Tricks der Tierschmuggler 28 Papageien-Eier unter der Brust

Der illegale Tierhandel in Deutschland boomt und wird immer professioneller. Tierschutzverbände sprechen inzwischen von "mafiösen Strukturen". Für ihre lebende Ware lassen sich die Schmuggler immer ungewöhnlichere Verstecke einfallen.

Von Christian Fuchs


Berlin - Als Victor Franck die Tür öffnet, geht alles ziemlich schnell. Vor der Tür steht ein Kommando der Guardia Civil. Noch auf der Treppe vor seinem Versteck im südspanischen Malaga wird der 70-jährige Rentner festgenommen. Aus den Käfigen in seinem Haus kreischen die Greifvögel.

Fünf Jahre lang wurde Franck, bekannt als Deutschlands Tierschmuggler Nummer eins, mit internationalem Haftbefehl gesucht. Am 2. März dieses Jahres um 18 Uhr haben ihn die Ermittler endlich gefunden: Franck hatte über Jahre hinweg bedrohte Tiere wie Gorillas, Schimpansen, Reptilien und Papageien illegal gehandelt. "Mehrere Millionen Euro" soll er damit verdient haben, sagt Axel Hirschfeld vom Komitee gegen den Vogelmord, einem Tierschutzverband, der sich an der Suche nach dem Flüchtigen beteiligte.

Der alte Mann, der mit weißem Rauschebart und Bauchansatz dem gütigen Tierliebhaber Dr. Dolittle ähnelt, hatte ein weltumspannendes Netz an Fängern und Händlern aufgebaut. Er arbeitete als eine Art Broker des illegalen Tierhandels: "Regelmäßig hat er Wunschlisten nach Lima gefaxt, die peruanische Fänger dann im Urwald für ihn abgearbeitet haben", sagt Hirschfeld. Die Papageien aus Peru kamen dann über Osteuropa nach Deutschland. Insgesamt 41 Fälle konnte ihm die Staatsanwaltschaft Frankfurt nachweisen - dem Komitee gegen den Vogelmord zufolge waren es aber 100 bis 200 Fälle.

Gleiche Methoden wie beim Drogenschmuggel

Der Leiter der Abteilung Artenschutz im Bundesamt für Naturschutz, Dietrich Jelden, ist sich sicher: "Die kriminelle Energie hat zugenommen." Beim Tierschmuggel gibt es seiner Ansicht nach keine Unterschiede mehr zu den Methoden im Drogenschmuggel. Die zunehmende Professionalisierung "bereitet uns Sorgen", sagt der oberste deutsche Artenschützer. Für den World Wide Fund For Nature (WWF) ist der internationale Tierhandel der drittstärkste illegale Handelszweig nach Waffen und Drogen, sagt Artenschutzexperte Stefan Ziegler.

Sogar deutsche Behörden sind manchmal am Geschäft mit dem Tierhandel beteiligt. Während einer Großrazzia im Januar im Raum Aachen durchsuchten 140 Polizisten neun Häuser von Tierhändlern - und Büros von Mitarbeitern der Kreisverwaltung Heinsberg. Diese sollen für streng geschützte Eulen und Greifvögel rechtswidrig Vermarktungsgenehmigungen ausgestellt haben. Ohne die Genehmigungen können Tiere in Deutschland nicht verkauft werden.

Derzeit ermittelt die Aachener Staatsanwaltschaft gegen mehrere Personen wegen Korruption. Es gibt Hinweise darauf, dass Kreisverwaltungsmitarbeiter Blanko-Genehmigungen an unseriöse Tierhändler verkauft haben. Schon 2003 waren dem Tierschützer Axel Hirschfeld "dubiose Papiere aus Heinsberg" bei einem Internethändler aufgefallen: "Das Fälschen von Dokumenten für seltene Exoten im illegalen Tierhandel ist weit verbreitet." Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) erkennt daher beim illegalen Vogelhandel "regelrecht mafiöse Strukturen" - so drückte es der nordrhein-westfälische Nabu-Chef Josef Tumbrinck in einem "taz"-Interview aus. "Das ist organisierte Kriminalität, bei der es um viel, viel Geld geht." Weltweit werden etwa 20 Milliarden Dollar jährlich mit Tierschmuggel umgesetzt. Die Gewinnmargen sind hoch.

Seltene Schnabelbrustschildkröten bringen 30.000 Euro auf dem Schwarzmarkt, Schimpansen bis zu 60.000 Euro. Für illegal eingeführte Palmenkakadus kann man bis zu 10.000 Euro verlangen, für bestimmte Aras bis zu 8000 Euro, und ein bunt gefärbter Angola-Python aus Namibia bringt immerhin noch 3000 Euro. Die Preisgestaltung lässt sich verkürzen auf die Formel: Je seltener, desto wertvoller.

"Heiß begehrt" seien gerade auch ägyptische und Madagaskar-Schildkröten, sagt der Artenschutzexperte Dietrich Jelden. In den inoffiziellen Negativ-Top-Ten des Artenschmuggels beim Bundesnaturschutzamt liegen Terrarientiere wie Schlangen, Echsen, Vogelspinnen und Schildkröten vor exotischen Vögeln wie Papageien oder Beos und europäischen Greif- und Singvögeln. Der derzeitige Trend zu exotischen Terrarienbewohnern sei eine Modeerscheinung, sagt Jelden. "Das bringt einfach eine gewisse Wildnis ins Haus, wenn die Riesenklapperschlange über den Wohnzimmertisch kriecht."

Schlangen in der Video-Hülle, Warane in Obstkisten

Für den exotischen Kick im deutschen Heim lassen sich Kuriere immer professionellere Verstecke einfallen. Schlangen werden in Videokassetten-Hüllen gestopft, Warane in Obstkisten gepfercht und Schildkröten in Containern versteckt. Anfang des Jahres stellte der Zoll am Frankfurter Flughafen eine 43-jährige Frau, die 28 Eier von Diadem-Amazonen aus Brasilien am Körper trug – unterhalb ihrer Brust in einem Nylonstrumpf verpackt.

Die teuren Vögel, die später in einer Voliere des Zolls schlüpften, hätten im illegalen Handel in Deutschland einen Wert von 12.500 Euro - pro Tier. Der Hintermann, ein tschechischer Wiederholungstäter, wurde zu acht Monaten Haft auf Bewährung und 3000 Euro Geldstrafe verurteilt, berichtet Christine Kolodzeiski vom Frankfurter Zoll. Eine geringe Strafe im Vergleich zu den Gewinnen. Die Höchststrafe für gewerblichen Tierschmuggel liegt bei 50.000 Euro und fünf Jahren Gefängnis.

Die Händlerbanden schreckt das nicht ab. Mit ausgehöhlten Autorücksitzen, Reifen als vorübergehenden Vogelkäfigen und Stieglitzverstecken unter den Planken einer Lkw-Ladefläche versuchen Schmuggler immer wieder, den Zoll zu täuschen.

Am Grenzübergang Görlitz wollten sie Gimpel in einer Ersatzreifenattrappe über die Grenze schmuggeln. Einige Singvögel überlebten diese Tortur nicht. Bis zu 90 Prozent aller geschmuggelten Lebendtiere sterben bei solch riskanten und nicht-artgerechten Transporten. Hunderte illegal importierte Stieglitze und Blaukehlchen hatten Glück: Sie sangen los, als die Polizei den Kofferraum eines Händlers aus Tschechien öffnete.

Durchlässige Grenzen dank der EU-Erweiterung

Solche Funde waren bis 2004 noch leichter möglich als heute. Durch die EU-Osterweiterung hat Deutschland keine voll bewachte Grenze mehr nach Osteuropa. Der Wegfall der Zollkontrollen an den Grenzen zu Polen und Tschechien 2004 hat es Schmugglern noch leichter gemacht, in den Ostblock eingeflogene Tiere nach Deutschland zu bringen und hier zu verkaufen. In den Beitrittsländern galten früher niedrigere Artenschutzstandards - bis heute erkennen Zollbeamte illegale Tiere gar nicht, weil sie sich zu schlecht auskennen. Und sind die Tiere erst einmal in der EU, ist es leicht, sie auf den "Hauptabnehmermarkt Deutschland" zu bringen, sagt Stefan Ziegler vom WWF.

Schon vor zwei Jahren hatte der WWF in einer Studie vor den Gefahren aus Osteuropa gewarnt. "Der damals prognostizierte Trend bestätigt sich leider", sagt Ziegler heute. Nach Südamerika und Südostasien steht Tschechien bereits an dritter Stelle der Herkunftsregionen illegal eingeführter Tiere.

In Deutschland werden die geschmuggelten Tiere dann über Kleintierzüchterzeitungen, im Internet oder auf Tierbörsen verkauft. Fast jedes Wochenende finden irgendwo in der Republik solche Börsen statt. Bei den Veranstaltungen selbst werden offiziell nur legale Tiere gehandelt - auf Nachfrage bieten einige Händler auf dem Parkplatz aber auch artgeschützte Tiere an. Stefan Ziegler vom WWF hat das während eines Tests selbst erlebt. Er beobachtet, dass diese Börsen immer zahlreicher werden.

Immer mehr artgeschützte Tiere kommen ins Land

Auch der Zoll berichtet, dass die Zahl von aufgegriffenen artgeschützten Tieren und Tierprodukten steigt. 2004 fanden die Fahnder 37.034 "Gegenstände", wie es im Amtsdeutsch heißt - 2005 waren es schon 39.205. Bei lebenden Tieren, die das Bundesamt für Naturschutz einzeln aufführt, gab es zwischen 2003 und 2004 fast eine Verdoppelung der illegalen Importe - auf insgesamt 2390 Tiere.

SPIEGEL ONLINE liegen außerdem aktuelle Zahlen der Zollämter an den Hauptflughäfen in Frankfurt, München und Berlin vor. Sie bestätigen den Trend. Im ersten Halbjahr 2006 wurden in Frankfurt 12.575 Tiere konfisziert - im Vorjahreszeitraum waren es knapp 4000: drei Viertel weniger. In Berlin wurden rund 25 Prozent mehr Tiere beschlagnahmt als im Vorjahr. In München waren unter 162 Beschlagnahmungen 25 lebende Tiere.

Dieser Anstieg, da sind sich die Experten einig, ist nicht nur eine Gefahr für den Artenschutz, sondern auch für den Menschen. Mit jedem exotischen Vogel, der ins Land geschmuggelt wird, reist die Gefahr der Vogelgrippe ein. Erst im Oktober 2005 starb in Großbritannien eine mit H5N1 infizierte Venezuela-Amazone. Der Papageienvogel aus Surinam verendete auf einer Quarantänestation in Essex.



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