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Umfrage in Deutschland: "Leistung lohnt sich nicht"

Arbeite hart, dann verdienst du viel. Wirklich? Eine aktuelle Umfrage zeigt: Zwei von drei Deutschen glauben nicht mehr daran, dass sich Leistung noch lohnt. Auch mangelnde Chancengleichheit und das Gehaltsgefälle zwischen Männern und Frauen werden beklagt.

Arbeiter auf Baustelle in Hessen: Soll körperliche Arbeit gleich entlohnt werden? Zur Großansicht
DPA

Arbeiter auf Baustelle in Hessen: Soll körperliche Arbeit gleich entlohnt werden?

Gütersloh - Die Mehrheit der Deutschen hat das Vertrauen darin verloren, dass es im Arbeitsleben gerecht zugeht: Nach Ansicht von 62 Prozent lohnt sich Leistung nicht. Knapp 70 Prozent glauben zudem nicht daran, dass alle Menschen die gleiche Chancen haben, erfolgreich zu sein. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Umfrage des Marktforschungsinstituts Infas im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung.

Zwar zeigten sich 58 Prozent der Befragten mehr oder weniger überzeugt, dass sich Intelligenz und Begabung hierzulande auszahlen. Zugleich sah aber nur eine Minderheit von 32 Prozent die Chancengerechtigkeit im Berufsleben gewahrt. Mehr als zwei Drittel wollten der Aussage nicht zustimmen, in Deutschland hätten "die Menschen heute alle die gleichen Chancen, um vorwärts zu kommen".

Außerdem ist unter Arbeitnehmern die Furcht vor dem sozialen Abstieg verbreitet: Drei Viertel sind sich laut der Umfrage darin einig, dass die Unsicherheit für abhängig Beschäftigte in den vergangenen zehn Jahren zugenommen hat.

Die Umfrage gibt auch Anhaltspunkte dafür, wo Deutsche die größten Missstände sehen: So forderte eine große Mehrheit von 87 Prozent, Frauen sollten genau so viel verdienen wie Männer, 82 Prozent wollen Stammbelegschaft und Leiharbeiter für gleiche Arbeit auch gleich bezahlt sehen.

Gleicher Lohn in allen Regionen?

Mehr als 75 Prozent der Befragten wollen, dass körperliche Arbeit ebenso gut entlohnt wird wie "reine Denkarbeit" und dass das Gehalt mit der Dauer der Betriebszugehörigkeit automatisch angehoben wird. Fast zwei Drittel (65 Prozent) fanden es zudem nicht in Ordnung, dass in wirtschaftlich starken Regionen höhere Löhne gezahlt werden als in wirtschaftlich schwachen Gegenden.

Eine Ursache für den verlorenen Glauben in Leistungsgerechtigkeit könnten den Ergebnissen der Umfrage zufolge auch die Hartz-Reformen in der Arbeitslosenversicherung sein: 81 Prozent der Befragten fordern, dass Beschäftigte, die ihren Job verlieren, umso länger Geld aus der Arbeitslosenversicherung erhalten, je länger sie Beiträge gezahlt haben.

Auch die Zersplitterung der Gewerkschaften empfinden die Deutschen als Ursache für ungerechte Bezahlung: 56 Prozent halten es nicht für gerechtfertigt, dass Spartengewerkschaften höhere Lohnsteigerungen für bestimmte Berufsgruppen wie Lokführer oder Fluglotsen durchsetzen, als sie der Rest der Belegschaft erhält.

Durchaus überraschend fielen die Antworten auf die Frage aus, was unter "guten Arbeitsbedingungen" zu verstehen sei. 72 Prozent nannten hier ein gutes Betriebsklima als Faktor, während nur 35 Prozent eine leistungsgerechte Bezahlung anführten und elf Prozent einen sicheren Arbeitsplatz.

Womöglich haben sich die Deutschen auf ihre Weise mit mangelnder Leistungsgerechtigkeit und Sicherheit arrangiert - laut Umfrage legen sie schlicht keinen allzu großen Wert mehr darauf.

fdi/dpa

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1. ...
neuroheaven 16.11.2011
richtig, sehe ich auch so. gefühlt müsste ich für meinen job eigentlich das doppelte kriegen, dann würde ich sagen, es wäre angemessen.
2. Stimmt!
Homanx 16.11.2011
Zitat von sysopWer hart arbeitet, wird belohnt - dieses Grundprinzip der Marktwirtschaft hat für die meisten Deutschen seine Gültigkeit verloren. Laut einer Umfrage sagen fast zwei Drittel, dass sich berufliche Anstrengung nicht auszahlt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,798150,00.html
Mehr gibt es dazu nicht zu sagen
3. Leistung lohnt nicht
Michael Giertz, 16.11.2011
Zitat von sysopWer hart arbeitet, wird belohnt - dieses Grundprinzip der Marktwirtschaft hat für die meisten Deutschen seine Gültigkeit verloren. Laut einer Umfrage sagen fast zwei Drittel, dass sich berufliche Anstrengung nicht auszahlt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,798150,00.html
Fast zwei Drittel? Immernoch ein Drittel Idealisten also, die glauben, mit langen Anwesenheitszeiten und Ellbogenschmalz ließe sich was machen? In unserer "Leistungsgesellschaft" interessiert nicht die individuelle Leistung. Was zählt, sind folgende Dinge: - Herkunft In kaum einem anderen Industrieland zeichnet die Herkunft den zukünftigen Weg so vor wie in Deutschland. "Bildungsferne" bringen selten zukünftige Akademiker hervor. Arbeiterkinder werden ihr ganzes Leben lang für jeden Euro hart arbeiten müssen, ein Aufstieg in ein Berufsleben mit weniger harter Arbeit bleibt ihnen i.d.R. verwehrt. - Netzwerke Ohne Netzwerk kein Aufstieg. Wer's nicht schafft, netzwerkfähige Kompetenzen aufzubauen und für ein Netzwerk interessant zu werden und/oder kein Netzwerk aufbauen kann, hat's i.d.R. schwer, irgendwohin aufzusteigen. Der Aufbau von Netzwerken hat dabei überhaupt nichts mit fachlichen Leistungen zu tun - man muss "nur" mit den richtigen Leuten verkehren. Die aber sind meistens eher ein geschlossener Zirkel. Idealtypisch: die Tochter des Chefs ist die beste Freundin der Schwester, dann kommt man weiter ... - Egoismus und Skrupellosigkeit Wer Skrupel zeigt beim Kampf um die bessere Position, hat schon verloren. Skrupellose Selbstdarsteller, die Leistungen andere als die eigene verkaufen können steigen dagegen schnell auf. Auch hier wieder zählt die eigene Leistung nichts. Leistung fühlt überdies keine Geldbörse mehr ...
4. Erklärungsbedarf
protoscorsair 16.11.2011
Zitat von sysopWer hart arbeitet, wird belohnt - dieses Grundprinzip der Marktwirtschaft hat für die meisten Deutschen seine Gültigkeit verloren. Laut einer Umfrage sagen fast zwei Drittel, dass sich berufliche Anstrengung nicht auszahlt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,798150,00.html
Wenn ich "diese" Umfrage lese, wirds mir schummerig. Ich habe eine spontane Umfrage im Büro gemacht, ob die Mitarbeiter eine Gehaltserhöhung wollen. 100% der Leute wollten - ergo sind die Gehälter bei allen Mitarbeitern zu niedrig. Nun aber im ernst. Eine Mehrheit findet, dass sich Leistung nicht mehr lohnt. Gleichzeitig findet sich eine Mehrheit dafür, dass Gehälter mit Betriebszugehörigkeit steigen sollten. Merkt ihr was? Wenn also die Alteingesessenen mehr Geld bekommen, was hat das dann mit Leistung zu tun? Wer kann mir das erklären?
5. Sich nicht auf den Kopf stellen lassen
avollmer 16.11.2011
Zitat von sysopWer hart arbeitet, wird belohnt - dieses Grundprinzip der Marktwirtschaft hat für die meisten Deutschen seine Gültigkeit verloren. Laut einer Umfrage sagen fast zwei Drittel, dass sich berufliche Anstrengung nicht auszahlt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,798150,00.html
Die haben alle das Prinzip nicht verstanden, man muss seine Arbeitsleistung der Entlohnung anpassen, dann stimmt es.
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Fotostrecke
Schwache Lohnsteigerungen: Maues Jahrzehnt für Arbeitnehmer

Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen in ausgewählten Berufen
Bürokaufleute
Bürokauffrauen mit bis zu drei Berufsjahren verdienen mit 1782 Euro nur rund 1,7 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, die auf 1813 Euro kommen. Bei Mitarbeitern mit vier bis zehn Berufsjahren steigt der Rückstand auf 10,7 Prozent.
Industriekaufleute
Industriekauffrauen mit bis zu drei Berufsjahren verdienen im Schnitt 11,5 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen (1962 statt 2216 Euro), in den folgenden Jahren (vier bis zehn Berufsjahre) schwächt sich die Einkommensdifferenz etwas ab; sie beträgt dann noch 10,3 Prozent.
Großhandelskaufleute
In diesem Beruf beträgt der Einkommensabstand der Frauen gegenüber den Männern gut 14 Prozent. In den ersten drei Jahren bedeutet dies einen Rückstand von durchschnittlich 286 Euro, bei Mitarbeitern mit vier bis zehn Berufsjahren wächst er absolut auf 335 Euro.
Buchhalter
In den ersten drei Berufsjahren liegen Frauen acht Prozent hinter den Männern zurück. Bei Mitarbeitern mit vier bis zehn Berufsjahren wächst dieser Rückstand auf 14,9 Prozent. Bei den Frauen steigt das durchschnittliche Einkommen von 2053 auf 2317 Euro, bei den Männern von 2230 Euro auf 2722 Euro.
Bankkaufleute
Bankkauffrauen verdienen in den ersten drei Jahren im Schnitt mit 2462 Euro insgesamt 105 Euro (4,1 Prozent) weniger als Bankkaufmänner. Dieser Abstand wächst in der Gruppe der Beschäftigten mit vier bis zehn Berufsjahren auf 217 Euro (7,4 Prozent).
Sozialpädagogen
Berufsanfängerinnen liegen mit einem Einkommen von 2211 Euro in den ersten drei Berufsjahren im Schnitt 5,6 Prozent vor ihren männlichen Kollegen (2093 Euro). Weibliche Angestellte mit vier bis zehn Berufsjahren verdienen dagegen im Schnitt 9,4 Prozent weniger als männliche Sozialpädagogen.
Mathematiker und Statistiker
Mathematikerinnen starten mit einem kräftigen Einkommensrückstand von 15,7 Prozent gegenüber ihren männlichen Kollegen. Sie verdienen im Schnitt in den ersten drei Jahren 3100 Euro, Männer 3677 Euro. In der Folgezeit (vier bis zehn Berufsjahre) steigern die Frauen ihr Durchschnittseinkommen auf 4237 Euro. Männer verdienen in dieser Zeitspanne im Schnitt 4187 Euro und liegen damit 1,2 Prozent hinter den Frauen.
Juristen
Zu Beginn ihrer Berufskarriere verdienen Juristinnen im Schnitt 7,3 Prozent weniger als Männer. Sie verdienen in den ersten drei Berufsjahren im Schnitt 3207 Euro, rund 252 Euro weniger als ihre Kollegen. Bei Mitarbeitern mit vier bis zehn Berufsjahren wächst der Abstand sogar auf 12,4 Prozent. Juristinnen verdienen dann im Schnitt 3845 Euro, Juristen 4391 Euro.
Die Hartz-Reformen
Arbeitslosengeld I
Anspruch auf Arbeitslosengeld hat, wer
- arbeitslos ist,
- der Arbeitsvermittlung zur Verfügung steht,
- die Anwartschaftszeit erfüllt,
- sich bei der Agentur für Arbeit arbeitslos gemeldet und
- Arbeitslosengeld beantragt hat.
- Die Dauer des Anspruchs hängt von der Länge der versicherungspflichtigen Beschäftigung und vom Alter ab. Die Höchstgrenze sind 24 Monate.
Arbeitslosengeld II
Nach dem Arbeitslosengeld I bekommt man das Arbeitslosengeld II (ALG II) - eine Grundsicherung für erwerbsfähige Arbeitsuchende. Sie ersetzte 2005 die frühere Arbeitslosenhilfe und die Sozialhilfe, sofern es sich um erwerbsfähige hilfsbedürftige Personen handelt. Nichterwerbsfähige oder in sogenannten Bedarfsgemeinschaften lebende Hilfsbedürftige erhalten das geringere Sozialgeld. ALG II und Sozialgeld sind Sozialleistungen, keine Versicherungsleistungen. Sie werden aus Bundesmitteln finanziert.
Hartz IV/SGB II
Mit Hartz IV wird das "Vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt" bezeichnet, das zum 1. Januar 2005 in Kraft getreten ist. Die Grundsicherung wird durch das Zweite Buch Sozialgesetzbuch (SGB II) geregelt, das am 1. Januar 2005 in Kraft getreten ist. Beide zusammen regeln das Arbeitslosengeld - im Volksmund wird das Arbeitslosengeld II "Hartz IV" genannt.
ARGE/Jobcenter
Die Arbeitsgemeinschaften (Argen) sind ein Zusammenschluss der Arbeitsagenturen und kommunaler Träger. Sie werden auch Jobcenter genannt und sind für die Betreuung der Hartz-IV-Empfänger zuständig.
Peter Hartz
Peter Hartz wurde 2002 von der damaligen Bundesregierung unter Gerhard Schröder mit der Erarbeitung von Reformen für den Arbeitsmarkt beauftragt.


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