Übernahmekampf Scania-Chef lästert über MAN-Führung

Mangelnde Effizienz, bürokratische Strukturen, "zu deutsch": Im Kampf um die Übernahme des schwedischen Lastwagenherstellers Scania wird der Ton rauer. Ein Zusammengehen beider Konzerne hält Scania-Chef Leif Östling schon wegen der unterschiedlichen Kulturen für undenkbar.


Stockholm/Wolfsburg/München - Übertriebene Emotionen in der Öffentlichkeit sind dem Nordlicht Östling eigentlich fremd. Umso deutlicher merkten die Zuhörer auf, als sich der Scania-Boss heute über den Münchener Konkurrenten MAN ausließ. Das vorgelegte Angebot sei "die schlimmste Form von deutschem Verhalten", "sehr feindlich und sehr unanständig", sagte Östling auf einer Pressekonferenz. Glaubt man dem Manager, so kann MAN den Skandinaviern nicht das Wasser reichen. Zu uneffizient seien die Unternehmenstrukturen, zu ungeschickt die Führung des Wettbewerbers.

Kampf um den schwedischen Nutzfahrzeugehersteller: Scania bezeichnet MAN-Führung als "zu deutsch"
DPA

Kampf um den schwedischen Nutzfahrzeugehersteller: Scania bezeichnet MAN-Führung als "zu deutsch"

"Dumm" gehandhabt habe Vorstandschef Hakan Samuelsson, ein früherer Scania-Vorstand, die bisherigen Übernahmeangebote, sagte Östling. Überdies habe der Konzern mindestens 5000 Beschäftigte zuviel. Scania sei mit ihren "direkten Entscheidungswegen" und ihrer "direkten Kommunikation" um gut 30 Prozent effektiver als das Münchener Unternehmen, das Östling des weiteren als politisiert bezeichnete. MAN beschäftigt gut 50.000 Menschen, davon 34.000 in der Nutzfahrzeugsparte. Einen Personalabbau plant MAN eigenen Angaben zufolge nicht: "Wir sind voll ausgelastet und haben sogar Personal aufgebaut. Unser Konzept ist auf Wachstum ausgerichtet und in der Kombination mit Scania sehen wir noch größere Wachstumschancen."

Ein Zusammengehen beider Lastwagenhersteller kann sich der Scania-Chef eigenen Angaben zufolge im moment nicht vorstellen, allenfalls in zehn oder 15 Jahren. "Das ist dann nicht mehr Håkan Samuelssons oder meine Zeit." Östling sieht das Risiko, im Zuge der Übernahme Marktanteile und Umsatz zu verlieren. Die von MAN angestrebte Fusion könne einen Umsatzverlust von bis zu 500 Millionen Euro zur Folge haben, sagte Östling. Die angestrebten Synergien von 500 Millionen Euro sei nur bei sehr guter Zusammenarbeit beider Seiten und einem starken Management zu verwirklichen.

Konsolidierung in der Branche könnte eine Chance sein, aber sie sei nicht notwendig, sagte Östling. Oft habe sich nach sechs bis acht Jahren herausgestellt, dass Zusammenschlüsse in der Automobilbranche nicht so erfolgreich gewesen seien wie ursprünglich geplant.

Übernahme für zehn Milliarden Euro ist "unzureichend"

Die eigenen Aktionäre versuchte Östling heute erst einmal mit einer kleinen Zusatzzahlung zu ködern. 35 Schwedische Kronen (3,78 Euro) je Papier stellte er heute zusätzlich in Aussicht. MAN könnte damit auch gezwungen werden, sein Übernahmeangebot ein zweites Mal zu erhöhen, schätzt Analyst Henrik Breum von der Danske Bank. Seit September liegt die Offerte bei rund 9,6 Milliarden Euro. Scania-Chef Leif Östling bezeichnete das Angebot erneut als unzureichend.

Am Sonntag hatte Volkswagen unter bestimmten Bedingungen Unterstützung für die MAN-Offerte signalisiert. Mit Blick darauf kündigte Östling an, sein Unternehmen werde sich in den kommenden Tagen verbindlich über die Möglichkeit direkter Gespräche äußern. "Früher oder später wird es Gespräche mit MAN geben", sagte der Scania-Chef.

VW ist wichtigster Anteilseigner sowohl von Scania mit 18,7 Prozent des Kapitals und 34 Prozent der Stimmrechte, als auch von MAN. Bei dem Münchner Maschinenbau- und Nutzfahrzeugkonzern war der Autobauer erst kürzlich mit gut 15 Prozent eingestiegen. VW will seinen 34-prozentigen Scania-Stimmrechtsanteil aber erst anbieten, wenn MAN mindestens 56 Prozent der Stimmrechte und 71,3 Prozent des Kapitals an dem schwedischen Unternehmen hält. MAN will mindestens 90 Prozent an Scania übernehmen. Damit müsste der Lkw-Bauer vorher die Zustimmung der Familie Wallenberg, der zweitgrößten Scania-Eignerin, gewinnen. Diese kontrolliert über die Holding-Gesellschaft Investor und eine Familienstiftung 29 Prozent der Scania-Stimmrechte.

tos/ Reuters/ ddp/ dpa/ Dow Jones



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