Tibet-Krise Warum Wirtschaftssanktionen gegen China sinnlos wären

China bleibt stur: Weder Aufrufe zum Olympia-Boykott noch internationaler Druck hindern Peking am brutalen Vorgehen in Tibet. Und nicht mal Wirtschaftssanktionen gegen die Volksrepublik würden Wirkung zeigen, sagen Experten - denn die würden wie ein Bumerang wirken.


Hamburg - China greift gnadenlos durch. Allein heute sollen wieder mehrere tibetische Demonstranten erschossen worden sein, Klöster sind seit Tagen von Sicherheitskräften von der Außenwelt abgeschnitten - allem internationalen Protest zum Trotz.

Johannes Pflug will China deshalb jetzt da treffen, wo es seiner Meinung nach weh tut: Der SPD-Politiker und Vorsitzende der deutsch-chinesischen Parlamentariergruppe fordert Wirtschaftssanktionen gegen die Volksrepublik. "Olympia ist nach 14 Tagen vorbei - das Problem bleibt aber bestehen", sagt er SPIEGEL ONLINE.

Arbeiter in chinesischem VW-Werk: Viele deutsche Standorte im Land
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Arbeiter in chinesischem VW-Werk: Viele deutsche Standorte im Land

Die Boykott-Idee mag auf den ersten Blick einleuchtend sein. Immerhin bezieht nicht nur Deutschland inzwischen Massen an Waren aus China - auch die Volksrepublik importiert jede Menge aus der Bundesrepublik. 2007 wurden allein Waren im Wert von rund 30 Milliarden Euro gekauft.

Rapides Wachstum: Deutsch-chinesischer Handel
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Rapides Wachstum: Deutsch-chinesischer Handel

Im Bereich der Umwelttechnologie zum Beispiel ist Deutschland ein wichtiger Lieferant. Entstaubungsanlagen für Kohlekraftwerke werden genauso geliefert wie Wasseraufbereitungsanlagen oder Teile für Windenergieanlagen. Die chinesische Autoindustrie ist ebenfalls stark auf Zulieferteile aus dem Ausland angewiesen - laut Deutschem Industrie- und Handelskammertag (DIHK) stammen 30 Prozent aus der Bundesrepublik. Auch viele Maschinen liefert Deutschland an China.

Trotzdem sei Pflugs Idee "unrealistisch", sagt der CSU-Abgeordnete Hans-Peter Uhl, Pflugs Stellvertreter in der Parlamentariergruppe. Eberhard Sandschneider von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik bezeichnet die Idee gar als "lächerlich". "Wenn ein deutsches Unternehmen seine Lieferungen nach China aussetzt, kann es sicher sein, dass sofort ein Dutzend Konkurrenten in anderen Ländern in den Startlöchern stehen."

So sehen das die meisten Experten. "Wenn etwa die deutschen Maschinenbauer nicht liefern, wendet man sich eben an Italien oder Japan", sagt auch der Hamburger Wirtschaftsprofessor Wilhelm Pfähler. Es gebe eben kaum einen Bereich, in dem die deutschen Lieferungen sich nicht in kürzester Zeit ersetzen ließen.

China könnte fürchterliche Rache nehmen

Dieses Problem ist auch Pflug bewusst. "Natürlich müsste man auf europäischer oder gar internationaler Ebene handeln", sagt er. Uhl kontert, das sei schon technisch gar nicht machbar. "Man könnte die Unternehmen gar nicht kontrollieren."

Selbst wenn dem nicht so wäre und sich die Europäische Union mit den USA und vielleicht sogar Japan gegen die Volksrepublik verbündete: China könnte für einen internationalen Boykott fürchterliche Rache nehmen, sagt Pfähler. "Das Land verfügt etwa über Währungsreserven von einer Billion Dollar. Wenn China will, kann es von heute auf morgen 300 Milliarden US-Dollar auf den Markt werfen." Ein Horrorszenario für die US-Wirtschaft und damit für die gesamte internationale Gemeinschaft. "Wenn man mit großen Jungs spielt, ist es schwer zu drohen", fasst Pfähler das Problem zusammen.

Deutscher Export nach China: Klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu sehen
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Letztendlich würde ein Boykott die Boykottierenden sehr viel härter treffen als die chinesische Wirtschaft, so die einhellige Meinung von Wirtschaftsexperten. "Bei deutschen Unternehmen würde es einen Aufschrei geben, wenn wir so etwas wirklich planen würden", sagt Politiker Uhl. Nicht nur, weil die Firmen ihre Produkte nicht mehr ins Reich der Mitte absetzen könnten: "Viele Unternehmen haben auch im Rahmen von Joint Ventures eigene Fabriken in China aufgebaut, die ebenfalls von Lieferstopps betroffen wären", erklärt CSU-Politiker Uhl. "An etwa 60 bis 70 Prozent der Produktion in China sind ausländischen Unternehmen beteiligt", sagt China-Experte Sandschneider. Kein Wunder, dass der DIHK oder der Bundesverband des deutschen Außen- und Großhandels heute eiligst vor Wirtschaftssanktionen gegen die Volksrepublik warnten.

"Chinesen haben fein abgestufte Formen der Missbilligung"

Pflug wiegelt schon ab: Er wolle ja keinen generellen Wirtschaftsboykott, betont er. "Wir liefern viel Umwelttechnik etwa im Kraftwerksbereich nach China und Klimaschutz ist auch in unserem Sinne." Bei anderen Gütern, etwa aus dem Luxusbereich, sei das etwas anderes. Oder bei Hochtechnologiegütern, die nicht für den Umweltschutz eingesetzt werden.

Politiker Uhl will China trotzdem mit ganz anderen Mitteln unter Druck setzen. "Gerade Chinesen haben fein abgestufte Formen der Missbilligung, die man nutzen kann", sagt er. "Die Eröffnungsfeier für die Olympischen Spiele ist zum Beispiel extrem wichtig für das Prestige. Da sollten deshalb nicht die Staatsoberhäupter der Welt, sondern nur die zweite und dritte politische Riege sitzen - mit entsprechender Begründung."

Das wiederum reicht seinem SPD-Kollegen Pflug nicht. Er sieht beim Thema Menschenrechte auch Unternehmer in der Pflicht. "Ich höre immer wieder aus der Wirtschaft: Wir haben nichts gegen eine stärker werteorientierte Außenpolitik. Aber ihren Geschäften wollen die meisten Firmen ungestört nachgehen. Das regt mich auf." Das Mindeste sei deshalb, dass nicht nur die wichtigsten Politiker der Eröffnungsfeier für Olympia fern bleiben: "Auch große internationale Manager sollten nicht auf der Tribüne sitzen."

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