Tropenwald-Schöpfer Au im Interview "Glaubt uns, dass wir nachgedacht haben"

Manche halten die Idee für abwegig, andere für visionär: Der malaysische Investor Colin Au baut in der früheren CargoLifter-Halle in Brandenburg eine künstliche Tropenwelt, die Eröffnung ist in Kürze geplant. Mit SPIEGEL ONLINE sprach Au über mögliche Besucherzahlen, Job-Chancen für die Region und die großen Zweifel an seinem Erfolg.


Investor Au vor seiner Halle in Brand (im August): "Kein Konkurrent wird etwas Ähnliches bauen können"
DDP

Investor Au vor seiner Halle in Brand (im August): "Kein Konkurrent wird etwas Ähnliches bauen können"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Au, Sie haben die vergangenen Wochen dauerhaft in Brandenburg gewohnt, um die Schlussphase der Bauarbeiten zu betreuen. Haben Sie sich inzwischen an das deutsche Wetter gewöhnt?

Colin Au: Solange man mehrere Lagen Kleidung anzieht, geht es. Hauptsache es regnet oder schneit nicht, dann bin ich glücklich - egal, wie kalt es wird.

SPIEGEL ONLINE: Das Wetter hat Sie ja überhaupt auf die Idee gebracht, hier in eine künstliche Tropenwelt zu bauen. Werden Sie selbst einer Ihrer besten Kunden, sobald Sie eröffnen?

Au: Klar. Ich werde den Januar noch ganz in Deutschland verbringen - ich konzentriere mich darauf, das Personal zu trainieren. Mein Lieblingsbereich in der Halle ist unsere balinesische Lagune. Da finden Sie mich nach einem langen Tag ab zehn Uhr abends im Jacuzzi-Whirlpool.

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich wollten Sie die Halle ja schon am Tag der deutschen Einheit eröffnen - nun ist der offizielle Termin auf den 19. Dezember verschoben. Noch immer fahren überall Bagger herum. Mehrere Ihrer Attraktionen werden wohl nicht ganz fertig.

Au: Jeden Morgen treffe ich mich mit unseren Projektmanagern. Wir sind sicher, dass alle Hauptbereiche schon am 10. Dezember fertiggestellt werden - die Lagune, die Südsee, der Regenwald und die meisten Häuser im tropischen Dorf. Das einzige, das nicht vollständig installiert sein wird, ist unsere dünnere, neue Dachmembran, die auch UV-Licht durchlässt. Da wird eine von vier geplanten Flächen montiert, die restlichen folgen im Sommer.

SPIEGEL ONLINE: Will sagen: In Ihrem Tropenparadies wird es im ersten halben Jahr düsterer sein als geplant?

Mitarbeiter und Gäste füllen die Lagune mit Wasser (am Dienstag): "Iglus, die man sich mieten kann"
DPA

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Au: Wir können das ausgleichen, weil wir genügend Industrielampen hier haben - die sind taghell. Bei diesem Licht arbeiten jetzt unsere Baucrews. In der Lagune leuchten noch dazu 24 Stunden am Tag besondere UV-Lampen, damit die Gäste ganz von selbst braun werden können. Und die meisten unserer Kunden kommen ohnehin abends für Partys oder um die Shows zu sehen.

SPIEGEL ONLINE: Einer der ersten großen Tests dafür, wie Ihre Halle beim Publikum ankommt, wird Ihre Silvester-Party sein. Dafür gibt es 2400 Karten - werden Sie die alle loswerden können?

Au: Das glaube ich fest, ja.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Karten sind denn jetzt schon verkauft?

Au: Das möchte ich Ihnen nicht sagen. Aber keine Sorge - wir bekommen eine Menge Publicity. Der RBB sendet am 19. Dezember eine Sondersendung, 90 Minuten lang. N-tv bringt am selben Tag ein 15-Minuten-Segment. Es gibt Zeitungsbeilagen in Berlin. In den ersten paar Wochen werden viele Besucher kommen, und die machen dann Mundpropaganda.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie das Projekt bekannt gaben, war stets die Rede von drei Millionen Besuchern pro Jahr. Später haben Sie dann von 2,4 Millionen gesprochen. Nun heißt es von Ihrer Pressestelle, man rechne 2005 mit 1,5 Millionen Gästen. Korrigieren Sie Ihre Prognosen jetzt schon nach unten?

Au: Nein, gar nicht. 1,5 Millionen ist die Zahl, ab der wir Profit machen. Das können und wollen wir 2005 schaffen. Wir hoffen auch, dass wir unsere Investition von 70 Millionen Euro relativ schnell wieder einspielen. Am vergangenen Wochenende, noch vor der eigentlichen Eröffnung, waren schon mehr als 4000 Gäste pro Tag hier. Dabei können sie wegen der Baustelle nur in ein kleines Areal der Halle hinein. Die Neugier der Leute ist gigantisch. Die Deutschen lieben das Grün und den Wald.

Vorarbeiter bei der Vollendung des Bali-Hauses: "Die Deutschen lieben das Grün"
DPA

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SPIEGEL ONLINE: ... und die Besucherzahl von drei Millionen?

Au: Ich unterscheide lieber 15 verschiedene Kundengruppen. In jeder davon können wir auf 200.000 bis 300.000 Besucher im Jahr kommen.

SPIEGEL ONLINE: Ein paar Beispiele bitte.

Au: Die Leute, die unsere Lagune lieben - davon könnten wir 300.000 erreichen. Die Therme Erding in München kommt schließlich auf 800.000. Unsere Lagune ist größer. Im Regenwald könnten wir über 200.000 schaffen. Millionen Menschen schauen sich im Sommer Blumenausstellungen an - bei uns können sie Tausende Orchideen sehen, bis zu 1,80 Meter groß. Drei Millionen Menschen gehen in Berlin jährlich ins Musical. Für mein Musical "Viva Brasil" reicht mir schon ein Zehntel davon.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt sehr viele Menschen, die gespannt sind auf Ihr Projekt - aber ähnlich viele glauben, dass Ihre Rechnung nicht aufgeht. Wo soll die Kundschaft herkommen mitten im strukturschwachen Brandenburg?

Au: Diesen Skeptikern sage ich: Glaubt uns, dass wir nachgedacht haben. Wir haben Tropical Islands nicht nur für die Brandenburger geschaffen. Wir bauen Beziehungen zu den Airlines auf, die nach Schönefeld fliegen. Die werden in ihren Bordmagazinen über uns schreiben. Im Sommer kommen ohnehin Millionen von Touristen in den Spreewald. Die werden auch bei uns vorbeischauen. Auch Kunden aus Polen können unsere Preise bezahlen - für 15 Euro pro Person kommen Sie in keine andere Attraktion dieser Art. Selbst wenn Sie nur in den Zoo und ins Aquarium gehen, zahlen sie gleich viel.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Halle soll 365 Tage im Jahr offen sein. Wie sieht denn der Kunde aus, der an einem ganz normalen Dienstag oder Donnerstag zu Ihnen rausfährt - 60 Kilometer weit weg von Berlin?

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Au: Die Preisbewussteren werden kommen - der Eintritt ist dann billiger als am Wochenende. Wir haben außerdem ein Bonus-System, um die Auslastung zu steuern und die Kunden zu Besuchen in der Woche zu ermutigen. Wenn Sie zum Beispiel 15 Euro für Getränke oder Essen ausgeben, gibt es 50 Bonuspunkte - damit bekommen Sie einen Gratis-Eintritt an einem Montag.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ja sogar mitten in der Nacht offen. Ist das nicht unverhältnismäßig, für ein paar Mitternachtsschwimmer rund um die Uhr Licht und Heizung anzulassen?

Au: Die Energie kostet uns nur drei Millionen Euro im Jahr ... die Halle ist ja wärmegedämmt. Bevor wir bauen durften, mussten wir ein Gutachten zum Verbrauch abgeben. Das fiel positiv aus. Nachts an den Wochentagen können wir immer noch auf 500 bis 1000 Besucher kommen. In Berlin gibt es viele Menschen ohne Kinder. Die geben dann ihr Geld bei Partys aus. Unsere Buddha-Bar ist ein perfekter Ort für sie, um sich zu erholen.

SPIEGEL ONLINE: Auch diese Leute wollen irgendwann schlafen.

Au: Wir haben dafür Iglus, die man sich mieten kann. Dafür gibt es ein spezielles Areal am Strand. Der Sand dort ist 35 Grad warm. Es gibt garantiert keinen Regen. Sie bekommen von uns eine Decke dazu. Das ist ein großartiger Platz, wenn Sie ein paar Stunden lang schlafen wollen. Und wenn die Leute doch nach Hause fahren wollen, kehren sie schnell um - es ist einfach zu kalt draußen.

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SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Sie eigentlich, wenn Sie den Namen CargoLifter hören?

Au: Ich bin kein abergläubischer Mensch. Dass CargoLifter aufgeben musste, ist traurig, aber Vergangenheit. Wir sind Geschäftsleute, wir sehen nie zurück. Natürlich hätten wir ohne CargoLifter und die Regierung diese Halle nicht, die weltweit einmalig ist. Dafür sind wir dankbar. Kein Konkurrent wird etwas Ähnliches bauen können.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Scheitern von CargoLifter und anderen Großprojekten ist die Regierung in Brandenburg ein gebranntes Kind. Vielleicht haben Sie deswegen die 13 Millionen Subventionen noch nicht, die Sie beantragt haben?

Au: Der Förderantrag wird noch bearbeitet. Die Gelder bekommt automatisch jeder, der einen Anspruch darauf hat. Aber wir hängen nicht davon an. Die Regierung gibt uns alle Unterstützung, die möglich ist. Zur Eröffnung am 19. Dezember kommen Ministerpräsident Matthias Platzeck und der Wirtschaftsminister. Sie wollen dieses Projekt zum Erfolg führen. Zwei bis drei Mitarbeiter des Landes sind die ganze Zeit hier und helfen uns, Probleme zu lösen.

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SPIEGEL ONLINE: Die Politik hofft natürlich auf neue Arbeitsplätze. Schaffen Sie wirklich die 500 Jobs, die Sie immer versprochen haben?

Au: Wenn ich mir die bisherige Nachfrage und unsere Erwartungen ansehe, brauchen wir wohl eher 700 Leute. Darunter sind Inder, die Ihnen Yoga beibringen und Chinesen, die Tai Chi lehren. Ein paar Spezialisten stammen aus Berlin. Aber neun von zehn Angestellten brauchen nicht mehr als 30 Minuten Fahrzeit zur Halle. Die kommen direkt aus dieser Region.

Das Interview führte Matthias Streitz



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