Tiefe Rezession Ökonomen erwarten schärfsten Wachstumseinbruch seit 1949

Es wäre eine Rezession, wie sie die Bundesrepublik noch nicht durchlitten hat: Dem Essener Forschungsinstitut RWI zufolge wird die deutsche Wirtschaft 2009 um zwei Prozent schrumpfen. Das DIW rechnet bereits für das Winterquartal 2008 mit einem Rückgang um 0,3 Prozent.


Berlin - Das Essener Forschungsinstitut RWI rechnet für 2009 mit dem wirtschaftlich schwächsten Jahr in der Geschichte der Bundesrepublik. Im Sog der weltweiten Krise werde die Wirtschaftsleistung im Gesamtjahr deutlich schrumpfen, sagten die Forscher in ihrer am Mittwoch vorgelegten Studie voraus. Das RWI revidierte damit seine frühere Prognose von plus 0,7 Prozent kräftig nach unten.

Baustelle in Berlin: RWI befürchtet historische Rezession
DDP

Baustelle in Berlin: RWI befürchtet historische Rezession

Mit ihrer Zwei-Prozent-Minus-Prognose sind die Essener wesentlich skeptischer als viele andere Forscher, die von einem Minus von rund einem Prozent ausgehen. Die Bundesbank erwartet einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 0,8 Prozent. Selbst dies wäre schon das schlechteste Ergebnis seit 15 Jahren.

Nach Einschätzung der Dresdner Bank wird die deutsche Konjunktur dagegen schon bald wieder anspringen. "Die Lage in Deutschland ist sehr schwierig, aber es gibt keinen Anlass zur Schwarzmalerei", sagte der Chefvolkswirt der Allianz-Tochter, Michael Heise. "Wir haben schon einen Teil des Weges in der Rezession zurückgelegt und es wirken eine Reihe von Gegenkräften." Dazu zählte Heise außer Zinssenkungen und Konjunkturprogrammen die fallenden Rohstoffpreise. "Das schafft Kaufkraft und erhöht die gesamtwirtschaftliche Leistung um 1,3 Prozent."

Export dürfte sich abschwächen

Das RWI begründete seine pessimistische Prognose vor allem damit, dass sich die Finanzmarktkrise weitaus stärker auf die Weltwirtschaft auswirke als zuvor absehbar. Die Konjunktur werde sich erst Ende nächsten Jahres erholen. "Insbesondere dürfte sich der Export im kommenden Jahr deutlich abschwächen, gleichzeitig Beschäftigung und Staatseinnahmen sinken", erklärte RWI-Konjunkturchef Roland Döhrn.

Damit blieben auch die Absatzerwartungen der Firmen ungünstig. Die gestiegenen Finanzierungskosten wirkten als zusätzlicher Hemmschuh für Investitionen: "Das zieht auch die Bauinvestitionen nach unten", sagte Döhrn.

Die Essener Forscher rechnen zudem wegen der drastisch gefallenen Rohstoffpreise mit einem kräftig nachlassenden Preisdruck. Für 2009 erwartet das RWI eine Inflationsrate von 0,9 Prozent. Damit wäre das Teuerungsniveau nicht einmal halb so hoch wie von der Europäischen Zentralbank mittelfristig angepeilt. Die fallenden Preise werden dem RWI zufolge den Verbrauchern mehr Geld im Portemonnaie belassen, so dass sich die verfügbaren Einkommen bis Mitte 2009 verbessern werden und den Konsum stützen.

175.000 Jobs bedroht

Die Lage am Arbeitsmarkt werde sich allerdings nächstes Jahr eintrüben und somit auch den Konsum belasten. Das Institut rechnet damit, dass die Arbeitslosenquote von 7,5 in diesem Jahr auf 7,9 Prozent 2009 steigen wird und die Zahl der Arbeitslosen im Jahresschnitt um 175.000 zunimmt. Der private Verbrauch werde im nächsten Jahr um 0,3 Prozent zurückgehen. Der Staatskonsum hingegen werde wegen der beschlossenen Investitionsprogramme um 2,1 Prozent anziehen.

Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht Deutschland tiefer in den Abschwung rutschen. Die Berliner Wirtschaftsexperten senkten am Mittwoch ihre bisherige Konjunkturprognose für das vierte Quartal. Sie erwarten nun bei der Wirtschaftsleistung ein Minus von 0,3 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Für 2008 ergebe sich daraus eine Wachstumsrate von 1,7 Prozent. Berücksichtige man die geringere Zahl an Arbeitstagen im Vorjahr, liege das Wachstum sogar lediglich bei 1,4 Prozent.

Noch Mitte November hatte das DIW für das vierte Quartal ein Plus von 0,2 Prozent erwartet, also ein vorläufiges Ende der seit dem zweiten Quartal sinkenden Wirtschaftsleistung. Seitdem habe sich aber die Industrieproduktion und die Bauwirtschaft deutlich ungünstiger entwickelt. Die deutsche Volkswirtschaft stehe inzwischen "an der Übergangsschwelle von einer Über- zur Unterauslastung der gesamtwirtschaftlichen Kapazitäten", sagte DIW-Konjunkturexperte Stefan Kooths. Deshalb könne "nunmehr auch im eigentlichen Sinne von einer Rezession gesprochen werden".

Experten rechnen mit Verdreifachung der Kurzarbeit

Das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) erwartet im kommenden Jahr einen spürbaren Anstieg der Kurzarbeit. Das berichtet die "Bild"-Zeitung. Demnach könnte die Zahl der Kurzarbeiter im Jahresdurchschnitt bis auf 200.000 steigen, den höchsten Wert seit 2002.

Die Leiterin der Abteilung Konjunktur und Arbeitsmarkt, Sabine Klinger, sagte der Zeitung: "Schrumpft die Wirtschaft 2009, ist nicht auszuschließen, dass die Zahl der Kurzarbeiter im Jahresschnitt das Niveau von 2002 erreicht." Vor sechs Jahren waren im Jahresdurchschnitt 206.000 Arbeitnehmer offiziell als Kurzarbeiter registriert gewesen. Für dieses Jahr erwartet das IAB durchschnittlich 73.700 Kurzarbeiter.

Klinger erklärte, Unternehmen würden unter anderem wegen des Fachkräftemangels auf Kurzarbeit setzen. Mit diesem Instrument könnten Firmen in der Krise Fachkräfte an sich binden, "die sie im nächsten Aufschwung wieder brauchen". Mit Kurzarbeit können Unternehmen in Abschwungphasen Kündigungen vermeiden. Die Belegschaften arbeiten weniger. Verdienstausfälle werden durch das sogenannte Kurzarbeitergeld der Bundesagentur für Arbeit teilweise ausgeglichen.

ssu/AFP/dpa-AFX/Reuters

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.