Trotz Dürre RWE-Tochter lässt gigantische Mengen Wasser versickern

Der britische Wasserversorger Thames Water hatte schon lange ein mieses Image, jetzt sind die Kunden richtig sauer. Aufgrund der Dürre dürfen die Engländer ihren Rasen nicht mehr wässern. Dabei versickern täglich Hunderte Millionen Liter - durch marode Leitungen.

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Hamburg - Die diesjährige Gartenparty der Queen war ein rechter Reinfall. Bei mehr als 30 Grad im Schatten drängelten sich die distinguierten Gäste unter den aufgestellten Sonnenschirmen oder den Bäumen im Park hinter dem Buckingham-Palast, 39 von ihnen erlitten einen Schwächeanfall und mussten medizinisch betreut werden.

Prinz Charles, Ex-Spice-Girl im Garten des Buckingham Palasts: Wie ein Fußballacker
AP

Prinz Charles, Ex-Spice-Girl im Garten des Buckingham Palasts: Wie ein Fußballacker

Die Königin konnte ihre schlechte Laune nur mühsam überspielen: Mit finsterer Mine inspizierte sie ihren Rasen - der hat schon seit vielen Tagen kein Wasser mehr gesehen und schaut inzwischen an einigen Stellen aus wie der Fußballacker eines Vorstadtvereins. Angesichts der seit langem anhaltenden Dürre hatte die Stadtverwaltung strenge Richtlinien für den Wasserverbrauch erlassen, die selbst für Ihre Hoheit gelten.

Den normalsterblichen Londonern geht es nicht anders. Seit einigen Wochen schon verbietet der regionale Wasserversorger Thames Water seinen sieben Millionen Kunden, ihren heiß geliebten Rasen mit dem Schlauch zu bewässern - weitere Rationierungen nicht ausgeschlossen.

Was Queen und Bürger am meisten ärgert, ist die Tatsache, dass so strenge Sparsamkeit gar nicht nötig wäre, wenn anderswo nicht so viel Wasser verschwendet würde. Verloren geht der kostbare Rohstoff ausgerechnet dort, wo Profis für den ordnungsgemäßen Transport zuständig sind - bei Thames Water. Pro Tag lässt der Versorger 895 Millionen Liter versickern, weil die Leitungen veraltet und brüchig sind - mehr sogar als die von der Regulierungsbehörde immer noch großzügig erlaubten 860 Millionen Liter. Die RWE-Tochter hält damit den einsamen Spitzenplatz unter den Verschwendern in der britischen Wasserbranche.

Dabei verfügt Thames Water im Prinzip über genügend Geld, um die dringend notwendigen Reparaturen durchzuführen. Allein im vergangenen Jahr war der Gewinn um rund 30 Prozent auf umgerechnet 506,5 Millionen Euro gestiegen, die an RWE überwiesene Dividende um 51 Prozent. Und weitere Preisrunden bei den Wasserrechnungen sind bereits fest eingeplant. In den nächsten fünf Jahren sollen die Preise um 24 Prozent steigen.

Jetzt, angesichts der Krise, platzte dem Chef der Regulierungsbehörde Ofwat, Philip Fletcher, der Kragen. Britischen Zeitungsberichten zufolge drohte er Thames Water mit einer Strafe von bis zu 140 Millionen Pfund. Das Geld soll dazu dienen, die Verbraucher für die schlechten Leistungen zu entschädigen.

Damit steigt der Handlungsdruck für das Thames-Water-Management enorm. Denn bereits zu Anfang des Monats hatte das Unternehmen eine Strafzahlung nur abwenden können, indem es sich verpflichtete, mehr als 210 Millionen Euro zusätzlich in das Leitungsnetz zu investieren. Insgesamt muss der Versorger den Planungen zufolge zwischen 2005 und 2010 rund 1,4 Milliarden Euro bereitstellen, um die zum Teil noch aus viktorianischer Zeit stammenden Rohre zu ersetzen.

Nach Ansicht von Kritikern liegt die Misere zum Teil auch im Verantwortungsbereich des deutschen Mutterkonzerns . Seit RWE-Konzernchef Harry Roels den Rückzug aus dem Wassergeschäft verkündet habe, stünden bei Thames Water kurzfristige Gewinne höher im Kurs als der nachhaltige Geschäftserfolg. Mögliche Käufer, so das Kalkül, würden schon nicht so genau nachschauen, wie das Rohrsystem beschaffen ist.

Der Energiekonzern bestreitet einen solchen Zusammenhang energisch. "Die Investitionspläne sind mit der Ofwat für fünf Jahre verbindlich ausgehandelt. Zu dem Zeitpunkt, als dies geschehen ist, war über den Verkauf von Thames Water noch nicht entschieden", sagt RWE-Sprecher Peter Dietlmaier. Auch jetzt, nachdem die Entscheidung gefallen sei, stehe der Energiekonzern zu seinen Zusagen.

Ob die Rechnung am Ende aufgeht, muss sich erst noch erweisen. Zwar fallen die angedrohten Strafzahlungen und die zugesagten Mehrinvesititionen im Vergleich zum geschätzten Unternehmenswert von mehr als 14 Milliarden Euro nicht nennenswert ins Gewicht.

Doch seit die Wasserknappheit und ihre Ursachen Tagesthema in der britischen Presse sind, hat das Image von Thames Water stark gelitten. Interessenten werden künftig mit Argusaugen auf die möglichen Risiken schauen, weniger auf die kurzfristigen Profite.



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