Tipp-Kick-Kult WM auf dem Küchentisch

Die erfolgreichste Fußballmannschaft der deutschen Geschichte kommt aus Villingen-Schwenningen: Dort produziert seit acht Jahrzehnten ein Familienbetrieb das Tipp-Kick-Spiel.  Im WM-Jahr soll das Kultspiel nun Asien erobern.

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Hamburg - "Mensch", brüllt einer der Männer wütend und puhlt hektisch den kleinen Ball aus seinem Tor. Dann beugt er sich wieder mit ernstem Gesicht über den niedrigen Tisch mit dem grünen Fußball-Spielfeld, bringt das kleine Zinkmännchen an der Mittellinie in Stellung. Erst ein vorsichtiger Kick um den Ball in eine gute Position zu bringen. Schon schwebt der Zeigefinger erneut zitternd über dem winzigen Spieler, saust nach einem letzten schätzenden Blick herab auf den roten Knopf, der schmale Eisenfuß schnellt nach vorn, kickt den Ball quer durch die Luft - ins Gegnertor. "Jawoll", brüllt der Mann, dann piept die Stoppuhr: Rundenende.

Die Spieler gehen kurz unruhig hin und her in dem kleinen Raum des Hannoveraner Kulturzentrums, die Verlierer heben Schultern und Hände in ungläubiger Geste. Die Turnierteilnehmer sind so unterschiedlich, dass man meinen könnte, sie seien nur zufällig hier gelandet: Ein 19-jähriger hat die blonden Haare zur trendigen Irokesenfrisur geföhnt. Sein Gegenüber ist mindestens 15 Jahre älter, trägt Trainingshose und Goldkettchen. Aber alle positionieren sie die kleinen Tipp-Kick-Spieler mit dem gleichen selbstvergessenen Blick auf dem Tisch, um den Ball sacht zur Seite rotieren oder in hohem Bogen über das Feld fliegen zu lassen.

Ein grünes Spielfeld zum Ausrollen oder Aufspannen, zwei Torwarte und zwei Spieler, aus deren Köpfen kleine Metallstäbe mit Knöpfchen am Ende ragen wie Antennen - so sehen die Tipp-Kick-Spiele seit 1923 aus. Während Unternehmen wie Mattel oder der Playmobil-Hersteller geobra Brandstätter Piratenburgen, Herr-der-Ringe-Welten, Dinosaurierparks und Batmanfamilien schufen, bekamen die kleinen Fußballer nur immer wieder neue Trikots übergestülpt und alle zehn Jahre eine neue Verpackung. Doch das schlichte Spiel ist Kult. Immer neue Vereine werden gebildet, die in Ober-, Regional- und Bundesligen spielen. Und jetzt zur Fußball-Weltmeisterschaft scheint auch noch das letzte Jugendhaus seine interne Tipp-Kick-WM zu starten.

"Das isch der Wahnsinn, was grade passiert", sagt Mieg in seinem weichen Schwäbisch und strahlt über seine Kaffeetasse hinweg. Über ihm blicken sein Vater und sein Großvater, nach dem die Edwin Mieg oHG benannt wurde, aus schwarzweißen Großaufnahmen freundlich in den Raum. Gemeinsam mit seinem Cousin führt Mieg das kleine Familienunternehmen in Villingen-Schwenningen, das die kultigen Kicker produziert, schon in dritter Generation.

Zwölf feste Mitarbeiter hat die Schwarzwälder Firma. Es gibt weder Marketingabteilung noch einen Stab von Ingenieuren, die unter Berücksichtigung aktueller pädagogischer Erkenntnisse oder Trends an neuen Spielzeugen herumbasteln könnten. Die Werbeprospekte der Mieg oHG entwirft die Frau von Matthias Mieg. Für das aktuelle Foto-Motiv stellte die Sonderschullehrerin einige Schüler und den zwölfjährigen Sohn um einen der grünen Fußballtische und ließ sie ein wenig herumalbern.

Mit Tipp-Kick-Spielen WM-Vokabular pauken

Seit der einzige Versuch, das Sortiment um Spiele wie Boccia- oder Crocket zu erweitern, Ende der sechziger Jahre fast in die Pleite führte, konzentriert sich der mittelständische Betrieb allein auf die Tipp-Kick-Produktion - und trotzt so sämtlichen Wirtschaftsflauten und Preisschlachten in der Branche. 80.000 bis 100.000 Spiele produziert die Edwin Mieg OHG jährlich im Durchschnitt. "Unsere Konjunktur orientiert sich nur an Europa- und Weltmeisterschaften", sagt Mieg.

Dieses Jahr allerdings bricht der kleine Spielehersteller alle Verkaufsrekorde - sogar den von 1954. Im Jahr des "Wunders von Bern", als plötzlich alle Kinder Helmut Rahns Siegtreffer nachspielen wollten, wurden 160.000 Spiele verkauft. Dieses Jahr sind schon 200.000 Sets weggegangen. Denn nicht nur Spielzeugläden stocken ihre Bestände auf, unzählige Firmen wollen die kleinen Fußballer auch als Give-away haben. Allein der Kräuterlikörherstellter Ramazotti hat bei einer Million Flaschen einen der Eisenfußballer auf den Deckel geschraubt. Und das Goethe-Institut lässt zurzeit in aller Herren Länder mit den Schwarzwälder Kickern im Deutschunterricht Fußball spielen.

In der kleinen Produktionshalle in Villingen-Schwenningen herrscht deshalb Ausnahmezustand. Acht zusätzliche Teilzeitkräfte wurden eingestellt. Überall stapeln sich Kisten und Spielkartons zu wackeligen Türmen auf, an dem alten Werkzeugtisch stecken Mitarbeiter an Maschinen aus den siebziger Jahren Hunderten von Kickern ihr rechtes Bein an. Als das kurze Fließband in der Mitte anläuft, springen alle wie auf ein unsichtbares Kommando auf: Bevor der Paketdienst kommt, muss noch eine Lieferung für eine Bank zusammengepackt werden. Große Mannschaftskontingente werden inzwischen in Asien zusammengesetzt und bemalt, aber die zahlreichen Aufträge mit kleinen Stückzahlen werden noch im Hause erledigt. "Wir sind hier flexibel", sagt Mieg und zeigt wie so häufig sein nettes Bubenlächeln: "Weil Kleinvieh macht auch Mischt." 

Dass das Geschäft nach der WM erst mal zusammenbrechen könnte, glaubt er nicht. "Das Give-away-Geschäft ist ja auch Reklame für uns." 2008 stehen in Österreich und der Schweiz auch noch die Europameisterschaften an. Außerdem wollen die Miegs den Kult um die Zinkmännchen mit Hilfe der WM jetzt auch nach China und Hongkong exportieren. Einen ersten Kooperationsvertrag mit Toys "R" Us Asien gibt es schon - auch dort können Fußballfans in vier Märkten schon jetzt mit den kleinen Tipp-Kickern der 32 teilnehmenden Mannschaften ihr Wunsch-Finale spielen.



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