Tücken des Türkei-Booms Vertreibung aus dem Wirtschaftsparadies

Die EU taumelt durch die Krise, die Türkei boomt. Doch viele Menschen in dem Land bekommen vom Aufschwung wenig mit, einige stürzt er sogar ins Elend. In Istanbul gehen die Behörden brutal gegen jene vor, die sie für Wachstumshemmnisse halten: Sie vertreiben Arme und Abgehängte.

Aus Istanbul berichtet

SPIEGEL ONLINE

Ein Leben lang hat Musa Parlak, 52, auf den Aufschwung gehofft. Er hat geschuftet, sich durchgeschlagen, hat gekämpft, um ein Stück vom neuen türkischen Wohlstand abzubekommen. Jetzt ist der Boom da, angekommen auch bei Musa Parlak - und zerschmettert, was vom Leben dieses Mannes noch übrig ist.

Es ist nicht viel. Parlak haust in einem Zimmer in einer Ruine mitten in Istanbul. Kein Mietvertrag, keine Küche, kein Bad, nebenan ist eine Wasserstelle. Er zahlt, was er kann, mal 50 Lira im Monat, mal 100, das sind 20 beziehungsweise 40 Euro. Vor vierzig Jahren zogen seine Eltern mit ihm und dem jüngeren Bruder fort aus Trabzon, einer Stadt am Schwarzen Meer, nach Istanbul, auf der Suche nach Arbeit.

Musa Parlak wuchs auf in dem Glauben: Wenn ich nur hart genug arbeite, schaffe ich es. Er kellnerte in Teestuben, trug Tabletts, leerte Aschenbecher. Er sah die Stadt wachsen, sah sie zu der Metropole werden, die sie heute ist: 15 Millionen Menschen, wahrscheinlich mehr, niemand weiß es; das Zentrum türkischer Wirtschaftspotenz.

Jetzt, da Griechenland die Pleite droht und Europa durch die Krise taumelt, blicken Geschäftsleute und Politiker nach Osten, in Richtung des Dauer-Beitrittskandidaten Türkei. Sie sehen eine boomende Wirtschaft, allein im vergangenen Quartal wuchs das Bruttoinlandsprodukt um 8,8 Prozent; der "Economist" schwärmte vom "China Europas".

Kaum irgendwo lässt sich dieser Boom besser besichtigen als am Bosporus. Aber auch kaum irgendwo zeigt sich so deutlich, dass viele Türken von ihm wenig profitieren - oder gar an ihm verzweifeln. Es zeigt sich, wie jene, die es schwer haben, abgehängt werden und verdrängt. Und wie rigoros Behörden vorgehen, um das Wachstum weiter zu befeuern, koste es, was es wolle.

Jeder zehnte Türke findet keine Arbeit

In Istanbul lassen Konzerne einen Wolkenkratzer nach dem anderen errichten, eröffnen immer neue Mega-Einkaufszentren, über 70 sind es bereits. Touristen kommen in Scharen - aber auch die Armen und Arbeitslosen vom Land und aus dem Osten der Türkei, die etwas abhaben wollen wie einst Musa Parlak, zieht es in die Metropole.

Denn jeder zehnte Türke findet keine Arbeit, fast jeder fünfte lebt in Armut - und das sind nur die offiziellen Zahlen. Die Dunkelziffer dürfte weit höher sein. Unzählige Türken schlagen sich als Schuhputzer, Hilfsarbeiter, fliegende Händler durch, Kinder ebenso wie Männer im besten Alter und Rentner. In den Gassen verkaufen sie Papiertaschentücher, an Straßenrändern Wasserflaschen und Spielzeug, auf Baustellen und in Restaurantküchen schuften Schwarzarbeiter.

Ein hochrangiger Mitarbeiter einer internationalen Organisation, der nicht genannt werden will, erzählt von Flüchtlingskindern, die putzen gehen und immer wieder um ihren niedrigen Lohn betrogen werden. "Die Armen haben von dem Aufschwung nichts", sagt er. Und die OECD warnt: Das Potential des schwarzen und grauen Arbeitsmarkts, die Wirtschaft anzukurbeln, sei ausgeschöpft; Reformen dringend nötig.

Bei Musa Parlak kam der Boom in Gestalt einiger Beamter von der Stadtverwaltung an. Sie gingen von Haus zu Haus, erinnert er sich, ein paar Wochen ist das her. Binnen zweier Monate habe er sein Zimmer zu räumen. Längst war er auf der vorletzten Stufe der türkischen Gesellschaft angekommen: Seit drei Jahren arbeitslos, sitzt er in Hauseingängen, nuschelnd, noch zwei Zähne im Mund, erbettelt sich, was er zum Leben braucht; ein gebrochener Mann, grauhaarig, das Hemd weit offen, die Füße in Plastiksandalen: "Ich habe aufgegeben."

Jetzt hat er die letzte Stufe des Abstiegs vor sich: ein Leben auf der Straße.

Denn die Stadtverwaltung hat Parlaks Viertel Tarlabasi zum Erneuerungsgebiet erklärt. Wo die Armen einst Unterschlupf fanden, unter ihnen viele Kurden, sollen Boutiquen und Galerien eröffnen. Die Altbauten sollen saniert oder gleich abgerissen und neu aufgebaut werden, damit Platz ist für Ferienwohnungen und Apartments. So wie im ganzen Land treibt die regierende AKP von Premier Recep Tayyip Erdogan die Stadterneuerung voran.

Modernisierungsattacken in Istanbul

Ein Gesetz erlaubt es den Kommunen, ganze Viertel abzureißen, wenn es einem höheren städtebaulichen Interesse dient - und sie machen Gebrauch davon. Vor wenigen Jahren traf es Istanbuls historisches Roma-Viertel Sulukule. Bulldozer rückten an und begannen, Platz zu schaffen für den Aufschwung. Die Geschichte der Roma wurde einfach weggebaggert. Gentrifizierung, das ist in Istanbul kein schleichender Prozess, es sind Modernisierungsattacken, geplante Operationen, notfalls durchgesetzt von Polizisten.

Nicht alle in Tarlabasi verzweifeln daran wie Musa Parlak. Wer ein Haus besitzt oder einen Mietvertrag hat, wird entschädigt und kann umziehen. Andere hoffen darauf, zu bleiben und von der künftigen Nachbarschaft zu profitieren. "Endlich wird aufgeräumt", sagt etwa Mevlut Öztürk, 48, der seit 35 Jahren hier lebt.

Er steht vor seiner Backstube und blickt auf den Wochenmarkt vor seiner Tür. Als er sich die Pläne für sein Viertel anschaute, war er begeistert: "Junkies und Kurden" würden dann endlich verschwinden. Steigende Mieten fürchtet er nicht, schließlich betreibe er nicht nur die Bäckerei, sondern auch ein Restaurant und verdiene genug.

Ein paar Straßen weiter hockt Mustafa Demir auf einem Hocker vor seinem kleinen Lebensmitteladen, 55 Jahre alt, ein Leben als Bauarbeiter hinter sich, verkauft er jetzt Paprika und Auberginen, Kaugummis und Kekse. Aus dem Osten der Türkei kam er nach Istanbul, aus Kurdistan. Wann die "große Säuberung", wie er es nennt, seine Straße erreicht, wisse er nicht. Die Verwaltungsmenschen würden ja nicht mit ihm reden. Aber er gibt sich kämpferisch: "Die kriegen uns hier nicht raus."

Musa Parlak jedoch wird, so wie die Dinge stehen, sich bald verkriechen müssen an einem der anderen Orte in Istanbul, die nicht nach Wirtschaftsmacht aussehen, sondern nach Dritter Welt. Manche liegen nur Gehminuten entfernt von touristischen Zentren, von Starbucks- und McDonald's-Filialen. Er hat resigniert: Wenn du in Istanbul kein Geld hast, sagt er, bist du verloren. Er wird versuchen, sich weiter durchzuschlagen. Bis ihn der Boom wieder einholt.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 218 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sexobjekt, 20.09.2011
1. .....
Zitat von sysopDie EU taumelt durch die Krise, die Türkei boomt. Doch nur wenige Menschen in dem Land bekommen vom Aufschwung etwas mit, viele stürzt er sogar ins Elend. In Istanbul gehen die Behörden brutal gegen jene vor, die sie für Wachstumshemmnisse halten: Arme und Abgehängte werden vertrieben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,787048,00.html
Dieser Artikel ist nichts weiter als eine verunglimpfung des Türkentums.
ichsehe 20.09.2011
2. Und....
Und von der türkischen Regierung muss sich Deutschland den Vorwurf gefallen lassen unsere Visabestimmungen wären menschenunwürdig. Herr Gül und Herr Erdogan sollten mal die Probleme im eigenen Land angehen. Aber dafür hat man keine Zeit. Lieber stimmt man den nahen Osten auf ein neues Zeitalter der osmanischen Großmacht ein. Und die Medien gaukeln dem Michel das achso tolle Boomland Türkei vor. Jeder der sich ein bißchen informiert, wusste über diese Zustände. Istanbul bestand schon immer hauptsächlich aus "Slums".
endbenutzer 20.09.2011
3. Raus aus der Türkei!
Zitat: „..In Istanbul gehen die Behörden brutal gegen jene vor, die sie für Wachstumshemmnisse halten: Arme und Abgehängte werden vertrieben...“ Kommt doch nach Deutschland! Hier ist das Land, in dem Milch und Honig fließt...
larsmach 20.09.2011
4. Crowded Istanbul
Ach, Istanbul... Die Stadt hat sich so rasch und dramatisch verändert. Vor wenigen Jahren musste ich durch Felder fahren, um eine Freundin in einem Vorort zu besuchen - heute geht die Fahrt durch Neubaugebiete. Im Zentrum möchte man meinen, hinter der nächsten Ecke sei gerade ein Länderspiel zu Ende gegangen, und alle Fans strömten jetzt nach Hause - doch es sind die ganz normalen Menschenmassen, die durch die Straßen bummeln. An sich ist daran nichts wirklich Störendes; es bleibt nur zu hoffen, dass jene archaische Lebenseinstellung der Zuwanderer nicht am Ende dominiert. Sie prägt die ehemals modernere Gesellschaft der boomenden Metropolen in der Türkei schon heute.
janne2109 20.09.2011
5. Aufbau
Diese Naturereignisse und auch Kriege schaffen danach (leider) immer Arbeitsplätze.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.