Verschwundenes U-Boot Warum zwei deutsche Firmen unter Verdacht stehen

Ein argentinisches U-Boot verschwindet im Atlantik, 44 Menschen an Bord sind verloren. Im südamerikanischen Land beschäftigt der Fall Politik und Justiz. Die Spur führt offenbar auch nach Deutschland.

U-Boot "San Juan" (Juni 2014)
REUTERS

U-Boot "San Juan" (Juni 2014)


Der Kapitän meldete einen Kurzschluss. Wenig später verlor er den Funkkontakt zur Basis. Seit Mitte November ist das argentinische U-Boot "ARA San Juan" verschollen. Für die 44 Besatzungsmitglieder gibt es keine Hoffnung mehr: Nach zwei Wochen Suche brach die argentinische Marine die Rettungsmission Ende November ab.

In Argentinien hat das Verschwinden des U-Boots nun ein rechtliches und ein politisches Nachspiel: Die Antikorruptionsbehörde und die Justiz gehen ebenso wie Parlamentsabgeordnete der Frage nach, welche Rolle Korruption im Zusammenhang mit dem Unglück gespielt haben könnte. Im Mittelpunkt stehen auch die deutschen Unternehmen Ferrostaal und Hawker.

Im Video: Marine stellt Suche nach verschollenem U-Boot ein

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Worum geht es im Einzelnen? Der Überblick.

Was ist über die Ursache des Unglücks bekannt?

In seinem letzten Funkspruch meldete der Kapitän des U-Boots, dass Wasser über das Lüftungssystem in einen Batterietank eingedrungen sei und ein Kurzschluss einen Schwelbrand im Batteriesystem verursacht habe. Das geht aus einem Bericht der argentinischen Kriegsmarine hervor, der vom Nachrichtensender A24 veröffentlicht wurde. Zweieinhalb Stunden später verzeichneten internationale Meeressonden eine Explosion auf der mutmaßlichen Position des U-Boots.

Zu dem Kurzschluss an Bord sei es gekommen, weil Wasser über den Schnorchel in das U-Boot gelangt sei, sagte Marinesprecher Kapitän Enrique Balbi. Zum Zeitpunkt des Vorfalls gab es hohen Wellengang von mehr als sechs Metern auf der Route des U-Boots im Südatlantik.

Welcher Verdacht besteht gegen Ferrostaal?

Auf Anordnung eines Bundesrichters hat die argentinische Justiz das Hauptquartier der Marine in Buenos Aires und die örtliche Filiale von Ferrostaal Argentinien durchsucht. Es gehe um den Verdacht, dass bei einer Überholung des U-Bootes in Argentinien Korruption im Spiel gewesen sein könnte.

Beamte hätten sowohl bei der Marine als auch in den Gebäuden von Ferrostaal Argentinien Dokumente beschlagnahmt, berichtet die argentinische Tageszeitung "La Nación".

Auf SPIEGEL-Anfrage teilte Ferrostaal mit, dass das Unternehmen seine "Beteiligung an der Ferrostaal Argentina (die sich seit mehreren Jahren ausschließlich auf das digitale Druckmaschinengeschäft und den Verkauf von Verbrauchsgütern für die Druckindustrie spezialisiert hat) bereits Ende 2016 verkauft hat; sie ist also seit über einem Jahr keine "Filiale" der Ferrostaal GmbH mehr."

Allerdings betreffen die aktuellen Ermittlungen Vorgänge aus den Jahren 2005 bis 2011, liegen also vor dem Verkauf der Beteiligung Ende 2016.

Wie kam es zu den Ermittlungen?

Den Ermittlungen ging eine Anzeige der Parlamentarierin Elisa Carrió voran. Carrió gehört der Regierungskoalition von Präsident Mauricio Macri an. Die Abgeordnete erstattete Anzeige gegen drei ehemalige Verteidigungsminister. Diese sollen demnach bei der Generalüberholung des U-Boots zwischen 2005 und 2011 Verträge ohne Ausschreibung vergeben haben, bei denen es zu Korruption gekommen sein könnte.

Die Aufträge hätten unter anderem Ferrostaal sowie den deutschen Batteriehersteller Hawker mit Sitz in Hagen zur Lieferung von Batteriezellen für das elektrisch angetriebene U-Boot begünstigt, heißt es in der Anzeige, die dem SPIEGEL vorliegt..

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Argentinisches U-Boot ARA "San Juan": Verschollen im Atlantik

Hat der Fall eine darüber hinausgehende politische Komponente?

Ja. Auch die Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des argentinischen Parlaments, Cornelia Schmidt-Liermann sowie Verteidigungsminister Oscar Aguad äußerten sich laut einem Bericht des Bayerischen Rundfunks auf tagesschau.de zu der Sache.

Dem Bericht zufolge geht es um die Rolle, die Ferrostaal und Hawker bei der Generalüberholung des U-Boots gespielt haben. Bei dieser Reparatur seien unter anderem die Batterien ausgetauscht worden. Mit den beiden Unternehmen sei ein Vertrag über die Lieferung von 964 Batteriezellen abgeschlossen worden. Die Kosten hätten 5,1 Millionen Euro betragen.

"Es besteht der Verdacht, dass Bestechungsgeld geflossen ist bei der Reparatur der 'San Juan' und dass deutsche Unternehmen involviert waren", zitiert tagesschau.de Schmidt-Liermann.

Auch der argentinische Verteidigungsminister Aguad habe Zweifel daran, dass bei der Generalüberholung alles mit rechten Dingen zugegangen sei: "Alle Verdachtsmomente lassen annehmen, dass hier Korruption vorlag", zitiert ihn tagesschau.de. "Und es gibt auch Aussagen, dass die verwendeten Materialien nicht der erforderlichen Qualität entsprechen."

Laut dem Bericht wurde auch bei der Bundesregierung schriftlich angefragt, ob sie Informationen beisteuern könne.


Wie reagieren die Unternehmen auf die Vorwürfe?

Ferrostaal wies auf SPIEGEL-Anfrage Berichte über Unregelmäßigkeiten zurück. Man habe seinerzeit lediglich einen Liefervertrag über Ersatz-Batteriezellen des Originalherstellers Hawker für das U-Boot "ARA San Juan" vermittelt.

Dem Unternehmen liegen demnach keine Anhaltspunkte für Unregelmäßigkeiten bei Vergabe, Vermittlung, Abschluss oder Durchführung des Liefervertrags vor. Auch die Inhalte und Hintergründe der in argentinischen Medienberichten erhobenen Vorwürfe gegen ihr früheres Tochterunternehmen in Argentinien seien der Firma nicht bekannt.

Ferrostaal habe vor einer Woche "eine international anerkannte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft beauftragt, schnellstmöglich sämtliche betroffenen Sachverhalte auf etwaige Unregelmäßigkeiten zu überprüfen", teilte das Unternehmen mit Sitz in Essen mit.

Hawker ließ Anfragen des SPIEGEL unbeantwortet.

asa



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