Überqualifizierte Zuwanderer Holz hacken mit Diplom

Unternehmen klagen über Bewerbermangel und wollen Hochqualifizierte aus dem Ausland holen - doch die sind längst da. Viele ausländische Akademiker wollen sich beweisen, dürfen aber nicht, weil Abschlüsse nicht anerkannt werden. So arbeiten Informatiker als Fahrer - und Lehrer im Sägewerk.

Von Silke Bigalke


Hamburg - In Russland hat Irina Bier für ihre Heimatstadt Wladimir und später für den Energieriesen Gasprom gearbeitet. Sie ist Diplomingenieurin, ihr Spezialgebiet ist Hydrotechnik, der Bau von Kanälen und Schleusen. In Deutschland findet die 43-Jährige trotz mehrerer deutscher Weiterbildungen keinen Job. Es geht ihr wie vielen ihrer Bekannten, die mit anerkanntem Ingenieursdiplom als Kraftwagenfahrer oder Altenpfleger arbeiten.

Diplomingenieurin Bier: "Ich kann mehr"

Diplomingenieurin Bier: "Ich kann mehr"

"Dieses Land nutzt unsere Kräfte nicht richtig", sagt sie. "Ich kann mehr, als ich zurzeit beweisen kann."

Tausende Zuwanderer arbeiten in Deutschland trotz Hochschulabschluss als Hilfsarbeiter. Laut einer Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sind fast 19 Prozent der hochqualifizierten Ausländer arbeitslos, bei den Spätaussiedlern sind es sogar 43,6 Prozent. "Das Potential der Ausländer wird nicht ausgeschöpft", sagt Herbert Brücker, Bereichsleiter für Internationale Vergleiche und Europäische Integration beim IAB.

Der Befund steht im Widerspruch zu Forderungen von Wirtschaftsverbänden, die über Mangel an Naturwissenschaftlern, Ingenieuren und Informatikern klagen – und darauf drängen, mehr Hochqualifizierte aus dem Ausland zu holen. 20 Milliarden Euro koste der Mangel an Qualifizierten die Wirtschaft jährlich, heißt es in einer Studie des Wirtschaftsministeriums.

Oliver Heikaus, Arbeitsmarktexperte der IHK, fordert deshalb, die Zuwanderung für ausgebildete Ausländer zu erleichtern. "Dazu gehört, die Einkommensanforderungen bei hochqualifizierten ausländischen Experten zu senken und den deutschen Arbeitsmarkt generell für mittel- und osteuropäische EU-Bürger mit Hochschulabschluss zu öffnen."

"So demotiviert, dass sie ihren Kindern vom Studium abraten"

Diese kurzfristige Lösung hält Roberto Alborino, Leiter des Referats Migration und Integration bei der Caritas, für falsch. Hochqualifizierte Ausländer seien ja längst in Deutschland – nur werden sie nicht ihren Talenten gemäß eingesetzt. "Es gibt hier viele unentdeckte Potentiale. Es ist nicht richtig, dass wir sie unterbewerten und nicht benutzen."

Alborino selbst kennt viele Beispiele: Eine Schulleiterin, die als Sekretärin arbeiten muss, oder einen Ingenieur, der sich mit Übersetzungen über Wasser gehalten hat. "Viele höher qualifizierte Migranten sind bereits so demotiviert, dass sie ihren Kindern vom Studium abraten", sagt er.

Zuständig für die Anerkennung von Hochschulabschlüssen sind die Bundesländer. Sie entscheiden, ob ein ausländisches Diplom deutschen Standards entspricht. Das Problem dabei ist oft die mangelnde Vergleichbarkeit. Viele Berufsgruppen, wie Lehrer oder Juristen, haben kaum eine Chance auf Anerkennung. Andere dürfen zwar ihren ausländischen Titel tragen, doch mit dem können die meisten Arbeitgeber dann nichts anfangen.

Informatikerin Hartok: "In Russland alles gleichzeitig gemacht"

Informatikerin Hartok: "In Russland alles gleichzeitig gemacht"

Irina Hartok ist 25 Jahre alt und IT-Technikerin, Diplom-Wirtschaftsinformatikerin und Verkaufsmanagerin. "Ich habe in Russland alles gleichzeitig gemacht, gearbeitet und gelernt", erklärt sie ihre Qualifikationen. Sie brachte neben ihrem Diplom vier Jahre Berufserfahrung, meistens aus dem Einkauf von IT-Technik, mit nach Deutschland. Trotzdem hat sie auf rund 30 Bewerbungen nur Absagen bekommen - obwohl Informatiker eigentlich stark nachgefragt sind. "Dabei sind die Arbeitgeber oft nicht so ehrlich und offen", sagt Hartok. "Sie sagen meistens einfach, sie hätten schon jemanden gefunden."

Jetzt sitzt die Wirtschaftsinformatikerin wieder auf der Schulbank. Sie wurde ins Akademikerprogramm der Otto Benecke Stiftung (OBS) aufgenommen. Mit einem meist einjährigen Ergänzungsstudium und Praktika können Akademiker mit ausländischem Abschluss hier ihre Chancen auf einen Job verbessern. Rund 3150 hochqualifizierte Spätaussiedler, Kontigentflüchtlinge und Asylberechtigte bewerben sich pro Jahr. Die Kurse reichen von Betriebswirtschaft über Informatik bis zu Maschinenbau. Mit dem Zertifikat schaffen es 70 Prozent, innerhalb eines Jahres einen Job zu bekommen.

Oberarzt wird nicht Krankenpfleger – nur Hilfskrankenpfleger

Entscheidend sei die Chance, sich im Praktikum zu beweisen, sagt Dagmar Maur, Leiterin des Akademikerprogramms. "Viele haben 100 Bewerbungen geschrieben und trotzdem keinen unbezahlten dreimonatigen Praktikumsplatz bekommen", so Maur. "Die Unternehmen denken, ausländische Praktikanten kosten Zeit und Aufmerksamkeit." Sie wünsche sich mehr Mut von den Arbeitgebern, erst mal zu sehen, was die Absolventen können.

Vorurteile der Arbeitgeber gegen nicht-deutsche Abschlüsse sieht auch Caritas-Integrationsexperte Alborino als Problem. "Zum Beispiel wird ehemaligen Bürgern von früheren Sowjetstaaten oft unterstellt, sie seinen zu angepasst und phlegmatisch. Da sind immer noch Stereotype in den Köpfen."

Besonders schwierig wird es, wenn der Abschluss von den Behörden gar nicht erst akzeptiert wird. Professor Rolf Meinhardt, Migrationsforscher an der Universität Oldenburg, hat in einer Untersuchung 260 studierte Migranten in Niedersachsen befragt. 40 Prozent von ihnen wurde der Universitätsabschluss nicht anerkannt, etwa jeder Dritte war arbeitslos, besonders Naturwissenschaftler fanden oft keinen Job.

"Sie gelten als ungelernte Arbeitskräfte", sagt Meinhardt. "Warum wird ein ehemaliger Oberarzt nicht mal Krankenpfleger, sondern Hilfskrankenpfleger? Diesen Umgang mit Fachkräften finde ich entwürdigend."

Barbara Buchal-Höver, stellvertretende Leiterin der Zentrale für ausländisches Bildungswesen, findet dagegen nicht, dass die Hürde für die Anerkennung zu hoch ist. Jeder Abschluss müsse sich daran messen lassen, was in Deutschland Standard ist. Bestimmte Berufe dürften von Migranten nur dann ausgeübt werden, wenn Dauer und Inhalt der Ausbildung den hiesigen entsprechen. "Es liegt in unserer Verantwortung, dass niemand einen Beruf ausübt, in dem er wegen mangelnder Qualifikation schädlich wirken kann. Davor müssen wir die Öffentlichkeit schützen", sagt sie.

"Das Schwerste war, als unqualifiziert behandelt zu werden"

Sadrija Musina, diplomierter Gymnasiallehrer für Philosophie, Logik und politische Wissenschaft arbeitete als Holzfäller, nachdem er 1992 aus Serbien nach Deutschland geflüchtet war. Er wurde in Deutschland geduldet, an eine Anerkennung seines Diploms war nicht zu denken.

Musina schlug sich mit befristeten Jobs durch, im Sägewerk, beim Gerüstbauer, als Gärtnereigehilfe und als Lagerarbeiter in der Gastronomie. "Das Schwerste war, immer als unqualifiziert behandelt zu werden", erzählt er. "Wer nicht gut deutsch spricht, der kann auch alles andere nicht gut – so denken die Leute." Er sei von seinen Kollegen oft schikaniert worden, habe sich tief bücken müssen, um den Job zu behalten.

Musina, der damals in Serbien promovieren wollte, hatte Sehnsucht nach der Universität. An der Uni Oldenburg besuchte er gelegentlich Vorlesung und traf auf Rolf Meinhardt. Der Professor richtete 2006 den Bachelor-Studiengang "Interkulturelle Bildung und Beratung" für Migranten ein. Der 48-jährige Musina hat gerade das vierte von sechs Semestern abgeschlossen. Im nächsten Jahr soll ein zweiter Bachelor-Studiengang für Migranten in Oldenburg starten - diesmal für Ingenieure.



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