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Trotz eindeutigen Votums: Abstimmung spaltet die Opel-Belegschaft

Aus Bochum berichtet

Nach fast einer Woche ist der wilde Streik bei Opel Bochum beendet. Die Mehrheit der Arbeiter votierte in einem bislang einmaligen Vorgang dafür, wieder an die Bänder zu gehen. Das Ergebnis des erbittert geführten Arbeitskampfes fällt für sie allerdings enttäuschend aus.

Gegen 15 Uhr kehrt am Tor 1 des Opel-Werks in Bochum wieder Ruhe ein. Die Blockade ist aufgehoben, Arbeiter lösen die Plakate mit Solidaritätsbekundungen von den Zäunen. Die Opel-Werker stehen wieder an den Bändern. Die Sympathisanten sind fort. Die wenigen verbleibenden Berichterstatter packen die Kameras ein.

Streik-Ende bei Opel: "Ich habe ein mieses Gefühl"
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Allein, der Eindruck täuscht. Nach fast einer Woche wildem Streik, den die Beteiligten lieber als Informationsveranstaltung bezeichnen, verlaufen die Fronten quer durchs Werk. Noch am Morgen stand Opel Bochum vor der Zerreißprobe.

"Ich weiß nicht, wann ich einigen Kollegen wieder in die Augen blicken kann", sagt ein Arbeiter am Mittwochmorgen vor dem Bochumer Kongresszentrum, wo sich ein Großteil der Belegschaft eingefunden hat. "In meiner Abteilung arbeiten schon wieder 21 von 37 Mitarbeitern", berichtet sein Kollege.

Die Auseinandersetzung der vergangenen Tage hat viele an ihre Grenze geführt. "130 Euro verliere ich pro Tag", erzählt ein Dritter. Das Geld sieht er wohl nie wieder. Zudem stieg der Druck von Außen, den Arbeitskampf endlich zu beenden. Nicht nur Politiker und Verbandsfürsten forderten die Belegschaft öffentlich auf, die Tore freizugeben. Auch das private Umfeld reagierte mit Unverständnis. "Freunde fragen: Wann hört ihr auf. Ihr habt doch, was ihr wollt", sagt ein Monteur.

Gemeint ist jene Vereinbarung zwischen Betriebsrat und Management, die seit Dienstag für heftige Diskussionen unter den Arbeitern sorgt. Das Papier versprach den "weitestgehenden Verzicht" auf betriebsbedingte Kündigungen. Auch sollte der marode Standort Bochum fit für den Wettbewerb gemacht werden. Einigen reichte das nicht aus. Sie forderten: Weitermachen. Andere stimmten dem Betriebsrat zu, der darin die Basis für weitere Verhandlungen sieht und nun eine Unterbrechung des Arbeitskampfes für sinnvoll hält. Entscheiden musste schließlich die gesamte Belegschaft. Alle Schichten der drei Bochumer Werke, 9600 Männer und Frauen. In diesen Ausmaßen ein bis dahin nie gesehener Vorgang innerbetrieblicher Demokratie.

Am Mittwoch nun gegen zehn Uhr versammelt sich Opel Bochum vor dem städtischen Kongresszentrum, um über die Blockade abzustimmen. "Ich habe ein mieses Gefühl", sagt einer beim Hineingehen. Die Halle füllt sich schnell. Bald sind fast alle der rot bezogenen Stühle besetzt. Die Veranstaltung muss in weitere Räume übertragen werden.

Trotzdem kann die außerordentliche Betriebsversammlung pünktlich um elf beginnen. Betriebsratschef Dietmar Hahn wirbt erneut für die Vereinbarung mit dem Management. Der Bochumer IG Metall-Chef Ludger Hinse mahnt noch einmal zur Vernunft. Immer wieder muss er Zwischenrufer beruhigen. Es ist das einzige Mal während der ganzen Veranstaltung, dass Unruhe aufkommt. Ab 11.30 beginnt die Abstimmung. Viele bleiben sitzen. Sie müssen offenbar nicht mehr überzeugt werden und haben gleich beim Betreten der Halle ihre Wahlzettel in die Urnen geworfen.

Zwei Stunden später steht fest, dass die Blockade der Werke beendet ist - vorläufig zumindest, wie Betriebsratschef Hahn betont. Rund 4600 der etwa 9400 Opel-Mitarbeiter haben dafür gestimmt, dass der Betriebsrat die Verhandlungen mit dem Management wieder aufnimmt und die Arbeit wieder aufgenommen wird. 1700 waren dagegen, 57 Anwesende hatten ihren Stimmzettel ungültig gemacht. Wer nicht da war, war krank, hatte Urlaub, musste aus Sicherheitsgründen im Werk bleiben oder hatte keine Lust.

Ein kurzer heftiger Applaus, dann strömt die Menge eilig nach draußen. Betriebratschef Hahn bleibt kaum Zeit, darauf hinzuweisen, dass ab 15 Uhr wieder gearbeitet werden muss. Die Blockade von Bochum ist Geschichte.

Doch ebenso schnell wie die Abstimmung beendet ist, kommt harsche Kritik bei einigen Opel-Arbeitern auf. "Das war nicht korrekt, nicht demokratisch", sagt Jürgen Rosental unmittelbar nach Bekanntgabe des Ergebnisses. "Wir hatten keine Möglichkeit zu diskutieren oder zu reden", sagt auch Vertrauensmann Uli Schreyer. Vom Werksschutz sei das Rednerpult abgeschirmt worden, an dem der Betriebsrat über die Abstimmung informierte. "Eine demokratische Entscheidung sieht für mich anders aus", sagt der Opel-Mitarbeiter.

Ärger gab es auch um die Formulierung der Frage auf den Abstimmungszetteln. "Soll der Betriebsrat die Verhandlungen mit der Geschäftsleitung weiter führen und die Arbeit wieder aufgenommen werden?" stand auf den Zetteln. "Das war nicht eindeutig, viele waren verwirrt und haben geglaubt, sich mit einem weiteren Protest auch gegen weitere Verhandlungen auszusprechen", sagt Vertrauensmann und Opel-Mitarbeiter Andreas Felder. Opel-Werker Rosental sekundiert: "Natürlich wollen die Leute verhandeln. Aber dass deswegen die Blockade beendet wird, steht auf einem anderen Blatt."

Betriebsratschef Dietmar Hahn wird die Wortwahl später damit erklären, dass weitere Gespräche und das Ende des Arbeitskampfes untrennbar miteinander verbunden seien. "Mit welchem Mandat hätte ich denn nach Rüsselsheim gehen sollen, wenn die Situation hier derart angespannt ist?", erregt er sich. Sein Betriebsratskollege Detlef Einenkel relativiert hingegen: "Der Vorgang insgesamt ist einmalig. Wir mussten lernen, damit umzugehen. Man kann nicht alles perfekt machen." Ein bitterer Nachgeschmack wird wohl bleiben.

Was aber ist jetzt nach einer Woche des wilden Streiks das Ergebnis für Opel Bochum? Standorterhalt und der Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen waren die Forderungen der Belegschaft. "Kündigungen sind mit Sicherheit nicht vom Tisch", sagt Hahn. Gleichzeitig droht der Betriebsrat dem Management, die "Informationsveranstaltung" wieder zu beleben, sollten die Einschnitte zu massiv ausfallen. Die Termine für weitere Gespräche in Rüsselsheim sind bereits für die kommenden Wochen angesetzt.

Bochums IG-Metall-Chef Ludger Hinse mag seinerseits keine Prognosen abgeben, wie viele Leute mittelfristig bei Opel arbeiten werden. Lediglich weiß der Gewerkschafter: "Es wird sich was ändern." Präziser gibt sich da ein Opelaner vor dem Kongresszentrum: "Die Hälfte der Arbeitsplätze fällt hier weg. Die Frage ist nur noch, auf welche Weise." Von Normalität ist Opel Bochum noch weit entfernt.

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