Wohnbaugenossenschaft Selma Demirelli macht Frauen zu Eigentümerinnen

Vor 19 Jahren verlor Selma Demirelli bei einem Erdbeben in der Türkei ihren Ehemann. Was dann folgte, hat sie zu einer Kämpferin für Frauenrechte gemacht.

Selma Demirelli
Nilufer Cocuk Merkezi

Selma Demirelli

Von Barçin Yinanç für Hürriyet Daily News, Türkei


Es dauerte nur 45 Sekunden. In den frühen Morgenstunden des 17. August 1999 traf ein Erdbeben die türkische Marmara-Region und tötete Tausende Menschen - auch Selma Demirellis Ehemann. Ihr Leben würde, wie das von Millionen anderen Überlebenden, nie wieder sein wie zuvor.

Nachdem sie den ersten Schock überwunden hatte, fand Demirelli ihre Bestimmung darin, anderen zu helfen. Sie meldete sich als Koordinatorin bei der Organisation Foundation for the Support of Women's Work. Schon bald lernte sie die vielen unterschiedlichen Probleme kennen, mit denen Überlebende von Erdbeben zu kämpfen haben. Und sie lernte, dass Traumata infolge von Naturkatastrophen theoretisch zwar geschlechtsneutral sind, diese aber oft Frauen, Kinder und Menschen mit Behinderung stärker treffen.

Demirelli hatte Glück, die Ausnahme zu sein. Einige Tage nach der Beerdigung ihres Ehemanns baten seine Verwandten um die Eigentumsurkunde des Hauses, das von dem Beben völlig zerstört worden war. In der Türkei sind Frauen im Erbrecht zwar formell gleichberechtigt. Dennoch existiert immer noch eine gewisse patriarchale Rechtspraxis, die Frauen ignoriert. Eine Witwe ohne Kinder muss beispielsweise das Eigentum ihres Ehemannes mit seinen Verwandten teilen. In Ehen, in denen der Mann Alleinversorger ist, wird das Eigentum automatisch unter seinem Namen geführt.

Demirelli konnte zwar letztendlich ihren gesetzlichen Anspruch auf das Haus durchsetzen, aber die Erkenntnis, dass nicht alle Frauen dieses Glück haben, bewog sie dazu, die erste Wohnbaugenossenschaft des Landes zu gründen und Frauen als Immobilieneigentümerinnen zu stärken.

  • Dieser Text ist Teil des Projekts "Women in Businesses for Good". Dazu veröffentlichen 20 Redaktionen weltweit am 8. März, dem Weltfrauentag, jeweils einen Text über außergewöhnliche Frauen, die ein soziales Unternehmen oder Projekt gegründet haben, das die Welt ein bisschen besser machen kann. Aus Deutschland ist neben SPIEGEL ONLINE auch die Redaktion von "Brigitte" beteiligt.

"Unser Startkapital war so gering, dass man sich in der Bank über mich lustig machte", erinnert sie sich. "Warum verschwenden Sie Ihre Zeit?", fragte der Geschäftsführer der Bank. "Sie sind eine schöne Frau, suchen Sie sich doch einen neuen Ehemann."

Seine Aussage ließ sie damals zwar in Tränen ausbrechen, machte sie aber auch entschlossener denn je. Unzählige Male fuhr sie in die Hauptstadt Ankara, um sich Immobilien zu sichern und bat Nichtregierungsorganisationen und Institutionen wie die Technische Universität Istanbul um Hilfe.

Inzwischen engagierte sich Demirelli in einem weiteren Wohnbauprojekt: Eine lokale, aus Geschäftsleuten bestehende Hilfsorganisation hatte vorgeschlagen, Überlebende von Erdbeben ein Jahr lang mit Essen zu versorgen. Demirelli erklärte ihnen, dass eine langfristige Lösung eine größere Hilfe wäre - und überzeugte sie, stattdessen für 200 Familien Häuser zu bauen.

Demirelli ist mittlerweile für ihre Bemühungen um nachhaltige Unterstützung bekannt. Ihre Arbeit in Lagern für Erdbeben-Überlebende bestand beispielsweise darin, mit Frauen zu sprechen und ihnen Schulungen anzubieten. Bald musste sie allerdings feststellen, dass viele von ihnen daran nicht teilnehmen konnten, weil sie ihre Kinder nicht alleine lassen konnten.

Nilufer Cocuk Merkezi

Daraufhin rief sie die Water Lily Women's Cooperative ins Leben. Wieder einmal reiste sie ein paar Mal in die Hauptstadt, diesmal um eine Immobilie zu besorgen, die zur Tagesstätte für Kinder von bis zu sechs Jahren werden sollte. Es war ein jahrelanger Kampf. Nationale und lokale Behörden versuchten, sie mit Bürokratie zu stoppen. Doch als die Behörden verstanden, dass Demirelli nicht aufgeben würde, stimmten sie zu. Sie erhielt die Immobilie für die Tagesstätte - die Konkurrenz, die daraus ein Gewerbeprojekt oder eine Tankstelle machen wollte, ging leer aus.

Heute beschäftigt sich die Water Lily Women's Cooperative nicht mehr nur mit der Kinderbetreuung. Mütter nutzen ihre freie Zeit auch, um an Schulungsprogrammen in den Bereichen Finanzen, Geschäftsentwicklung und Unternehmertum teilzunehmen, die ihnen den Eintritt in das Erwerbsleben ermöglichen.

Kürzlich widmete sich Demirelli auch Projekten zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen, die in der Türkei erschreckende Ausmaße angenommen hat. Sie will nicht nur auf das Problem aufmerksam machen, sondern sucht auch nach neuen Ansätzen, es zu bekämpfen. "Ich bin nicht gegen Unterkünfte, in denen Frauen, die Opfer von Gewalt sind, Schutz finden", sagt sie. "Aber letztendlich nimmt es ihnen ihre Freiheit. Warum müssen gerade die Frauen ihr Zuhause verlassen? Wir müssen uns auch an die Männer richten, die Frauen gegenüber gewalttätig sind."

Das Erdbeben von 1999 hat möglicherweise Demirellis Welt zerstört, nicht aber sie selbst. Die Frau verwandelte die Tragödie in etwas, das so vielen Menschen ein besseres Leben ermöglichte.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.