Start-up Ugears Was Disney an ukrainischem Holzspielzeug gefällt

Die ukrainische Firma Ugears verkauft edles Holzspielzeug in alle Welt. Mitten in den Wirren des Jahres 2014 gegründet, ist das Start-up längst eine Erfolgsgeschichte. Nun hat der US-Gigant Disney angeklopft.

Ugears

Von Sofia Dreisbach, Moskau


Im Frühjahr 2014 stehen große Teile der Ukraine in Flammen. Im Februar sterben mehr als hundert Demonstranten auf dem Maidan in Kiew, Präsident Wiktor Janukowytsch flieht ins Ausland, im März annektiert Russland die Krim, Anfang Mai sterben bei Straßenkämpfen in Odessa 48 Menschen. Auch die Wirtschaft ist am Boden: 2014 schrumpft das Bruttoinlandsprodukt um knapp sieben Prozent, 2015 sogar um zehn Prozent.

In einer solchen Situation denken die meisten Menschen wohl nicht daran, ein Start-up zu gründen. Gennady Shestak tat es. "Die Ukraine stand damals im Zentrum der Weltöffentlichkeit", sagt er heute. Und wer das ganz nüchtern sieht, kann darin den perfekten Moment erkennen, um in eine Idee zu investieren, die sich aus der Ukraine in die ganze Welt verbreiten soll.

Das Start-up Ugears wurde tatsächlich im Mai 2014 in Kiew gegründet und produziert mechanische Modelle aus Holz: etwa ein Feuerwehrauto, eine Straßenbahn, ein Theater oder einen Safe, fein gearbeitet, mit vielen Details. Die dreidimensionalen Modelle können alle ohne Kleber zusammengesteckt werden. Das einzige Teil, das bei einigen Figuren nicht aus Holz ist, ist ein Gummiriemen für den Antrieb.

Was im Zeitalter von Smartphones, Tablets und Wiis ziemlich retro klingt, gefällt vielen Menschen: Beim ersten Crowdfunding des Start-ups im November 2015 kamen 406.000 Dollar zusammen - angesetzt waren 20.000 Dollar. Drei weitere Sammelaktionen im Internet brachten seitdem mehr als eine halbe Million Dollar ein.

Shestak ist zufrieden. Der 44 Jahre alte gelernte Schiffsbauer aus der Südukraine hat vor dem Start von Ugears als Produktionsmanager in einem ukrainischen Verlag gearbeitet. Seit diesem Jahr ist er nicht nur Geschäftsführer, sondern auch der alleinige Besitzer des Start-ups, er hat Mitbegründer Denis Okhrimenko dessen Viertelanteil abgekauft. Shestak sagt: "Wir kannten das Risiko, aber wir haben an dieses Projekt geglaubt."

Aus einer kleinen gemieteten Werkstatt sind inzwischen 2500 Quadratmeter eigener Arbeitsraum mit 150 Angestellten in einem Vorort von Kiew geworden. Das Holz für die Steckbausätze kommt aus der Ukraine, Russland und Weißrussland. Je nach Modell sind die Holzfiguren eine echte Geduldsaufgabe: Der Mähdrescher etwa besteht aus 154, das Feuerwehrauto mit Drehleiter aus 537 Einzelteilen, geschätzte Zeit für die Montage: 14 bis 16 Stunden. Die Puzzleteile werden in der Werkstatt mit einem Laser ausgeschnitten und müssen vom Käufer nur noch herausgelöst werden.

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Ukrainisches Start-up: Lokomotiven, Feuerwehrautos, Straßenbahnen

Shestak schätzt den Wert des Start-ups aktuell auf rund eine Million Euro. Im August gehörte Ugears zu den Top 20 Steuerzahlern der Region Kiew - keine Selbstverständlichkeit in der Ukraine. "Korruption ist immer ein Riesenthema in der Ukraine und die Steuerverwaltung das größte Problem", sagt Robert Kirchner, Ökonom des Osteuropa-Beratungshauses Berlin Economics und Mitglied der Deutschen Beratergruppe in der Ukraine.

Insgesamt sei die Wirtschaft des Landes jedoch auf einem guten Weg: "Sie hat sich im vergangenen Jahr gefangen und wächst in einem moderaten Tempo", sagt Kirchner. Natürlich könnte alles noch schneller gehen, aber man müsse auch die richtigen Maßstäbe anlegen. "Ich bin seit 2006 in der Ukraine, und was dort in den letzten zwei Jahren passiert ist, waren mit Abstand die ambitioniertesten Wirtschaftsreformen, die ich je gesehen habe."

Noch 2015 stand die Ukraine vor der Pleite. Der Internationale Währungsfonds (IWF) sagte damals ein Hilfspaket von 17,5 Milliarden Dollar zu. Bislang wurde knapp die Hälfte des Geldes ausgezahlt. Im Gegenzug verlangte der IWF Wirtschaftsreformen.

"Symbol für den Intellekt und die cleveren Innovationen in der Ukraine"

Für Ugears war es nie eine Option, die Ukraine der wirtschaftlichen Lage wegen zu verlassen. Im Gegenteil, sagt Shestak: "Ugears ist ein Symbol für den Intellekt und die cleveren Innovationen in der Ukraine." Es sei ihnen wichtig, dort Steuern zu zahlen und Ukrainern Arbeit zu geben. International ist das Start-up trotzdem. Verkauft werden die aktuell 25 verschiedenen Holzmodelle in 80 Ländern - die Gebrauchsanweisung für das Zusammenstecken der Figuren ist in zehn Sprachen formuliert. In Kiew gibt es einen Ausstellungsraum, der übrige Handel läuft über den Onlineshop und ausländische Händler. Am besten verkaufen sich die Ugear-Bausätze in den USA und China.

Die Erfolgsgeschichte könnte noch weiter gehen. Denn aktuell steht das Start-up in Verhandlungen mit einem Giganten, der ihm endgültig den Durchbruch bringen könnte: Walt Disney. Wenn dieser Deal klappte, hieße das: ukrainische Holzmodelle von Ugears in Disney-Läden auf der ganzen Welt. Die Gespräche dafür laufen seit vier Monaten, im September steht noch einmal eine Prüfung an - "und danach besteht eine echte Chance", sagt Shestak.

Eines haben er und seine Kollegen sich schon erkämpft: Sollte es dazu kommen, werden die speziell für Walt Disney entworfenen 3D-Figuren weiter unter dem Namen Ugears laufen. Der ist ihnen wichtig, denn er steht für "Ukrainian gears", ukrainische Zahnräder.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Langkieler 27.08.2017
1. Die Gier nach gears
"gears" steht eigentlich als Sammelbegriff für Getriebe, Räderwerk, dann auch für mechanische Systeme. Nur "Zahnräder" ist zu eng formuliert. Das sind gear wheels z.B.
das-schandmaul 27.08.2017
2. einfach toll
Ich bin gegen Schleichwerbung. Diese Idee, das Design ist einfach toll. Vom Lob allein kann man nicht leben. Also zur Unterstützung, die Modelle kann man auch in Deutschland kaufen. z.B. bei Amazon unter Stichwort ugears.
A.Kei. 26.10.2017
3. da gibt es noch mehr ausser UAGEARS in er Ukraine
es gibt viele Firmen in der Ukraine die guten Sachen anbieten diese aber nicht richtig vermarkten können da ordentliche Payment Provider fehlen, PayPal hat sich zurückgezogen oder lokale UA Provider erlauben es nicht das ausländische Kredit Karten genutzt werden können. Auch das Transportwesen allen voran die UAKRPOSHTA hinken hinterher und bekommen es einfach nicht hin mit Deutschland ein ordentliches Tracking der Pakete aufzubauen. Leider erzählt die Marketing Dame der Post Frau Pawlenko auf sämtlichen Veranstaltungen genau das Gegenteil. Dadurch vermeiden diese Umstände das Firmen wie z.B. ALAMI Bags vernünftig auch in kleinen Stückzahlen exportieren können. Wer es aber doch versuchen wiel kann mal die kostenlose Seite rinok-ua.com versuchen diese ist mehrsprachig, auch in Deutsch und dort suchen oder anbieten. Ist momentan die einzige die komplett mehrsprachig ist .... ansonsten sieht es nicht gut aus wenn in der Ukraine gerade in diesen Bereichen nicht schnell gehandelt wird.
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