Steuerprozess Hoeneß mächtig unter Druck

Der Richter wirkt skeptisch, sogar der eigene Anwalt rüffelt den Angeklagten: Uli Hoeneß ist am ersten Tag seines Steuerprozesses erheblich unter Druck geraten. Er gesteht, 18,5 Millionen Euro Steuern hinterzogen zu haben - ob diese schonungslose Offenheit das Gericht milde stimmt, ist fraglich.


München - Ruhig sitzt Uli Hoeneß am ersten Prozesstag auf seinem Stuhl. Seine Hände liegen häufig übereinander. Sein Blick ruht fast ununterbrochen auf dem Vorsitzenden Richter Rupert Heindl. Ganz nah bei Hoeneß, in der ersten Zuschauerreihe, sitzt seine Ehefrau Susi. Sie schaut immer wieder zum Staatsanwalt, der die Anklage verliest. Ganze sieben Minuten dauert der Vortrag.

Die Vorwürfe gegen den FC-Bayern-Präsidenten sind deutlich umfassender als bisher bekannt. Staatsanwalt Achim von Engel wirft Hoeneß in der Anklageschrift vor, seit 2003 Einkünfte in Höhe von insgesamt gut 33,5 Millionen Euro dem Finanzamt verschwiegen zu haben. Die Anklage lautet auf Steuerhinterziehung in sieben selbständigen Fällen - für jedes Jahr von 2003 bis 2009 (lesen Sie die Ereignisse des ersten Prozesstags im Liveticker hier).

Doch das ist nur die erste Überraschung, wegen der Uli Hoeneß am ersten Tag seines Verfahrens wegen Steuerhinterziehung unter erheblichen Druck geraten ist.

Hoeneß räumt Hinterziehung von 18,5 Mio Euro ein

Für die zweite Überraschung sorgt Hoeneß selbst (hier seine wichtigsten Aussagen im Wortlaut). Er hatte in einer Erklärung betont, "reinen Tisch" zu machen - und das hält er ein. Über seinen Anwalt Hanns W. Feigen räumt Hoeneß unerwartet ein, insgesamt 18,5 Millionen Euro hinterzogen zu haben - und damit deutlich mehr als die 3,5 Millionen Euro, die ihm die Anklage vorwirft.

In den Jahren 2003 bis 2009 habe Hoeneß weitere 15 Millionen Euro am Fiskus vorbeigeschleust, sagt Feigen am Montag. Diese Summe ergebe sich aus Unterlagen, die der Bayern-Präsident erst wenige Tage vor Prozessbeginn eingereicht habe.

Uli Hoeneß' Geständnis
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"Die mir in der Anklage zur Last gelegten Steuerstraftaten habe ich begangen. Mit anderen Worten: Ich habe Steuern hinterzogen. Mir ist bewusst, dass daran auch die Selbstanzeige nichts ändert. Ich habe aber gehofft, mit meiner Selbstanzeige einer strafrechtlichen Verfolgung zu entgegen."

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"Ich musste leider feststellen, dass sich die Spekulationen in dem fraglichen Zeitraum unter dem Strich nicht gelohnt haben, denn die hier in Rede stehenden Jahre (2003 bis 2009) habe ich trotz zwischenzeitlicher Gewinne im Ergebnis mit einem Millionenverlust abgeschlossen. Das bedeutet aber nicht, dass ich auf Spekulationsgewinne keine Steuern bezahlen muss."

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"Mit ist klar, dass mir nur absolute Steuerehrlichkeit hilft. Ich hab deshalb Ende Februar alle Unterlagen zu meinen in der Schweiz getätigten Finanzgeschäften dem Gericht und den Behörden zur Verfügung gestellt, obwohl die Staatsanwaltschaft meine Selbstanzeige für unwirksam hält."

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"Ich bin froh, dass jetzt alles transparent auf dem Tisch liegt. Mein Fehlverhalten bedauere ich zutiefst. Sämtliche Steuern werde ich natürlich zahlen. Ich werde alles dafür tun, dass dieses für mich bedrückende Kapitel abgeschlossen wird."

Das Problem für Hoeneß: Die neuen Erkenntnisse erhöhen nicht gerade seine Glaubwürdigkeit - auch in den Augen des Vorsitzenden Richters: Heindl zweifelt offenbar an der Ehrlichkeit des Bayern-Präsidenten und an der Wirksamkeit von dessen Selbstanzeige, dem Kernpunkt des Verfahrens.

Bohrende Fragen des Richters

Mehrfach schaut der Richter Hoeneß lange an. Heindl versucht herauszufinden, ob Hoeneß mit Vorsatz seine Steuern hinterzog oder durch ein Versäumnis. Immer wieder stellt er bohrende Fragen: "Warum gab es bei ihrer Reuschel-Bank (also der Bank in Deutschland, über die Hoeneß ebenfalls zockte, aber alles korrekt versteuerte - d. Red.) ganze Leitz-Ordner an Unterlagen und warum gab es diese bei Vontobel nicht?"

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Steuerprozess: Hoeneß gesteht vor Gericht Steuerhinterziehung
Der Richter gibt an, dass die Staatsanwaltschaft mittlerweile mehr als 70.000 Blatt Papier von der Schweizer Vontobel-Bank erhalten hat, die insbesondere die Devisengeschäfte von Hoeneß beleuchten. Der Bayern-Präsident bestreitet aber, diese Unterlagen zu kennen - immer wieder weist er darauf hin, dass er sich auf die Bankberater verlassen habe. Das will Heindl so nicht stehen lassen und sagt: "Aber das ist doch Ihr Geschäft! Und da geht es um richtig Geld."

"Die Spekulationen haben sich nicht gelohnt"

Da hilft es auch nicht, dass Hoeneß zum Prozessauftakt ein umfassendes Geständnis ablegte: "Hohes Gericht, die mir zu Lasten gelegten Taten habe ich begangen", sagt er zu Beginn seiner Einlassung. Mit klarer Stimme liest er seinen Text von einem Blatt Papier ab, immer wieder richtet er dabei seine Brille. "Die Spekulationen haben sich nicht gelohnt", betont Hoeneß. Er habe "unterm Strich zu hohe Verluste eingefahren". Hoeneß bezeichnet die Zockerei mit besonders hohen Summen als "einen echten Kick". Während Hoeneß spricht, ist es im Saal völlig still. Lediglich die Tastaturanschläge der tippenden Journalisten sind zu hören.

Der Bayern-Präsident gibt alle Vorwürfe der Anklage zu. "Ich habe Steuern hinterzogen", sagt Hoeneß. "Mir ist bewusst, dass daran auch die Selbstanzeige nichts ändert. Ich habe gehofft, mit einer Selbstanzeige einer strafrechtlichen Verfolgung zu entgehen." Er habe mit immensen Summen regelrecht "gezockt" und keinen rechten Überblick mehr über Gewinne und Verluste gehabt, sagt Hoeneß weiter. Dennoch sei ihm klar, dass er zwischenzeitliche Gewinne hätte versteuern müssen.

Hoeneß gibt an, zwischen 2001 und 2010 insgesamt mehr als 50.000 Transaktionen getätigt zu haben. Nach der Offenlegung seiner Selbstanzeige wurde er bedroht, es gab sogar Morddrohungen. "Die Belästigungen halten bis heute an."

"Herr Hoeneß, erzählen Sie doch keinen vom Gaul!"

Als Hoeneß erzählt, seine Selbstanzeige habe nichts mit den "Stern"-Recherchen zu tun, ist nicht nur Heindl verstimmt: "Das kann man glauben, muss man aber nicht", sagt der Richter. Hoeneß' Verteidiger schlägt nach dem Satz sogar mit der Faust auf den Tisch und ruft: "Herr Hoeneß, erzählen Sie doch keinen vom Gaul!" Feigen deutet an, dass die Recherchen der Illustrierten "Stern" Hoeneß und seine Vertrauten in Panik versetzt haben und die Selbstanzeige deshalb womöglich überstürzt verfasst wurde.

Für den Nachmittag sind drei der insgesamt vier Zeugen geladen. Darunter auch der Steuerfahnder, der Hoeneß bei dessen Selbstanzeige geholfen hatte. Vier Verhandlungstage sind angesetzt. Wenn nichts dazwischenkommt, soll es am Donnerstag ein Urteil geben.

Mehr zu den Hintergründen im Fall Hoeneß lesen Sie in unserem Multimediaspezial.

Freunde

und Gegner

Dieter Hoeneß

Der jüngere Bruder ist ebenfalls Ex-Fußballspieler und Ex-Manager, war aber in beiden Tätigkeitsfeldern längst nicht so erfolgreich wie sein Bruder.

Karl-Heinz Rummenigge
Hoeneß verkaufte ihn 1984 für rund zehn Millionen Mark an Inter Mailand und sanierte damit die Bayern. Seit 2002 Vorstandsvorsitzender der FC Bayern AG, steht bedingungslos zu Hoeneß.

Franz Beckenbauer

Früher Mitspieler von Hoeneß, später viele Jahre Vorstandskollege, sagt: "Hoeneß ist kein Betrüger."

Paul Breitner

Gehörte ebenfalls den großen Bayern-Mannschaften der Siebziger an. Freundschaft erlebt ein Auf und Ab, saß beispielsweise nach Hoeneß' Flugzeugabsturz am Krankenbett.

Jupp Heynckes

Ein enger Hoeneß-Freund, war dreimal Trainer des FC Bayern. Widmete Hoeneß den Halbfinal-Sieg gegen Barcelona 2013.

Susanne Hoeneß

Seit 1972 mit Uli verheiratet, zwei Kinder (Florian und Sabine). Hatte ihn nach einer Affäre mit einer Flugbegleiterin zwischenzeitlich aus dem Haus geworfen.

Florian Hoeneß

Der 34 Jahre alte Sohn führt seit 2001 die Geschäfte von Hoeneß' Wurstfabrik. Soll dabei gewesen sein, als eilig die Selbstanzeige verfasst wurde.

Edmund Stoiber

Der Ex-Ministerpräsident sitzt im Aufsichtsrat des FC Bayern. Gab Hoeneß Rückendeckung in der Steueraffäre.

Karl Hopfner

Machte den FC als Finanzvorstand zu einem der finanziell stärksten Clubs Europas, keine Transaktion ging ohne ihn. Mittlerweile 1. Vizepräsident und Aufsichtsratsmitglied.

Hans-Ulrich Jörges

Langjähriger Freund, sitzt in der "Stern"-Chefredaktion. Trotzdem Recherchen über Hoeneß' Bankkonto.

Helmut Markwort

Herausgeber des "Focus", sitzt auch im Bayern-Aufsichtsrat. Sein Magazin berichtete als erstes Medium über den Fall.

Günter Ache

Seit vielen Jahren Hoeneß' Steuerberater. War dabei, als die Selbstanzeige verfasst wurde.

Karin Potthoff

Jahrelang Hoeneß' Sekretärin und Vertraute.

Hermann Gerland

In den Neunzigern schon einmal fünf Jahre Trainer der Bayern-Amateure, seit 2001 wieder bei dem Club, aktuell Co-Trainer. Stets loyal.

Martin Winterkorn

Der VW-Chef sitzt ebenfalls im Aufsichtsrat der Bayern. Die VW-Tochter Audi ist an der Bayern AG mit 8,33 Prozent beteiligt.

Alfons Schuhbeck

Der Promi-Koch ist seit Jahren mit Hoeneß befreundet. Unterhält auch geschäftliche Beziehungen, warb zusammen mit Hoeneß für eine Fastfood-Kette.

Willi Lemke

Mit dem langjährigen Manager von Werder Bremen gab es in den Neunzigern häufig öffentlichen Streit. Tiefe gegenseitige Abneigung.

Christoph Daum

Sollte Bundestrainer werden, doch Hoeneß deckte Kokain-Affäre auf. Etliche verbale Scharmützel, hält sich mittlerweile zurück.

Theo Zwanziger

Der Ex-DFB-Präsident und Hoeneß kritisieren sich seit Jahren gegenseitig. Nannte Hoeneß einmal eine "kleinkarierte Seele".

Christian Ude

Münchens Oberbürgermeister ist SPD-Politiker und 1860-Fan – ideologisch das Gegenteil von Hoeneß, dazu angeblich Gegner des Baus der neuen Arena.

Joseph S. Blatter

Der Fifa-Boss wird seit Jahren von Hoeneß kritisiert, der Bayern-Präsident wettete sogar auf Blatters Rücktritt.

bos/nck/rab/dpa/AFP/sid

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insgesamt 316 Beiträge
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Seite 1
dns82 10.03.2014
1. Oha!
Ich bin wirklich kein Freund von Herrn Hoeneß, aber seine seine Aussage heute nötigt mir Respekt ab! Keine Salamitaktik, kein verbaler Eiertanz. Es scheint, als wolle er sich tatsächlich seiner verantwortung stellen......
lini71 10.03.2014
2. Na sowas...
Zitat von sysopREUTERSDer Richter wirkt skeptisch, sogar der eigene Anwalt rüffelt ihn: Der Angeklagte Uli Hoeneß ist am ersten Tag seines Steuerprozesses erheblich unter Druck geraten. Er gesteht, 18,5 Millionen Euro Steuern hinterzogen zu haben - ob diese schonungslose Offenheit das Gericht milde stimmt, ist fraglich. http://www.spiegel.de/wirtschaft/uli-hoeness-im-steuerprozess-geraet-der-fc-bayern-boss-unter-druck-a-957845.html
Wer betrügt, der fliegt! Und wer dem Staat,also uns allen, 18,5 Mio € vorenthält, der muss sehr weit fliegen.. Oder Herr Seehofer?
lini71 10.03.2014
3. Aha
Zitat von dns82Ich bin wirklich kein Freund von Herrn Hoeneß, aber seine seine Aussage heute nötigt mir Respekt ab! Keine Salamitaktik, kein verbaler Eiertanz. Es scheint, als wolle er sich tatsächlich seiner verantwortung stellen......
Ach so, erst mal ordentlich betrügen, dann sich hinstellen, ich bin ja kein Schmarotzen und dann was einräumen? Nötigt mir in keiner Form Respekt ab, hätte er ja gleich alles einräumen können und nicht erst beim Prozess.
Atheist_Crusader 10.03.2014
4.
Zitat von dns82Ich bin wirklich kein Freund von Herrn Hoeneß, aber seine seine Aussage heute nötigt mir Respekt ab! Keine Salamitaktik, kein verbaler Eiertanz. Es scheint, als wolle er sich tatsächlich seiner verantwortung stellen......
Oder er hat eingesehen, dass das ganze eh herauskommt -ob er es nun zugibt oder nicht. Bestätigt aber nur wieder, was eh schon alle wussten: Je mehr man hat, desto weniger reicht es einem.
Broeselbub 10.03.2014
5. Das ist kein
Kavaliersdelikt mehr. Dieser Mann hat eine enorme kriminelle Energie. Da kann er Buße tun und sich selber, oder sich von anderen, einen Heiligenschein aufsetzen. Glaubwürdig ist und war Hoeneß noch nie. Er ist ein eiskalter Taktiker. Wer weiß was noch alles herauskommt und wie weit der FC Bayern in diesen Machenschaften verstrikt ist. Möglich ist hier alles.
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