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Trotz Rettungspaket: Nobelpreisträger Krugman gibt die amerikanische Autoindustrie verloren

Wirtschaftsnobelpreisträger Krugman glaubt nicht an eine Rettung für die angeschlagene US-Autoindustrie. Die Probleme der betroffenen Konzerne seien strukturell bedingt und mit Geld nicht lösbar. Der designierte Präsident Obama stellte allerdings klar, dass er nicht bereit ist, die Autohersteller untergehen zu lassen.

Stockholm/Washington - In drei Tagen nimmt er seine Auszeichnung in Stockholm entgegen - doch nach Feiern ist ihm nicht zumute: Der diesjährige Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman hat sich mehr als pessimistisch zur Lage der amerikanischen Autoindustrie geäußert. Sie werde sehr wahrscheinlich verschwinden, weil sie nicht mehr von der heutigen Wirtschaft getragen werde, sagte Krugman am Sonntag in Stockholm.

GM-Chef Wagoner, Chrysler-Chef Nardelli, Ford-Chef Mullay und Gewerkschaftsboss Gettelfinger (von links) bei der Anhörung im Kapitol: "Probleme strukturell bedingt"
AP

GM-Chef Wagoner, Chrysler-Chef Nardelli, Ford-Chef Mullay und Gewerkschaftsboss Gettelfinger (von links) bei der Anhörung im Kapitol: "Probleme strukturell bedingt"

In diesem Zusammenhang kritisierte der Professor der US-Universität Princeton und Autor zahlreicher wirtschaftspolitischer Schriften, das geplante Rettungspaket, das zurzeit in Washington ausgehandelt wird. Damit würden wahrscheinlich nur "zwei Monate Zeit gekauft". Was danach geschehen könne, wisse er nicht. Da die Probleme der führenden US-Autounternehmen nicht nur durch die Finanzprobleme, sondern auch strukturell bedingt seien, würden die betroffenen Konzerne am Ende aber wohl verschwinden.

Atempause bis zum Frühjahr 2009

Seit Tagen verhandeln die Chefs der drei großen Autokonzerne General Motors (GM) Chart zeigen, Ford Chart zeigen und Chrysler mit dem US-Kongress und dem Weißen Haus über ein Rettungspaket für ihre angeschlagenen Unternehmen. Sie fordern 34 Milliarden Dollar, um die wegbrechenden Verkäufe und die Folgen der weltweiten Finanzkrise ausgleichen zu können. GM und Chrysler hatten bereits gesagt, dass sie bis spätestens zum Jahresende eine Geldspritze bräuchten, weil sie ansonsten bankrott gingen. In ihrem Werben um Unterstützung stellten GM und Chrysler in Washington sogar eine Fusion in Aussicht, wenn dies zur Bedingung gemacht werden sollte.

US-Kongress und Weißes Haus wollen den Autoherstellern allerdings vorerst nur mit etwa 15 Milliarden Dollar unter die Arme greifen - und ihnen damit eine Atempause bis zum Frühjahr 2009 verschaffen. Der Durchbruch war möglich geworden, nachdem die Demokraten - auch angesichts der alarmierend gestiegenen Arbeitslosigkeit in den USA - ihren Widerstand gegen die Finanzierung der Überbrückungskredite aus einem Programm zur Entwicklung sparsamerer Autos aufgegeben hatten.

In den Verhandlungen zwischen Kongress, Weißem Haus und den Parteien ging es zuletzt vor allem um die Details und die staatliche Aufsicht über das Hilfsprogramm. Mit einer endgültigen Einigung wurde in Washington bis spätestens Dienstag gerechnet - allerdings könnte republikanischer Widerstand vor allem im Senat, wo sie nur knapp in der Minderheit sind, eine kurzfristige Lösung noch im letzten Moment verhindern.

Streit um den "Auto-Zar"

Umstritten war bis zuletzt die Frage, ob es im Handelsministerium einen "Auto-Zar" geben soll, der die von den Autofirmen versprochene Sanierung überwachen soll, berichtete das "Wall Street Journal". Vor allem das Weiße Haus bestehe auf die sofortige Schaffung einer solchen Kontrollinstanz, die aber auch über die Verwendung der kurzfristigen Rettungsgelder mitbestimmen können müsse. Auch Demokraten befürworten laut der Zeitung die staatliche Kontrolle, möchten sie aber erst besetzen, nachdem der designierte Präsident Barack Obama - am 20. Januar - George W. Bush abgelöst hat.

Der Kongress will auf jeden Fall sicherstellen, dass die Autofirmen im Falle einer staatlichen Hilfe, ihre Absicht aufgeben, vor Gericht gegen neue Abgas- und andere Umweltschutzbestimmungen Kaliforniens und 15 anderer Bundesstaaten vorzugehen.

Nobelpreisträger Krugman sprach sich gleichzeitig für Regierungsprogramme zur Ankurbelung der Konjunktur aus, wie sie vom künftigen US-Präsidenten Barack Obama geplant sind. Der stellte am Sonntag klar, dass er es für "keine Option" halte, die Autokonzerne pleitegehen zu lassen. "Wir werden ihnen unsere Hilfe anbieten, aber die Hilfe ist an die Bedingung gekoppelt, weitreichende Zugeständnisse zu machen", sagte er in einem Interview. Die Autokonzerne müssten ihre Unternehmen restrukturieren.

"Es wird schlimmer werden, bevor es besser wird"

Trotz aller Hilfsprogramme rechnet Obama zunächst mit einer weiteren Verschlechterung der Wirtschaftslage in den USA. "Es gibt keine schnellen oder einfachen Lösungen für diese Krise, die in vielen Jahren gemacht wurde, und es wird wahrscheinlich schlimmer werden, bevor es besser wird", hatte er bereits am Freitag betont. Manche Experten befürchten, dass es die schlimmste und längste Rezession in den USA seit dem Zweiten Weltkrieg wird.

Im November verzeichneten die USA mit 6,7 Prozent Arbeitslosigkeit die schlechteste Quote seit 34 Jahren. Dabei schätzen manche Experten die reale Arbeitslosigkeit noch deutlich höher ein. Seit Dezember 2007 sind nach offiziellen Daten 1,91 Millionen US-Arbeitsplätze verloren gegangen. Allein im November gab es 533.000 Jobs weniger.

Obama bekräftigte seinen Willen, nach der Amtsübernahme mit einem riesigen Konjunkturprogramm die Wirtschaft wieder zu stabilisieren. In einer Radioansprache versprach er, mit massiven Investitionen in die Infrastruktur, in die Modernisierung von Schulen und Krankenhäusern sowie für Energiesparprojekte in öffentlichen Gebäuden 2,5 Millionen Arbeitsplätze zu schaffen oder bedrohte Stellen zu retten. Erneut nannte er aber keine genauen Zahlen. Medien schätzen das Volumen des Konjunkturprogramms für die kommenden zwei Jahre auf eine Summe zwischen 150 Milliarden und einer Billion Dollar.

sam/dpa-AFX/dpa/Reuters

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