-a-964258.html Der arme Schlucker, der seine Stromrechnung nicht mehr bezahlen kann, muss sich im Forum vor allem einen Vorwurf anhören: Mangelnde (Eigen)verantwortung.
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