Tiger mit Tank Asiens neue Ölmächte

Vor den Küsten der Tigerstaaten Südostasiens stoßen Bohrinseln auf immer mehr Erdgas und Öl. Vietnam hat am meisten Glück: Dort erstrecken sich die Felder wie ein Teppich von Norden nach Süden - darunter ein "supergiant field" wie in Saudi-Arabien.

Von Joachim Hoelzgen


Junge Weltenbummler, Rucksackträger aus Europa und Backpacker aus Amerika, haben in Südostasien schon seit längerem ein neues Strandmekka entdeckt: die Küste Kambodschas bei Sihanoukville, wo sich Pinien und Zuckerpalmen bis an die Sandstreifen am Meer vorschieben

Bei Lobster vom Grill und zurückgelehnt in Korbstühlen unter Palmendächern ließ es sich hier bestens leben - bisher. Denn am Hafen von Sihanoukville zeigen Berge von Containern, Bohrgestänge und Pipelinerohre etwas ganz anderes an: Erdgas und Öl, das vor der tropischen Welt der Strandhütten und des watteweichen Sands gefunden worden ist. Es wird nicht nur das schläfrige Sihanoukville, sondern ganz Kambodscha aufrütteln - eines der ärmsten Länder Asiens, das mit den Rohstoffen endlich den großen Sprung nach vorn machen will.

Bei Probebohrungen vor Sihanoukville ist der amerikanische Konzern Chevron gleich mit vier von insgesamt fünf Bohrlöchern auf Öl gestoßen - ein Fund, den Chevron als "signifikant" bezeichnet. In sechs Feldern werden 500 Millionen Barrel des schwarzen Golds vermutet - und auch das ist wahrscheinlich nur ein Anfang wie bei all den anderen Gas- und Ölvorkommen, die in Südostasien gegenwärtig fast im Tagesrhythmus entdeckt werden.

Förderung bis in 2800 Meter Tiefe

Malaysia strebt eine Rolle als Ölmacht an und treibt die Offshore-Suche vor Sabah und Sarawak voran, den Bundesstaaten im Norden der Insel Borneo. Bis in 2800 Meter Meerestiefe dringen hier die Bohrgestänge bereits vor. Vietnam holt auf und ist schon der drittgrößte Ölproduzent der Region. Dem sozialistischen Land kommt ein geologischer Glücksfall zugute, weil sich seine Gas- und Ölfelder nicht weit vor der Küste in seichten Gewässern befinden und vom Golf von Tonkin wie ein Teppich unterseeisch bis zur Südspitze des Landes reichen.

Ölreiches Seegebiet: Mittels Erdgas und Öl das Wirtschaftswachstum ankurbeln
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Und auch Myanmar, das frühere Burma, entsendet Bohrplattformen auf das Meer - jedoch als Rohstoff-Satellit von China. Die Militärregierung Myanmars behauptet, inzwischen Ölreserven von 3,2 Milliarden Barrel zu besitzen. Mit Pekings Staatsgesellschaft National Petroleum hat sie Abkommen zur Erschließung weiterer Lagerstätten abgeschlossen. Über Pipelines sollen die Funde schnurstracks in die südchinesische Provinz Yunnan geleitet werden.

Aber auch Russland, der wichtigste Waffenlieferant des Militärregimes, darf mit der Gesellschaft Sarubeschneft (deutsch: Öl im Ausland) vor Myanmar nach Öl schürfen - vielleicht liefert es im Gegenzug dann neue MiG-29-Kampfflugzeuge an die Generale.

Fieberhaft und gleichsam im Dutzendpack vergeben auch Thailand und die Philippinen Konzessionen auf der Jagd nach Gas- und Ölfundstätten, die über Jahrmillionen aus Plankton am Meeresgrund und aus Farnwäldern an den Küsten entstanden. Die Zukunft der neuen Ölstaaten in Südostasien liegt gewissermaßen in der Erwartung begründet, dass sich das fossile Erbe niemals erschöpft - wie es etwa im Sultanat Brunei geschehen ist, wo der Landesherrscher mit dem Ölpumpen so prasste, dass die Tagesquote auf gegenwärtig nur mehr 198.000 Barrel zurückging.

Ähnliches widerfuhr auch der einstigen Erdölvormacht Indonesien. Misswirtschaft und Korruption haben dort zur Überalterung der Ölfelder geführt, da kaum mehr in moderne Fördermittel investiert wurde. Als einziges Mitglied der zwölf Opec-Länder ist Indonesien sogar zum Netto-Importeur von Öl geworden, obwohl es nachgewiesene Reserven von mehr als vier Milliarden Barrel aufweist. Durch neue Felder, die zwischen Ost- und Zentraljava erschlossen werden, soll sich das nun wieder ändern.

Bohren vor dem Dschungelberg

Aufstrebenden Ölländern wie etwa Malaysia und Vietnam kommt nicht nur der hohe Weltmarktpreis entgegen, der vor allem die Offshore-Suche nach Öl interessant macht. Sie wollen mit eigenem Erdgas und Öl vor allem das wirtschaftliche Wachstum ankurbeln, um im Konkurrenzkampf der Tigerstaaten untereinander wettbewerbsfähiger zu sein. Noch ist in der Region die sogenannte Asienkrise nicht vergessen, die vor genau zehn Jahren mit der Abwertung der thailändischen Währung anfing und ganze Nationen mit Ruin bedrohte.

Inzwischen haben die damals schwer zerzausten Raubkatzen wieder mächtig Muskeln angelegt. Sie haben ihr Wirtschaftswachstum verdoppelt - und packen jetzt dank ihres Öls erst recht den Tiger in den Tank. Den größten Fortschritt hat Malaysia gemacht, das sich dank seiner Chipfabriken zu einem Hightech-Land verwandelt hat und obendrein selbst Öl exportiert.

Mit Hilfe ausländischer Unternehmen wie Royal Dutch Shell und dem amerikanischen Tiefwasserspezialisten Murphy Oil werden vor der Küste Sabahs neue Felder wie am Fließband erschlossen. Im Herbst soll etwa aus der Lagerstätte Kikeh erstmals Öl aufsteigen - 350 Millionen Barrel harren hier der Ausbeutung.

Vor drei Jahren wurde in Malaysia das Feld Gumusut-Kakap entdeckt, in dem 400 Millionen Barrel lagern, und zusammen mit dem australischen Rohstoffriesen BHP Billiton erschließt der malaysische Staatskonzern Petronas weitere Vorkommen im Meer vor der Sabah-Hauptstadt Kota Kinabalu, benannt nach dem 4101 Meter hohen Dschungelberg Mt. Kinabalu, dem höchsten Gipfel Südostasiens.

Es sind aber nicht nur brandneue Hochhäuser, die in der Küstenmetropole von dem Ölboom zeugen. Auf der malaiischen Halbinsel steht ein noch spektakuläreres Projekt an - und zwar die Verlegung einer Pipeline quer durch das Land, vom Indischen Ozean im Westen durch Teeplantagen und Dschungeltäler bis zum Südchinesischen Meer im Osten.

Aufschwung zum Ölgiganten

Die Mammut-Pipeline, 320 Kilometer lang und 14,2 Milliarden Dollar teuer, soll die enge Straße von Malakka entlasten, die mit Containerschiffen und Öltankern überlaufen ist. Auf dem Weg zu Großabnehmern wie Japan und Südkorea muss sich hier die Hälfte der Weltöltransporte durchzwängen.

Kein Interesse an der Pipeline hat ein Land, das zunächst auf Selbstversorgung setzt: Vietnam. Wie wild lässt das Preußen Südostasiens in den Gewässern vor der Küste nach Öl bohren.

Drei neue Blöcke mit 700 Millionen Barrel werden derzeit vor dem südlichen Vietnam im sogenannten Cuu-Long-Becken erschlossen, und gerade meldete das Konsortium JapanVietnam Petroleum die Entdeckung eines weiteren Felds mit 37 Millionen Barrel.

Die größten Ölvorkommen aber finden sich im Song-Hong-Becken zwischen dem nördlichen Festland und der chinesischen Ferieninsel Hainan. Für dieses Gebiet mit 50.000 Quadratkilometern Wasserfläche hat Hanoi am 11. Juni sieben Förderblöcke zur Versteigerung ausgeschrieben - mit einem Inhalt von angeblich fünf Milliarden Barrel Öl. Das würde einem "supergiant field" entsprechen, wie es sie sonst in Saudi-Arabien und in Sibirien gibt.

Von einem ähnlichen Aufschwung zum Ölgiganten kann man im benachbarten Kambodscha nur träumen. Dort müsste erst einmal die Korruption der gierigen Eliten in der Hauptstadt Phnom Penh bekämpft werden, um das zukünftige Ölgeld für den Bau von Schulen und Spitälern verwenden zu können.

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