Transrapid made in China "Die Deutschen haben Fehler gemacht"

Mit einer eigenen Magnetschwebebahn attackiert China das Transrapid-Konsortium. Kritiker monieren, die deutschen Hersteller hätten die Technologie unzulänglich geschützt. Der Fall zeigt: Geistiges Eigentum westlicher Konzerne ist in der Volksrepublik schwer zu verteidigen.

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Hamburg - Siemens-Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer hat nie einen Hehl aus seiner Vorliebe für das Engagement deutscher Unternehmen in China gemacht. "Das Risiko, nicht dabei zu sein, ist größer als das Risiko, dabei zu sein", hat der Manager einmal gesagt. Möglicherweise muss von Pierer sein Mantra anpassen. Derzeit nämlich attackieren ausgerechnet die Chinesen Siemens Chart zeigen im Markt für Magnetschwebebahnen.

Transrapid-Werbung in Shanghai: Keine Kenntnisse von einer Patentverletzung
EPA/DPA

Transrapid-Werbung in Shanghai: Keine Kenntnisse von einer Patentverletzung

Bislang dominiert der Münchner Konzern das Segment mit dem in Kooperation mit ThyssenKrupp Chart zeigen entwickelten Transrapid. Die deutschen Unternehmen haben die weltweit einzige kommerziell genutzte Magnetschwebebahn-Strecke in Shanghai gebaut. Nun aber hat die Volksrepublik einen eigenen Magnetzug entwickelt, der wie die deutsche Bahn bis zu 500 Kilometer pro Stunde erreichen soll.

Die China Aviation Industry Corporation (CAC) aus Chengdu in Südwestchina erklärte heute, der erste Test sei im Juli auf einer 1,7 Kilometer langen Versuchsstrecke der Tongji-Universität in Shanghai geplant. Die Entwicklung unter dem Projektnamen CM1 Dolphin im Rahmen eines staatlich geförderten Hochtechnologieprogramms sei schon im fortgeschrittenen Stadium.

Die chinesischen Entwickler geizen nicht mit Selbstbewusstsein. Der Zug sei viel leichter als der deutsche Transrapid, betont Chefingenieur Zhen Qihui. "Das Design ist viel fortschrittlicher." Besorgnisse, dass urheberrechtlich geschützte deutsche Technologie für die Entwicklung missbräuchlich benutzt worden sein könnte, wies Zhen entschieden zurück: "Das weiß ich ganz genau. Das ist unmöglich. Die Bahn, die wir gebaut haben, ist ganz anders als die deutsche." Auch das Transrapid-Konsortium hat bislang nach eigener Aussage keine Kenntnisse von einer Patentverletzung.

Weitere Magnetschwebebahn in Planung

Beobachter können da nur mit dem Kopf schütteln. Jörg-Meinhard Rudolph, Dozent am Ostasieninstitut der Fachhochschule Ludwigshafen, rechnet fest damit, dass die Dolphin-Entwickler Transrapid-Technik nutzen. "Die Deutschen haben bei dem Projekt große Fehler gemacht. Blaupausen für den Fahrweg wurde den Chinesen beispielsweise zur Verfügung gestellt", sagt der Herausgeber des Online-Dienstes Sju Tsai.

Zudem baue in China nicht nur die CAC in Chengdu an einer Magnetschwebebahn, erklärt Rudolph. Er verweist auf ein Projekt, das die China Northern Locomotive and Rolling Stock Industry Group in Kooperation mit der National University of Defense Technology aus Nordostchina gestartet hat. Hier geht es um eine Magnetschwebebahn für mittlere Geschwindigkeiten. Ein Prototyp dieses Zuges habe bereits eine erste Testfahrt absolviert.

Ein Sprecher des Transrapid-Konsortiums erklärte, es habe keine Weitergabe von Know-How gegeben. Allerdings bestätigte er, dass derzeit über dieses Thema verhandelt werde. Demnach könnten die Chinesen beim Bau einer weiteren Trasse im Land mehr Teile selbst fertigen. Im Gespräch ist ein Anteil von bis zu 70 Prozent.

Frontera-Klon bei der IAA

Die Debatte um den Transrapid made in China ist exemplarisch für eines der größten Probleme von westlichen Unternehmen in der Volksrepublik. Einerseits wollen die Firmen am dortigen Wirtschaftsboom teilnehmen. Auf der anderen Seite kopieren die Chinesen häufig westliche Marken und Technologien, produzieren diese billiger in Eigenregie und attackieren damit die Konkurrenten aus Europa und Amerika.

Bei der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt im vergangenen Jahr etwa sorgte der Hersteller Jiangling mit dem Allrad-Modell Landwind für Furore. Der Geländewagen sah dem früher von Opel gebauten Frontera zum Verwechseln ähnlich. Auch Mercedes machte mit einer Bus-Fertigung in China unangenehme Erfahrungen mit Nachahmern. Ausgerechnet der Partner Yaxing kopierte das Know-how und baute die Fahrzeuge in einem eigenen Werk nach.

Kritik an Airbus

Vor allem der Joint-Venture-Zwang macht es chinesischen Plagiatoren leicht, weil westliche Konzerne gerade im Bereich Spitzentechnologie nicht unabhängig agieren können. Auch wenn diese Restriktion für einige Branchen mittlerweile etwas gelockert wird, sind einheimische Partner beispielsweise in der Auto- oder Flugzeugbaubranche nach wie vor Pflicht. Denen die Zugänge zu Plänen und Blaupausen zu verwehren, ist schwer möglich, will man das Geschäft nicht gefährden. Ohne Technologietransfer gehe hier nichts, berichten auch Branchenkenner vor Ort.

Beobachter erwarten bald einen weiteren Kopiecoup der Chinesen. Als der europäische Flugzeugbauer Airbus Ende 2005 ankündigte, in China eine komplette Fertigung aufzubauen, schlugen Experten Alarm. Christian Harbulot, Direktor der Pariser École de Guerre Économique, warf dem Airbus-Mutterkonzern EADS vor, "über den Tisch gezogen worden" zu sein. EADS Chart zeigen mache zwar anfangs gute Geschäfte, laufe aber Gefahr, dass China in einigen Jahren "die gleichen Flugzeuge baut und keine Airbusse mehr kauft".

Mittelständler ohne Chance

Während sich die Großkonzerne mit ihren umfänglichen Rechtsabteilungen beim Kampf gegen nachgebaute Produkte schwer tun, haben Mittelständler in China so gut wie gar keine Chance gegen die Kopieindustrie. Branchenkenner machen aber auch den mangelnden Sachverstand der Unternehmer für die Misere mitverantwortlich. "Die Deutschen halten sich häufig nicht an die einfachsten Regeln. Wer auf dem chinesischen Markt aktiv ist, sollte dort für seine Produkte und Marken unbedingt ein Patent anmelden", sagt Tim Glaser, Sprecher der Deutsch-Chinesischen Wirtschaftsvereinigung (DCW).

Laut Glaser urteilen chinesische Gerichte zusehends härter gegen Plagiatoren: "Die gesetzlichen Rahmenbedingungen gibt es schon länger. Jetzt werden diese auch durchgesetzt." Tatsächlich haben sich in den vergangenen Monaten einige Unternehmen erfolgreich gegen Kopisten gewehrt und Schadensersatz durchgesetzt, darunter die Kaffeehauskette Starbucks und der Süßwarenhersteller Ferrero. Die beste Abwehr ist laut DCW-Sprecher Glaser aber immer noch der technische Vorsprung: "Unternehmen sollten die Produktzyklen kurz halten und die Produkte stetig weiterentwickeln. So haben es die Nachahmer schwer." Für das Transrapid-Konsortium kommt dieser Tipp offensichtlich zu spät.

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