Tod mit 104 Millionenerbin nimmt ihr Geheimnis mit ins Grab

Es ist ein mysteriöser Fall: Als junge Frau gehörte Huguette Clark zur New Yorker High Society. Dann tauchte sie ab und lebte bis zu ihrem Tod völlig zurückgezogen. Nun hinterlässt eine der reichsten Amerikanerinnen nicht nur ein Millionenvermögen, sondern auch ein Rätsel um ihr Leben.

AP

Von , New York


Das aktuellste Foto, das von ihr bekannt ist, zeigt sie in einem Wintermantel mit enormem Fuchskragen. Auf dem Kopf trägt sie einen Topfhut, um den Hals eine dezente Perlenkette, an den Handgelenken blitzen zwei Armbänder und eine Damenuhr. Ernst schaut sie an der Kamera vorbei ins Nichts.

Die Aufnahme stammt vom 11. August 1930.

In den fast 81 Jahren, die Huguette Clark danach noch lebte, hat es kein weiteres öffentliches Bild mehr von ihr gegeben. Von der Welt entrückt, führte die Millionenerbin ein selbstgewähltes Eremiten-Dasein mitten in Manhattan. Einst eine der bekanntesten Society-Ladys dort, genoss sie immer schon maßlosen Reichtum - dank ihres Vaters. Er war Senator, Kupferbaron und Finanzier an der Wall Street.

Doch dann, eines Tages, verschwand sie plötzlich von der Bildfläche - für den Rest ihrer langen Tage.

Nun ist Huguette Clark tot - und über eines der großen Geheimnisse New Yorks wird erneut spekuliert: Wer war sie wirklich? Wieso zog sie sich zurück? Wo ist ihr Riesenvermögen? Drei prachtvolle, verlassene Anwesen in New York, Connecticut und Kalifornien sollen dazugehören. Und wer erbt das nun alles?

Fragen, die ein paar beharrliche US-Journalisten nach und nach aufdecken. Allen voran Bill Dedman, ein investigativer Reporter des TV-Kabelsenders MSNBC. "In 907 Fifth Avenue, ihrem New Yorker Apartmenthaus mit Blick auf den Central Park", sagte er, "war sie mindestens 22 Jahre lang nicht gesichtet worden."

Angehörige einer der schillerndsten Dynastien Amerikas

Tatsächlich starb Huguette Marcelle Clark vorige Woche im Alter von 104 Jahren in einem Privatzimmer im Beth Israel Medical Center, einem Krankenhaus auf der East Side. Dort hatte sie - umringt von ihren Puppen - die letzten Jahrzehnte verbracht. "Sie verstarb in aller Würde", erklärte Michael McKeon, der Sprecher ihres Anwalts Wallace Bock. "Wir beabsichtigen, ihren Wunsch nach Privatsphäre weiter zu respektieren."

Es waren Worte, die das Geheimnis um die reiche Dame nicht lüfteten. Denn schon lange vor ihrem Tod hatte Huguette Clark beschlossen, einen Schleier über ihr Dasein zu ziehen. Mit Erfolg: Kaum ein New Yorker kennt ihren Namen heute noch - dabei wurde er einst im gleichen Atemzug mit den Astors, Vanderbilts, Carnegies und Rockefellers genannt.

Die meisten dieser Namen hallen immer noch nach in dieser Stadt, die gebaut ist auf dem Geld früherer Generationen. Huguette Clark dagegen wurde erst jetzt noch einmal kurz zum Gesprächsthema, als die "New York Times" ihren Nachruf auf die erste Seite setzte: "Sie war das letzte Bindeglied zu New Yorks goldenem Zeitalter."

Jenes "Gilded Age", so taufte Mark Twain die Ära, war die Blütezeit nach dem US-Bürgerkrieg, in der Amerika zur industriellen Weltmacht reifte und die Öl-, Stahl- und Kupferdynastien sich Paläste an der Fifth Avenue bauten. Die wohl prominenteste "Grande Dame" von damals, Brooke Astor, blieb bis zu ihrem Tod 2007 eine Art Schutzheilige New Yorks.

"Schande für die amerikanische Nation"

Unbemerkt von den meisten aber dämmerte noch eine weitere Zeitzeugin im Schatten der Millionenmetropole dahin - eine, deren Leben durch drei Jahrhunderte geprägt wurde.

William Clark, Huguette Clarks Vater, war ein Selfmade-Millionär. 1839 in einer Hütte in Pennsylvania geboren, ließ er sich vom Goldrausch nach Montana treiben, damals noch ein Territorium, kein Bundesstaat. Statt auf Gold stieß er auf Kupfer - und wurde damit bald zu einem der reichsten Männer Amerikas.

Nachdem Montana zum Staat ausgerufen worden war, erkaufte sich Clark 1899 einen Sitz im Senat, indem er die Landesabgeordneten bestach. Er saß dort bis 1907. Sein Ruf war jedoch dahin: "Er ist der verkommenste Mensch unter der Flagge", schrieb Mark Twain. "Er ist eine Schande für die amerikanische Nation."

Unbeirrt weitete Clark sein Imperium aus. Er machte Geld mit Gold, Silber, Eisenbahnen, Immobilien, Holz, Vieh, Zucker, Kaffee, Zeitungen, Finanzen. Sein Briefkopf trug die Adresse 49 Wall Street, New York - ein Block von der Börse entfernt.

Größtes Apartment am Central Park

Clarks Bahnlinie, die Salt Lake Los Angeles Railroad (SLR), durchzog den US-Südwesten. Das Brachland an einer Bahnkreuzung in der Wüste ließ Clark 1905 mit Gewinn versteigern. Das desolate Areal wurde zur Keimzelle von Las Vegas, dessen Regierungsbezirk bis heute nach dem Millionär benannt ist: Clark County.

Clark hatte sieben Kinder aus zwei Ehen. Huguette, geboren 1906 in Paris, war die Jüngste. 1907 zogen die Clarks in einen gigantischen Palast an der Fifth Avenue, direkt am Central Park: 121 Zimmer, 225 Gemälde, Marmorstatuen, Antiquitäten.

1919 starb Huguettes ältere Schwester Andrée mit 16 Jahren an Hirnhautentzündung. William Andrews Clark starb 1925. Er hinterließ den Großteil seines Vermögens seiner Frau Anna und den Kindern. Anna und Huguette, die als einziges der Kinder noch bei den Eltern wohnte, verkauften die Villa und zogen in eine Apartmentflucht.

Auch diese Residenz suchte ihresgleichen: 42 Zimmer im gesamten achten und im halben zwölften Stock, Gemäldegalerie, Musiksalon, Atelier. Es ist bis heute das größte durchgehende Apartment am Central Park.

Eine Zeitlang waren Huguette und ihre Mutter Stars der hiesigen Gesellschaft. Manchmal fuhren sie auch mit der Bahn nach Kalifornien, zu ihrem Anwesen Bellosguardo in Santa Barbara, einem 2000-Quadratmeter-Gemäuer am Meer.

Eine Heirat, Gerüchte um eine neue Liebe - dann tauchte sie ab

Dort heiratete Huguette 1928 den Studenten William MacDonald Gower. "Kein Paar begann sein Eheleben unter brillanteren Vorzeichen", jubelte der "New York Herald". Doch schon 1930 wurden sie wieder geschieden, die Ehe sei "unvollzogen", hieß es.

1931 ergötzten sich die Zeitungen an Gerüchten über eine neuerliche Verlobung Huguettes - diesmal mit Edward FitzGerald, dem Duke of Leinster. Der Abkömmling einer irischen Dynastie hatte allen Besitz verspielt und war nach Amerika gekommen, um hier eine reiche Gattin zu finden. Beide dementierten die Liaison.

Danach tauchte Huguette Clark ab.

Sie verließ das Apartment nicht mehr. Sie und ihre Mutter empfingen nur noch wenige Besucher. Etwa den Komponisten und Harfisten Marcel Grandjany, der Anna Clark Harfestunden gab, nachmittags um vier. Huguette spielte Geige.

Anna Clark starb 1963. Huguette lebte jetzt allein in der Zimmerflucht, umgeben von Ölbildern und ihrer antiken, penibel gepflegten Puppensammlung. In den sechziger Jahren sei ihre TV-Lieblingssendung die Zeichentrickserie "Familie Feuerstein" gewesen, berichtete Chris MacKenzie, die Enkelin der Clark-Haushälterin Delia Healey, dem MSNBC-Reporter Dedman.

Gegen Ende der achtziger Jahre zog Clark in eine Krankenhaussuite, erst im inzwischen geschlossenen Doctors Hospital, dann ins Beth Israel. Zunächst nicht, weil sie krank war, sondern offenbar aus Bequemlichkeit. In der Klinik lebte sie unter einer Reihe von Pseudonymen.

Ermittler nehmen ihre Buchhaltung unter die Lupe

Clarks Immobilien standen jahrzehntelang leer. Diener staubten die Bilder und Antiquitäten ab - auch in "Le Beau Château", der 24-Millionen-Dollar Villa in Connecticut, die Clark 1952 gekauft hatte. Die Offerte eines unbekannten Interessenten, ihr das kalifornische Bellosguardo für 100 Millionen Dollar abzunehmen, schlug sie aus.

Öffentlich war Clark nicht mehr präsent, hinter den Kulissen wirkte sie aber noch. Noch zu Lebzeiten veräußerte sie Besitz. Eine Stradivari-Violine trat sie für sechs Millionen Dollar an einen Sammler ab. Ein Renoir brachte 23 Millionen Dollar. Engen Freunden schenkte sie Millionen. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 spendete sie 1,5 Millionen an eine jüdische Siedlung in Israel.

Am Ende gab es Zweifel, wie korrekt die Finanzen der greisen Dame geführt wurden. Ihr langjähriger Buchhalter Irving Kamsler wurde 2008 wegen versuchter Verbreitung von Kinderpornografie zu fünf Jahren Bewährung verurteilt. Die New Yorker Staatsanwaltschaft nahm ab August 2010 Clarks Finanzverhältnisse unter die Lupe. Laut "New York Times" dauern die Ermittlungen an.

Kommende Woche wäre Huguette Clark 105 Jahre alt geworden. Was nun aus ihrem Eigentum wird, ist unklar. Alles, was den New Yorkern bleibt, sind Erzählungen aus einer untergegangenen Zeit und Fotos wie das vom 11. August 1930. Es war der Tag ihrer Scheidung.



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favela lynch 30.05.2011
1. Tränen aus gläsernen Augen
Wie kultiviert! Ein eigenes Universum - unantastbar. Wenn man sich nur vorstellt, was für eine Society-Futtel sie hätte werden können! Stattdessen ein Tod im Kreise ihrer Liebsten. Tränen aus gläsernen Augen. One-of-a-kind - an american life!
andjessi 30.05.2011
2. 81 Jahre nicht in der Öffentlichkeit
..ein sinnvoller Lebensentwurf für so manche Promi-Tante.
ignazwrobel 30.05.2011
3. R.i.p
Sie hat so gelebt wie sie es wollte. Das muß man respektieren. Sie hat sich den neugierigen und neidischen Blicken der Öffenlichkeit entzogen. Nun ruhe in Frieden Nur eines ist sicher, um ihr Erbe wird es sicher noch viel Streit geben, weil jeder etwas vom Kuchen haben möchte.
Rodri 30.05.2011
4. ...
Sehr interessanter Artikel. Scheint tatsächlich eine sehr interessante Familiengeschichte zu sein. Wenn man bedenkt wie sehr sie in den 1920er Jahren und Anfang der 1930er Jahre im Mittelpunkt gestanden haben muss, kann man wohl leichter nachvollziehen wieso sie einfach nur noch ihre Ruhe haben wollte. Wobei ich denke: bei den schönen Anwesen, die sie hatte: Was eine Verschwendung, die einfach verstauben zu lassen. ^^ Aber jedem das seine. Wenn sie mit ihrem Leben glücklich war, dann ist doch alles okay. Bin mir sicher wir werden noch ne Weile was von ihr hören (wo Geld ist wird es wie immer leider einen großen Kampf ums Erbe geben).
spawn478 30.05.2011
5. Ganz so positiv ist das nicht
Wenn sich jemand vollständig von der Außenwelt abkapselt, dann ist das ein Zeichen für Krankheit, nicht für einen freiwillig gewählten Lebensstil. Oder wollt ihr euer Leben lang in der eigenen Wohnung verbringen?
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