"Mein Schiff 6" von TUI Cruises Leinen los, Steuern umschiffen!

Kreuzfahrt-Anbieter locken Massen und machen enorme Gewinne. Doch hinter dem Erfolg von TUI Cruises und Co. steckt ein knallhartes Geschäftsmodell - auf Kosten des Personals und des deutschen Fiskus.

Claus Hecking

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Deutschlands neuestes Schiff der Träume ist schon vorgefahren zur großen Eröffnungsparty. "Mein Schiff 6" steht auf dem blauweißen, fast 300 Meter langen Koloss, der im Hamburger Hafen angelegt hat. Vor der Kulisse der Elbphilharmonie wird der Vorzeigeriese der TUI Cruises am Donnerstagabend getauft. Es wird ein opulentes Spektakel mit Feuerwerk, geladenen Gästen und Internet-Übertragung.

"Mein Schiff 6" ist eine schwimmende Geldmaschine. 38.000 PS stark sind ihre Motoren, bis zu 3500 Passagiere und Crewmitglieder wird der 15 Decks hohe Ozeanriese über die Weltmeere schippern. Die einst exklusiven Kreuzfahrten sind heute Massentourismus: Mehr als zwei Millionen Deutsche gönnten sich vergangenes Jahr eine durchorganisierte Seereise, fast drei Mal so viele wie 2006.

Kostet ja auch nicht mehr die Welt: TUI Cruises etwa bietet schon für 788 Euro eine Woche Kreuzen im Persischen Golf an. Trotzdem machen die Anbieter grandiose Geschäfte: dank Niedriglöhnern unter Billigflagge und einem Steuerprivileg, das ihnen deutsche Finanzbehörden gewähren.

Steuersatz von 0,05 Prozent

Denn am Heck weht nicht Schwarz-Rot-Gold, sondern die Flagge Maltas - wie bei allen sechs Kreuzfahrtschiffen der "Mein Schiff"-Flotte. Auf diese Fahne baut ein Teil des Geschäftsmodells der TUI Cruises GmbH auf.

650,8 Millionen Euro Umsatz und sagenhafte 126,5 Millionen Euro Profit vor Steuern aus der Geschäftstätigkeit hat die TUI Cruises GmbH 2015 erwirtschaftet. So geht es aus dem Jahresabschluss hervor - den das in Hamburg ansässige Unternehmen nicht auf seiner sonst so detaillierten Website veröffentlicht. Das Dokument wirft Fragen auf. Etwa die nach der hohen Profitmarge. Oder die nach dem Sinn einer ominösen Tochtergesellschaft aus Malta namens "MS Mein Schiff Ltd." Vor allem aber die Fragen nach der extrem niedrigen Steuerbelastung.

Laut Jahresabschluss musste TUI Cruises an den deutschen Fiskus auf 126,5 Millionen Euro Profit lediglich 63.787,75 Euro Steuern vom Einkommen und vom Ertrag abführen. Das entspricht einem Satz von 0,05 Prozent; auch 2014 waren es nur 0,06 Prozent. (Dazu kommen sonstige Steuern über 1,77 Millionen Euro wie beispielsweise Kfz- oder Energiesteuern, die aber nichts mit dem Gewinn zu tun haben.)

Wie kommt dieses Wirtschaftswunder zu Wasser zustande?

  • Sparmodell I: Billigflaggen

Eine entscheidende Rolle spielt die maltesische Flagge. Sie bietet Betreibern von im Zwergstaat registrierten Kreuzfahrtschiffen Privilegien, die sie bei einer Registrierung in Deutschland nicht hätten. Denn die Flagge bestimmt über die Rechtslage an Bord. Und da ist Malta extrem unternehmerfreundlich.

"Durch Ausflaggung umgehen TUI und alle anderen Kreuzfahrtbetreiber das deutsche Arbeitsrecht und die Mitbestimmung", sagt Maya Schwiegershausen-Güth von der Gewerkschaft Ver.di und dem Verband der internationalen Transportarbeitergewerkschaften. "Unter anderem können die Betreiber Crewpersonal bis zu 14 Stunden ununterbrochen einsetzen; nach deutschem Arbeitsrecht wären täglich maximal 10 Stunden erlaubt."

Anders als in Deutschland haben sie zudem keinerlei Verpflichtung, auf ihren Traumschiffen EU-Mitarbeiter anzuheuern. Diese gelten als weitaus teurer und selbstbewusster als etwa die Philippiner und Indonesier, die auf vielen Schiffen die meisten Crewmitglieder stellen.

14 Stunden am Stück kellnern, in fensterlosen Räumen bügeln oder Kabinen putzen, sieben Tage in der Woche arbeiten, monatelang kein Urlaub - üblich an Bord vieler Kreuzfahrtschiffe. Die Löhne sind weit unter mitteleuropäischen Standards. Laut einem internen Dokument von "Mein Schiff", das dem SPIEGEL vorliegt, erhalten etwa manche Mitarbeiter in der Wäscherei ein monatliches Grundgehalt von 368 Dollar für 40 Stunden pro Woche. Zusammen mit Zuschlägen für sieben Tage Arbeit in der Woche à 8 Stunden, darüber hinaus noch einmal bis zu 60,62 Überstunden pro Monat und Abgeltung für Urlaub kommen sie auf 770 Dollar (knapp 700 Euro). Dafür müssen sie aber auch bis zu etwa 300 Stunden lang arbeiten. Macht einen Stundensatz von weniger als 2,40 Euro.

TUI Cruises "Mein Schiff" - Monatslöhne ausgesuchter Berufe

Aufgabe Grund-
gehalt
Kompen-
sation
für Arbeit an
7 Tagen
pro Woche
Kompen-
sation
für bis zu 60,62
weitere Überstunden pro Monat
Kompen-
sation
für
Verzicht auf Urlaub
Gesamtgehalt inklusive
Zuschlägen für bis zu etwa 300 Stunden Arbeit pro Monat
Barchef 727 365 318 109 1519
Bufett-Hilfe 368 185 161 55 770
Wäschereihilfe 368 185 161 55 770
Kabinen-Steward 614 308 269 92 1283
Schiffsschneider 439 220 192 66 918

Alle Angaben in US-Dollar

Quelle: SPIEGEL-ONLINE-Recherche

TUI Cruises hält das für fair. "Nach Angabe der verantwortlichen Dienstleister werden alle Besatzungsmitglieder an Bord entsprechend ihrer jeweiligen Qualifikation und Berufserfahrung entlohnt", schreibt die Pressestelle auf Anfrage. Gehälter auf hoher See seien nicht mit Gehältern an Land vergleichbar. "Durch das Leben und Arbeiten an Bord entstehen Besatzungsmitgliedern kaum Nebenkosten, da Sachleistungen wie zum Beispiel Kost und Logis zusätzlich gewährt werden." Die Arbeitsverträge hielten die Vorgaben multinationaler Abkommen und Richtlinien der internationalen Transportarbeitergewerkschaft ein, Arbeits- und Pausenzeiten seien vertraglich geregelt, so TUI Cruises. Würde allerdings der deutsche Mindestlohn angewendet, kämen die Wäschereimitarbeiter locker auf 2000 Euro im Monat.

"Die enormen Gewinnspannen in der Kreuzfahrtindustrie werden nicht zuletzt durch Lohn- und Sozialdumping der Beschäftigten ermöglicht", sagt Gewerkschafterin Schwiegershausen-Güth. "Weltweit beobachten wir in der Kreuzfahrtbranche immer wieder eklatante Entgeltbedingungen fernab von einem akzeptablen Mindestmaß. Das betrifft vor allem niedrigqualifizierte Beschäftigte im Bereich Hotel und Catering, wo wir durch Inspektionen Stundenlöhne unterhalb von drei Dollar entdeckt haben."

Viele dieser Kreuzfahrtschiffe tragen Billigflaggen: ob von Malta, den Bahamas oder Panama. Kein einziger der mehr als 20 von Deutschland aus betriebenen Hochseekreuzer hat Schwarz-Rot-Gold gehisst.

"Die Reeder sind rigorose Kostenoptimierer", sagt Henning Jessen, Dozent für Seerecht an der World Maritime University in Malmö. "Solange die Gewinne unter ausländischer Flagge auch nur etwas höher sind, werden diese knallharten Kaufleute nicht die deutsche Flagge hissen."

Wie sie vorgehen, zeigt TUI Cruises. Das 2008 gestartete Joint Venture der TUI und des offiziell in Liberia registrierten US-Kreuzfahrtriesen Royal Caribbean gründete am 18. Februar 2009 eine Tochtergesellschaft auf Malta: die "TUI Cruises MS Mein Schiff Ltd."

Keine drei Monate nach der Gründung der Malta-Tochter taufte TUI Cruises dann "Mein Schiff 1" - das die Malta-Flagge trägt. "Oft läuft es in der Branche so, dass die Schiffe erst formal vom Unternehmen an einen Treuhänder oder an eine Briefkastenfirma vor Ort verchartert und dann vom Unternehmen zurückgechartert wird", sagt Volker Behr, Spezialist für maritime Wirtschaft bei der Steuerberatungsgesellschaft Hansa Partner. TUI Cruises gibt auf Anfrage keine Auskunft.

  • Sparmodell II: Tonnagesteuer in Deutschland

Die Unternehmen umschiffen durch die Ausflaggung bewusst das deutsche Recht: um ihre Crews länger arbeiten zu lassen, um die eigenen Gewinne zu maximieren. Trotz allem gewähren deutsche Finanzbehörden den hier ansässigen Fahnenflüchtigen ein besonderes Privileg: Sie dürfen nach der Tonnagegewinnermittlung versteuern.

Bei dieser so genannten "Tonnagesteuer" werden nicht die tatsächlichen Gewinne besteuert. Nein, die hochprofitablen Reeder dürfen einen Pauschalbetrag pro Tonne Gewicht (im Fachjargon: Nettoraum) ihrer Schiffe ansetzen. Dieser liegt bei weniger als 0,01 Euro pro Tonne Nettoraum und Betriebstag.

Eingeführt hatte der deutsche Gesetzgeber die Tonnagesteuer 1999 für Handelsschiffe, um diese unter deutscher Flagge zu halten. Kreuzfahrtschiffe sollten ursprünglich explizit ausgeschlossen werden. Das geschah aber nicht. Und heute erklärt eine Länderfinanzbehörde auf Anfrage des SPIEGEL: "Als Passagierschiffe zählen Kreuzfahrtschiffe zu den Handelsschiffen. Der langfristige Betrieb von Handelsschiffen im internationalen Verkehr ist auf Antrag nach § 5a Einkommensteuergesetz (Tonnagebesteuerung) begünstigt, wenn sich die Geschäftsleitung des Gewerbebetriebes in Deutschland befindet und die Bereederung vom Inland aus erfolgt."

Auf die Beflaggung kommt es den deutschen Finanzbehörden also nicht an. Und TUI Cruises? Man sei "in Deutschland unbeschränkt steuerpflichtig und erfüllt selbstverständlich alle steuerlichen Pflichten", erklärt das Unternehmen. Die "Mein Schiff"-Flotte werde steuerrechtlich von Deutschland aus betrieben.

Zahlt TUI Cruises also für seine gesamte Flotte mit 126 Millionen Euro Gewinn nur 63.767,75 Euro Tonnagesteuer? Der Konzern gibt keine Auskunft. Aber zwei Steuerspezialisten haben nachgerechnet. Sie halten diese Größenordnung für plausibel.

Fachleute zeigen sich entsetzt. "Es ist skandalös, wenn deutsche Kreuzfahrtkonzerne nur 0,05 Prozent Steuern auf dreistellige Millionengewinne zahlen", sagt Markus Meinzer, Vorstandsmitglied von Tax Justice Network. "Die Politik muss Gerechtigkeit gegenüber den normalen Steuerzahlern herstellen und die ungerechtfertigte Bevorteilung der boomenden Kreuzfahrtbranche beenden."

Allerdings haben die Reeder beste Drähte in die Politik: in Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern, wo TUI Cruises und die Aida-Betreibergesellschaft sitzen - wie auch in Berlin bei der Bundesregierung. Und so haben sie allen Grund, auf noch bessere Geschäfte zu hoffen. "Die Aussichten (…) für die kommenden Jahre werden weiterhin als sehr positiv eingeschätzt", schreibt TUI Cruises im Jahresabschluss. Für 2017 "wird erwartet, dass der Gewinn (...) der Mein Schiff 6 erneut stark gesteigert wird."

Das neue Traumschiff wird nun monatelang zwischen Deutschland, dem Nordmeer, dem Atlantik und der Karibik hin- und her kreuzen. Nach Malta indes wird es das offiziell maltesische Schiff erst im Mai 2018 verschlagen. Für einen Tag.

Zusammenfassung: Kein einziges Kreuzfahrtschiff, das von deutschen Reedern betrieben wird, trägt die deutsche Flagge. So fährt etwa "Mein Schiff 6" unter maltesischer Flagge. Dies ermöglicht dem Betreiber TUI Cruises, das strengere deutsche Arbeitsrecht zu umschiffen und Niedriglöhne zu zahlen. Zudem gewähren deutsche Finanzbehörden TUI Cruises und anderen Anbietern die Pauschalversteuerung nach Tonnagegewinnermittlung, die eigentlich nur für Handelsschiffe gedacht war. So müssen die hochprofitablen Konzerne kaum Steuern auf ihre Millionengewinne entrichten.

insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
qwertreiber 01.06.2017
1. @ Finanzminister Schäuble
Können Sie "Pauschalversteuerung nach Tonnagegewinnermittlung" bitte mal abschaffen? Das is ja nun wirklich Ungleichbehandlung von Unternehmen. Das ist ja als wenn man die Telekom nach Anzahl der verwendeten PCs versteuern würde.
oidahund 01.06.2017
2.
Zitat von qwertreiberKönnen Sie "Pauschalversteuerung nach Tonnagegewinnermittlung" bitte mal abschaffen? Das is ja nun wirklich Ungleichbehandlung von Unternehmen. Das ist ja als wenn man die Telekom nach Anzahl der verwendeten PCs versteuern würde.
Das kann er schon tun - nur das wird nicht mehr Steuern bringen. So lange in der EU keine einheitlichen Steuerregeln gelten, werden Abgaben umgangen. Das Lizensmodell von Amazon in Luxemburg ist nur ein Beispiel von sehr vielen. Die Betreibergesellschaft der Schiffe sitzt in Malta, dann zahlt halt TUI Cruises an die Betreibergesellschaft Gebühren und die Gewinne werden dann in Malta zum Minisatz versteuert. Alles legal in unserem geeinten Europa.
wasistlosnix 01.06.2017
3. Nu aber
Kreuzfahrt ist die Globalisierung des Urlaubs. Die Arbeit muss so billig wie möglich erledigt werden. Durch Schiffe kann man die Arbeit exportieren geht beim Hotel in den Alpen oder der Nordsee oder am Mittelmeer halt nicht.
harms 01.06.2017
4. Alternativ....
...könnten ja Deutsche Häfen die Gebühren für Anlandung unter fremder Flagge fahrender Kreuzfahrtschiffe drastisch erhöhen. Käme z.B. dem Hamburger Hafen zu Gute, der ständig diese Dreckschleudern beherbergen muß. Wer bereit ist, sich zwei Wochen oder länger auf einem schwimmenden Umweltverschmutzer von knechtendem Personal schamlos bedienen zu lassen, soll zahlen.
Hans Neumann 01.06.2017
5.
Die Arbeitsbedingungen sind nicht gerade ungewöhnlich und man muss das auch aus der Sicht der Herkunftsländer sehen: Was verdient man dort? Wie sind die Bedingungen im Vergleich zu dort? Sind die Verträge fair und verständlich? Folgendes Problem ergibt sich auch für deutsche Seeleute: Was mache ich mit einem freien Sonnabend und Sonntag? Was mit der Freizeit? Deshalb ist es oft so, dass man durcharbeitet und sogar 12 Stunden am Tag arbeitet, um dafür entsprechend mehr Urlaub zu bekommen. Das kann für alle Seiten große Vorteile haben. Und man bedenke auch folgendes: Wenn schon Passagiere die ungeliebten Innenkabinen nehmen müssen, glaubt jemand im Ernst, die Besatzung kriegt das Sonnendeck? Wie würde man so etwas organisieren wollen? Deshalb also das zeitliche Verschieben der besseren Bedingungen in den Urlaub. Zum Rest will ich jetzt nichts sagen, mir ging es nur um den genannten Punkt. MAn muss halt sehen, dass man in der Schiffahrt stets mit der gesamten Welt konkurriert. Da sind keine deutschen Lokalbedingungen machbar. Es gäbe nur eins: Macht keinen Urlaub auf solchen Schiffen. Ich frage mich sowieso, worin der Spaß besteht, sich in einenen Kasten einsperren zu lassen, der am ehesten an einen Neubau in Berlin-Marzahn erinnert. Na gut, Blick aufs Wasser. Aber ich bin auch zu See gefahren, mag sein, dass etwas verwöhnt bin. ;-)
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