Überwachungsskandal Im Visier der Lidl-Spitzel

Taschenkontrollen, Mobbing, Bespitzelung – eine ehemalige Leiterin einer niedersächsischen Lidl-Filiale berichtet, wie sie selbst vor Jahren zum Ziel versteckter Kameras wurde und das nur durch Zufall entdeckte. Lidl will die Vorwürfe jetzt klären.

Von , München


München - Angelika Düerkop erinnert sich noch genau an jenen Winterabend im Jahr 2003. Eigentlich hatte sie längst Feierabend, war schon zu Hause. Aber schließlich fuhr sie doch noch mal zurück in die Lidl-Filiale. "Ich hatte irgendwie ein ungutes Gefühl, weil ich dachte, ich hätte vielleicht das Licht im Geschäft angelassen", sagt die heute 42-Jährige. Damals arbeitete sie als Leiterin eines Lidl-Discounters im niedersächsischen Helmstedt.

Ex-Filialleiterin Düerkop: "Ständige Schnüffelei"

Ex-Filialleiterin Düerkop: "Ständige Schnüffelei"

Tatsächlich: Das Licht in der Filiale brannte an jenem Abend. Doch was Düerkop dann erlebte, konnte sie erst gar nicht glauben. "Da kam plötzlich die damalige Lidl-Bezirksleiterin mit einem unbekannten Mann aus dem Laden", sagt sie. "Ein Techniker", wie ihr die Bezirksleitung umgehend erklärt habe. Düerkop erinnert sich: "Meine Chefin sagte, dass ein Kollege geklaut haben könnte. Deshalb wollte sie, dass alle Mitarbeiter mit versteckten Kameras gefilmt werden."

Lidl räumt auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE ein, dass eine damalige Bezirkschefin zumindest in einem Fall eine heimliche Überwachung der Mitarbeiter in Düerkops Filiale mit versteckten Kameras anordnete. "Die überdurchschnittlich hohe Inventurdifferenz hat diese Maßnahme notwendig gemacht", rechtfertigt Sprecherin Gertrud Bott den Schritt.

Düerkop wurde damals nach eigenen Angaben um Stillschweigen gebeten. Schließlich sei, so habe man ihr versichert, alles mit der nächsthöheren Instanz, der sogenannten Gebietsverkaufsleitung (GVL), abgeklärt worden. Düerkop gehorchte deshalb zunächst. "Als ich am nächsten Tag im Laden war, schaute ich nach den Kameras. Die schwarzen Stifte hinter den Deckenplatten waren nur beim genauen Hinsehen zu erkennen", berichtet sie.

Die versteckten Kameras seien nicht nur über dem Kassenraum, sondern auch im Pausenraum angebracht worden, sagt sie – das habe sie merkwürdig gefunden. Die ehemalige Marktleiterin vermutet: "Die haben auch die Gesprächsinhalte aufgezeichnet." So habe sie einer Mitarbeiterin einmal etwas vollkommen Privates im Ruheraum anvertraut. "Es gab keine Zeugen. Doch kurz darauf wusste die Bezirksleitung davon, obwohl die Kollegin mit dieser nie Kontakt hatte und versicherte, nichts gesagt zu haben."

Lidl-Sprecherin Bott widerspricht dieser Darstellung. Gespräche der Angestellten seien "definitiv nicht" aufgezeichnet worden.

Die einstige Marktleiterin geht davon aus, dass ihre Vorgesetzten sie und die Mitarbeiter ihrer Filiale "nicht nur einmal" mit versteckten Kameras überwachten. Sechs Jahre arbeitete sie nach eigenen Angaben bei Lidl. Düerkop sagt, sie habe im Herbst 2004 gekündigt - auch weil sie "die ständige Schnüffelei nicht mehr aushielt".

Lidl-Sprecherin Bott sagt, sie könne bislang nicht sagen, ob es weitere geheime Überwachungen in der Filiale gegeben habe. "Wir werden den Fall und das Verhalten der beteiligten Angestellten ausführlich prüfen", versichert sie.

In ihrer Filiale herrschte ein "ständiges Klima des Misstrauens", erzählt Düerkop. Ein Bezirksleiter habe mehrmals ohne konkreten Verdacht bei Mitarbeitern nach deren Schicht den Kofferraum kontrolliert, bevor diese nach Hause fahren durften. Sie sagt: "Jeder Mitarbeiter hat schon Angst gehabt, wenn ein Fünf-Cent-Stück auf den Boden fällt."

Auch würden bei Lidl extra Mitarbeiter angestellt, "um die Kollegen zu bespitzeln", behauptet Düerkop. Offiziell seien diese zwar nur Ansprechpartner für "Probleme und soziale Spannungen von Mitarbeitern" gewesen. Brisante Erkenntnisse über Mitarbeiter hätten sie aber immer umgehend der Bezirksleitung mitgeteilt. Vor allem, wenn Lidl einen Angestellten loswerden wolle, suche die Bezirksleitung "um jeden Preis nach Gründen". Dies ist laut Düerkop ein Motiv für die "ständige Überwachung".

So sei eine ihrer Kolleginnen so lange unter Druck gesetzt worden, bis sie selbst gekündigt habe. "Die haben sie in Einzelgesprächen in die Mangel genommen, bis sie geheult hat." Der damalige Bezirksleiter habe bei der "Taschenkontrolle" bemerkt, dass die Kollegin zuvor mehrmals Alkohol gekauft hatte. "Als sie öfters krank wurde, wollten die sie los werden", sagt Düerkop.

Lidl-Sprecherin Bott sagt, die damalige Bezirksleiterin habe die Überwachung ohne Wissen der Gebietsverkaufsleitung oder gar der Geschäftsführung eingeleitet. Für die Kameraüberwachung sei ausschließlich die "Regionalgesellschaft vor Ort" verantwortlich gewesen.

Laut einem "Stern"-Bericht ließ der Lebensmitteldiscounter zumindest im vergangen Jahr systematisch die Beschäftigten in zahlreichen Filialen überwachen. Angestellte sind demnach mit Miniaturkameras von Detektiven überwacht, Gespräche in seitenlangen Protokollen notiert worden. Dem Magazin liegen nach eigenen Angaben mehrere hundert Seiten solcher Aufzeichnungen aus den Jahren 2006 und 2007 vor. Die von Lidl beauftragten Detektive notierten zahlreiche Details aus dem Privatleben mancher Mitarbeiter. In den Protokollen fanden sich Details über mögliche Liebesverhältnisse zwischen Mitarbeitern oder Notizen darüber, wie viel Guthaben ein Angestellter noch auf seinem Handy hatte.

In den vom "Stern" dokumentierten Fällen wurde dem Marktleiter zwar stets mitgeteilt, dass Kameras installiert wurden. Die übliche Begründung: Es gehe darum, Ladendiebe aufzuspüren. Die Mitarbeiter wussten demnach nicht, dass die Kameras auch dazu dienten, sie selbst zu bespitzeln. Die meisten Fälle aus dem "Stern"-Bericht stammen aus Niedersachsen.

SPIEGEL ONLINE konnte Düerkops Anschuldigungen nicht im Detail verifizieren. Dass sie nicht unplausibel sind, zeigt ein Blick ins "Schwarzbuch Lidl" der Gewerkschaft Ver.di aus dem Jahr 2004. Die Lidl-Angestellten müssten sich demnach ständigen Taschenkontrollen unterziehen, weil der Konzern Diebstahl ausschließen möchte. Auch sei oft schon der Gang zum WC für viele Kassiererinnen Luxus.

Mit dem Wissen der Mitarbeiter wurden auch in Düerkops damaliger Filiale in Helmstedt des Öfteren Minikameras installiert - nach Angaben der Bezirksleitung ebenfalls, um Kundendiebstähle zu entdecken. "Der Detektiv zeigte mir einmal, wie leicht er genau auf jeden Mitarbeiter zoomen konnte", erinnert sich die Ex-Marktleiterin. Damals habe sie sich nichts dabei gedacht, jetzt bewerte sie diese Aufnahmen kritischer.

Auf die Frage, ob bei den Kameraüberwachungen mit Wissen der Angestellten in Helmstedt auch die Mitarbeiter selbst überwacht wurden, antwortet Lidl-Sprecherin Bott ausweichend: "Weder fand ein Kameraeinsatz im Ruheraum statt, noch wurden Tonaufnahmen aufgezeichnet."

Der Hamburger Arbeitsrechtsexperte Klaus Müller-Knapp hält eine heimliche Kameraüberwachung "generell für höchst problematisch". Auch für eine Aufklärung von Diebstählen sei der Einsatz versteckter Kameras nur unter "strengsten Bedingungen erlaubt", sagt Müller-Knapp zu SPIEGEL ONLINE.

Gewerkschafter sind empört. Ver.di-Experte Achim Neumann nennt die Mitarbeiterüberwachung bei Lidl "eine große Schweinerei". Lidl will wegen der andauernden Kritik künftig nur noch sichtbar angebrachte Kameras einsetzen. Düerkop sagt: "Systematische Überwachung wünsche ich keinem. Man fühlt sich nackt und ausgeliefert."

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