Toll-Collect-Kündigung "Kein guter Tag für die Wirtschaft"

Das Wehklagen ist groß. "Imageschaden", "unseriöses Geschäftsgebaren", "peinlich", kommentierten Vertreter der deutschen Wirtschaft das Mautdesaster. Das Ansehen der Konzerne Deutsche Telekom und DaimlerChrysler sei beschädigt, der Standort Deutschland werde darunter leiden. Die Börse ignorierte allerdings die Hiobsbotschaft.


BDI-Präsident Rogowski: Hofft auf ein Einlenken der Beteiligten
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BDI-Präsident Rogowski: Hofft auf ein Einlenken der Beteiligten

Berlin/Waltershausen - "Das ist kein guter Tag für den Innovationsstandort Deutschland", sagte Michael Rogowski, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Ein endgültiges Scheitern des Projekts hätte unabsehbare Folge. Denn abgesehen von dem bislang entstandenen Schaden würde auch die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie Schaden nehmen. "Das satellitengestützte Mautsystem ist in seinen technischen Möglichkeiten allen Konkurrenzsystemen überlegen und könnte zum Exportschlager werden".

Rogowski rief die Beteiligten dazu auf, doch noch eine Einigung herbeizuführen. "Beide Seiten sollten von Maximalpositionen abrücken und eine Einigung anstreben. So könnte ein erheblicher Imageschaden für Deutschland noch abgewendet werden."

Mit seinen Befürchtungen steht der BDI-Präsident nicht allein da. Auch die Volkswirte der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute sehen ein Problem. "Das bestärkt die ohnehin reservierte Haltung des Auslands gegenüber der Reformfähigkeit Deutschlands", sagte etwa Jörg Krämer, Chef-Volkswirt bei Invesco. Mit finanziellen Auswirkungen, etwa durch Einbußen bei den Ausfuhren, rechnet Krämer dagegen kaum. "Dafür ist der deutsche Export zu breit aufgestellt."

Weit drastischer hatten sich Aktionärsschützer geäußert. Sie kündigten an, den Vorständen von DaimlerChrysler und Deutscher Telekom auf den nächsten Hauptversammlungen eine Entlastung zu verweigern. "Nach dem blamablen technischen Versagen will man sich nun offenbar mit juristischen Tricksereien der versprochenen Leistung und der Verantwortung entziehen", erklärte die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK). "Der Vorgang erinnert mehr an das Geschäftsgebaren eines unseriösen Gebrauchtwagenhändlers als an Standards."

Nach Ansicht der Aktionärsschützer sind durch dieses Verhalten langfristig negative Auswirkungen auf das Image und die Ertragssituation von Telekom und DaimlerChrysler zu befürchten. Außerdem werde dem Ansehen der gesamten deutschen Wirtschaft geschadet. "Die Vorstände der beiden Konzerne sind hierfür verantwortlich und daher nicht zu entlasten."

Die konkreten finanziellen Auswirkungen für die beteiligten Firmen sind allerdings bislang nur ansatzweise abschätzbar. Als maßgeblicher Partner könnte die Deutsche Telekom - neben einer möglichen Schadenersatzklage des Bundes auf entgangene Einnahmen - ihre Investitionskosten nicht erstattet bekommen, vermuten Analysten. Der vor allem aus den bisher getätigten Investitionen bestehende Buchwert von Toll Collect beträgt den Angaben zufolge rund 700 Millionen Euro, wovon je 45 Prozent auf die Telekom und Daimler entfallen.

Die vor allem bei der Telekom und Daimler anfallenden laufenden Verluste von Toll Collect schätzen die Analysten 2004 auf jeweils rund 200 Millionen Euro. Dadurch werde zwar nicht das operative Ergebnis, aber das Finanzergebnis der Konzerne belastet. Nachhaltige Schäden für die Aktienkurse der Konzerne schlossen die Analysten aus. Denn Geschäftsergebnisse von Toll Collect oder Erträge aus einem möglichen Export des weltweit führenden Maut-Systems haben die meisten Analysten in ihren Prognosen noch nicht berücksichtigt.

Wirklich kritisch will sich zwar kaum einer Experten zur Managementleistung der DaimlerChrysler- und Telekom-Vorstände äußern, doch im Allgemeinen ist das Echo eindeutig negativ. Pia Hellbach, Fondsmanagerin bei Union Investment in Frankfurt, sagte: "Das ist schon ein wenig peinlich für die Unternehmen und ein Schlag für die Regierung." Als Exportprodukt sei das Mautsystem erst einmal gestorben.

Die Anleger zeigten sich heute allerdings von der Vertragskündigung unbeeindruckt. "Das ist ein Desaster und eine Blamage, aber die Auswirkung auf die Kurse dürften gering sein", sagte Holger Pfeiffer, Eigenhändler beim Bankhaus Sal. Oppenheim. Die Papiere von DaimlerChrysler gewannen im Tagesverlauf 0,5 Prozent auf 36,30 Euro hinzu, die T-Aktie zog noch deutlicher um 4,2 Prozent auf 16,54 Euro an. Die Analysten von Dresdner Kleinwort Wasserstein hatten das Papier auf "Buy" hoch gestuft, weil die milliardenschwere AT&T-Übernahme auf dem US-Mobilfunkmarkt eine höhere Bewertung der US-Mobilfunktochter des Konzerns nötig machen könnte. Somit wäre auch die T-Aktie mehr wert.

Kommentar eines Händlers: "Das Thema Toll Collect wird von vielen Börsianern als politisches Hickhack und weniger als Unternehmensstory eingeschätzt. Das könnte sich aber ändern, wenn es die ersten Analystenschätzungen über die finanzielle Belastung der Konzerne gibt".



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