Landwirtschaft in Russland Parmesan aus Perm

Seit der Ukraine-Krise setzt Russland auf Selbstversorgung. Doch die Landwirtschaft des Landes zu modernisieren, ist mühsam. Das zeigt ein Besuch bei Schweizer Bauern, die südlich von Moskau Milch produzieren.

Luzia Tschirky

Aus Kaluga berichtet Luzia Tschirky


Früh am Morgen, kurz vor sieben in der russischen Provinz: Der Schweizer Hans Michel quält seinen Geländewagen über eine Schlaglochpiste. Michel ist Schweizer, hat aber mit Kollegen in Russland einen Hof mit Milchkühen aufgebaut, 700 Tiere zählt der Betrieb "Schweizer Milch", er liegt nahe der Provinzstadt Kaluga, 200 Kilometer südlich von Moskau.

Michel fährt die Melkerinnen von der Frühschicht zurück in ihre Dörfer. Zehn Jahre ist es her, dass er zusammen mit anderen Bauern aus der Schweiz das Gelände der Kolchose, eines verfallenen sowjetischen Großbetriebs, übernommen hat. Heute verkaufen Michel und seine Partner ihre "Schweizer Milch" an russische Supermarktketten, auch in der Hauptstadt Moskau. Mehr als eine Million Euro Umsatz machen sie so pro Jahr.

Die Auswirkungen der Ukraine-Krise sind auch bei Kaluga spürbar. Russland hat Anfang August einen Lieferstopp für Milchprodukte aus den USA und der EU verhängt, eine Vergeltungsmaßnahme für Sanktionen des Westens. "Wir bekommen jetzt oft Anrufe von Schweizer Bauern", sagt Michel. "Die interessieren sich alle für den russischen Markt". Seit Käse aus der Europäischen Union nicht mehr nach Russland geliefert werden darf, glaubt manch einer in der Schweiz das große Geschäft zu wittern, Putin hat das Land von Russlands Sanktionen ausgenommen.

Die Konfrontation mit dem Westen will der Kreml gezielt nutzen, um die Landwirtschaft in Russland zu stärken. Mit 640 Milliarden Rubel - umgerechnet rund 13,5 Milliarden Euro. Russlands Potenzial in der Landwirtschaft ist enorm. Die Getreidefelder machen rund 10 Prozent der weltweiten Anbauflächen aus. In den Neunzigerjahren musste das Riesenreich zwar zwischenzeitlich Weizen aus den USA importieren. Seit der Jahrtausendwende aber exportiert Russland Getreide. Seit 2004 hat das Land die Ausfuhren auf 16 Millionen Tonnen vervierfacht.

Personal ohne Ausbildung

Anders sieht die Lage bei der Milch aus. Da fehlen Russland rund eine Million Kühe zur Eigenversorgung, rechnet Michel vor. Milchprodukte sind teurer geworden. Auch die Schweizer haben ihre Preise angehoben, um zwei Rubel pro Liter. Man wolle "nicht von diesem Krieg profitieren", betont der Schweizer Michel. Die Rubelschwäche aber mache Importe von Technik und Futter teuer, ohne Einfuhren aus dem Westen sei Landwirtschaft in Russland kaum möglich.

Wie mühsam die Milchproduktion in Russland sein kann, davon weiß Michels Vorabreiter Gennadij zu erzählen. "In Russland", schimpft er, "musst du alle Traktoren doppelt bezahlen. Einmal beim Kauf - und dann gleich nochmal bei den Reparaturen." Auf Ersatzteile müssen sie auf dem Hof manchmal bis zu einem Monat warten. Das ist fatal für einen Betrieb, der auf Maschinen angewiesen ist.

Das ist nur eines der Probleme der russischen Landwirtschaft. Es fehlt auch an qualifiziertem Personal, um die Maschinen zu bedienen. Bei "Schweizer Milch" zählen sie allmorgendlich durch, ob auch alle Mitarbeiter zur Arbeit erschienen sind. Oft ist das nicht der Fall. Manchmal gehen Mitarbeiter einfach früher heim, sagt Michel, obwohl die Kühe auf den Weiden noch Wasser brauchen, oder ein Kalb enthornt werden muss. Eine Melkerin verdient auf dem Hof rund 500 Euro. Meist versorgt sie damit die ganze Familie. Berufsausbildungen für Mechaniker oder Landwirte gibt es kaum in Russland. Und so fluchen die Schweizer Bauern nicht selten über stümperhafte Arbeit und legen lieber selber Hand an, statt später Fehler ausbessern zu müssen.

Andere Mitarbeiter sind dagegen unverzichtbar. "Ohne meinen Buchhalter und den technischen Direktor müsste ich den Laden gleich dichtmachen", sagt Michel. Beide kennen die Fallstricke der russischen Bürokratie, die Steuerbehörden sind berüchtigt für ihre Kontrollen und ihre Willkür. "Wir haben viele Bauern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nach Russland kommen sehen. Fast alle von ihnen haben aufgegeben", sagt Michel.

Der Kreml hat in den vergangenen Jahren Geld in "Technoparks" investiert, sie sollen Russlands Selbstversorgung mit Agrarprodukten stärken. In Sonderwirtschaftszonen wurden mit viel Geld moderne Anlagen unter der Aufsicht von Beratern aus dem Westen gebaut. Michels Gehilfe Gennadij ist fest davon überzeugt, dass Russland bald ohne Probleme alles selbst produzieren kann, was an Importen aus der EU nun wegfällt. "Gestern waren wir faul und aßen italienischen Parmesan", sagt er. "Morgen gibt es dafür sibirischen."

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see_it with_your_own_eyes 30.08.2014
1. Optional
Tja so änderte sich die Welt. Früher waren die Schweizer ja noch neutral. Jetzt aber geht den Eidgenossen wihl auch der Profit über Ethik.
c.moltisanti 30.08.2014
2. Fröhlicher Bauer
mit ansteckendem Lachen freut sich über die europäischen Sanktionen: youtube.com/watch?v=NaM5mha5GRg ;)
spon_2882592 30.08.2014
3. Eigentlich alles wie in Deutschland
Naja, fast alles. Einige der genannten "Widrigkeiten" sind in der Landwirtschaft ganz normal: - ich keinen einzigen (deutschen oder amerikanischen) Landwirt, der beim Neubau/Umbau seines Stalles nicht selber Hand anlegt. Landwirte sind Allrounder, vor allem in familiengeführten Betrieben. Auch ist es vollkommen normal, selber seine Maschinen zu reparieren. Die wenigsten Landwirte haben eine entsprechende Vorbildung. - Sie schreiben bei einer Bildunterschrift von anfälligen russischen Maschinen. Ausgerechnet bei dem darüber gezeigten Bild handelt es sich um einen Traktor aus dem Westen. - Auch muss angeblich das Stroh behelfsmäßig unter schwarzer Plastikfolie gelagert werden weil "Silos" fehlen. Silos sind in der Regel zur Lagerung von Futter gedacht (gut, auch Stroh kann man füttern), aber die dort gezeigte Strohlagerung ist auch in Westeuropa absoluter Standard. Wenn man hier durch die Lande fährt, sieht man diese Gebilde ab Ende Juli überall aus dem Boden schießen, insofern die jeweiligen Landwirte nicht über die entsprechenden Hallen als Lagerflächen verfügen. Wirkliche Widrigkeiten sind hier für mich die nur kurz angeschnittenen Probleme mit den Steuerbehörden, die unsichere Ersatzteilversorgung (Vergleich Deutschland: in der Saison i.d.R. alles sogar noch am selben Tag zu bekommen) und dem unzuverlässigen Personal. Sie erwähnen außerdem viele andere Westeuropäer die schnell wieder aufgegeben haben: hier wären die Gründe interessant, dann wäre man wohl schnell auf mehr, bzw. konkretere Widrigkeiten gestoßen.
configsys1 30.08.2014
4. und morgen essen wir Parmesan aus Sibirien
mmmh, und die Erde ist eine Scheibe... Wer die russische Bürokratie und Korruption kennt, weiß dass sowas reines Wunschdenken ist! Von heut auf morgen kann man keine effiziente Landwirtschaft aufziehen. Ausser man greift zu Radikalmaßnahmen ala Kolchose mit hohen Material-Personalaufwand und verhältnismäßig ineffizientem Ergebnis
pandur1234567@yahoo.com 30.08.2014
5.
so wird jeder eigenständiger. die russen bauen ihre eigenen Lebensmittel an u die Europäer produzieren ihre eigene Energie (ach nee geht ja nich hmm)
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