Umsatzeinbruch Kunden verschmähen Öko-Energie aus Deutschland

Dramatische Krise in der deutschen Öko-Branche: Der Umsatz bei erneuerbaren Energien ist im ersten Halbjahr um bis zu 50 Prozent eingebrochen. Die Unternehmen schimpfen auf die Bundesregierung - doch die sieht Deutschland immer noch als Vorreiter beim Klimaschutz.

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Hamburg - Es war eine engagierte Rede, die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in New York hielt. Die Industriestaaten müssten beim Klimaschutz Vorreiter sein, sagte die deutsche Regierungschefin gestern vor den Vereinten Nationen. "Für mich ist das eine moralische und eine wirtschaftliche Notwendigkeit."

Windrad bei Rostock: Deutlich steigende Stahlpreise
DPA

Windrad bei Rostock: Deutlich steigende Stahlpreise

Was Merkel verschwieg: Zuhause in Deutschland steht es um die Klimapolitik alles andere als gut. Denn während sich die Bundesregierung international als Umwelt-Pionier feiern lässt, brechen die Öko-Investitionen hierzulande dramatisch ein. Das belegen Zahlen der einzelnen Verbände aus dem ersten Halbjahr 2007.

Demnach mussten so gut wie alle Bereiche aus dem Spektrum der erneuerbaren Energien Absatz- und Umsatzeinbußen verzeichnen. Ob Biomasse, Sonne oder Wind - die gesamte Branche wird von einem bisher nicht gekannten Abwärtsstrudel erfasst. Einige Beispiele:

  • Biogas: Von Januar bis Juni kauften Landwirte 50 Prozent weniger Anlagen als im Vorjahreszeitraum. Für die Hersteller bedeutet das Umsatzeinbußen von 250 Millionen Euro.
  • Windkraft: Der Export boomt, doch der Absatz im Inland geht zurück. Das Minus im ersten Halbjahr: 25 Prozent.
  • Pelletheizungen: Weil die Verbraucher immer weniger Aufträge vergeben, bleiben die Hersteller auf ihren Anlagen sitzen. In den ersten sechs Monaten wurden 50 Prozent weniger Heizungen installiert als im Vorjahreszeitraum.
  • Sonnenenergie: Die Nachfrage nach solarthermischen Anlagen sinkt ebenfalls. Das sogenannte Marktanreizprogramm verzeichnete im ersten Halbjahr einen Absatzrückgang von 35 Prozent.
  • CO2-Gebäudesanierung: Hausbesitzer haben von Januar bis Juni nur 1,1 Milliarden Euro aus dem Förderprogramm der bundeseigenen KfW-Bank abgerufen. Im gleichen Zeitraum 2006 waren es noch 2,3 Milliarden Euro.
  • Biokraftstoffe: Seit die alternativen Treibstoffe besteuert werden, fürchtet der Industriezweig um sein Überleben. Laut Branchenverband VDB sind von bundesweit 48 Biodieselbetrieben 43 gefährdet.

Für die Ökobranche ist diese Entwicklung ein Schock - zumal es bisher immer nur aufwärts ging. Jahrelang verzeichneten die Unternehmen Zuwachsraten von bis zu 100 Prozent. Und auch jetzt wären die Voraussetzungen eigentlich optimal: Die hohen Preise für Kohle, Öl und Gas haben die erneuerbaren Energien der Wirtschaftlichkeit so nahe gebracht wie noch nie.

Doch Unternehmen und Verbraucher sind verunsichert. Die große Frage lautet: Wie sieht die Förderpolitik in den nächsten Jahren aus?

"Statt auf klare Rahmenbedingungen zu setzen, beschränkt sich die Bundesregierung auf Ankündigungen", schimpft Johannes Lackmann, der Präsident des Bundesverbands Erneuerbare Energien (BEE). "Die Politik bremst den Ausbau der erneuerbaren Energien und gefährdet damit ihre selbst gesteckten klimapolitischen Ziele."

Im Kern geht es der Branche vor allem um eines: mehr Geld. Weil die Große Koalition demnächst das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) novelliert, versuchen die Verbände, für ihre jeweilige Klientel möglichst viel herauszuschlagen.

"Die Stahlpreise haben sich seit 2004 verdoppelt", klagt Hermann Albers, der Präsident des Bundesverbands Windenergie (BWE). Gleichzeitig sinke jedoch die Vergütung für Windstrom jährlich um drei bis 4,5 Prozent. "Wenn es dabei bleibt, wird der deutsche Markt für Windkraftanlagen weiter stark einbrechen." Mit anderen Worten: Die Fördersätze müssten steigen oder zumindest langsamer sinken.

Biomasse, Holzpellets, Solarwärme - überall sind die gleichen Forderungen zu hören. "Der Staat gibt für jede Pelletheizung einen Zuschuss von 1500 Euro", sagt Martin Bentele vom Deutschen Energie-Pellet-Verband. "Offenbar reicht das als Anreiz nicht aus."

Dabei versucht die Bundesregierung bereits gegenzusteuern. So hat Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) im August die Investitionskostenzuschüsse in bestimmten Bereichen um 50 Prozent angehoben. Außerdem hat die Große Koalition bei ihrer Klausur in Meseberg ein Wärmegesetz für erneuerbare Energien beschlossen - analog zum EEG auf dem Strommarkt.

Doch den Unternehmen in den betroffenen Branchen reicht das nicht aus. "Das Wärmegesetz ist schon im Koalitionsvertrag vor zwei Jahren angekündigt worden", sagt BEE-Präsident Lackmann. "Passiert ist bis heute nichts."

"Die Branche macht sehr gute Lobbyarbeit"

Auch bei der Novelle des EEG erwarten die Verbände nichts Gutes. Sie fürchten zum Beispiel, dass die Vergütung für Strom aus Biogas um 0,5 Cent pro Kilowattstunde sinkt. "Unsere Kunden sind sehr zurückhaltend", sagt Andrea Horbelt vom Fachverband Biogas. "Bis das neue EEG steht, warten sie erst einmal ab." Und das kann dauern: Nach derzeitigem Stand soll die Novelle erst Anfang 2009 in Kraft treten - den Unternehmen droht eine lange Phase der Unsicherheit.

Im Umweltministerium weist man die Kritik zurück. "Die Branche der erneuerbaren Energien macht sehr gute Lobbyarbeit", sagt ein Sprecher. "Aber die Politik ist nicht für alles zuständig."

Tatsächlich gibt es noch andere Gründe für den Investitionseinbruch. So leiden die Biogas-Unternehmen massiv unter der Preisexplosion bei Energiepflanzen wie Mais oder Getreide. Den Windmüllern wiederum machen die steigenden Stahl- und Kupferpreise zu schaffen.

Zum Teil lässt sich der Investitionsrückgang auch statistisch erklären. Wegen der Mehrwertsteuererhöhung zum 1. Januar 2007 gab es zum Beispiel Vorzieheffekte beim CO2-Sanierungsprogramm im vergangenen Jahr. Im Vergleich dazu erscheint die Nachfrage in diesem Jahr gering.

"Wenn jetzt nichts passiert, ist es für viele Firmen zu spät"

Dennoch: Ohne Hilfe der Politik sehen die Öko-Unternehmen schwarz. "Die erneuerbaren Energien sind kein Selbstläufer", sagt Horbelt vom Fachverband Biogas. "Das kann alles wieder zusammenbrechen."

Ähnlich argumentiert man bei den Grünen. "Gabriel und Merkel üben sich fast täglich in rhetorischen Ankündigungen", sagt Fraktionsvize Bärbel Höhn. "Trotzdem folgen seit Anbeginn der Großen Koalition keine Taten zum beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien."

Der Fachverband Biogas fordert nun, die Biostrom-Vergütung an den Preis für Energiepflanzen zu koppeln. Steigende Kosten würden dann durch steigende Einnahmen kompensiert - ähnlich wie bei den großen Energiekonzernen, die höhere Kohlepreise ebenfalls auf den Strompreis draufschlagen.

Auch die Windbranche hat dringende Anliegen: Zum einen sollte das sogenannte Repowering, also der Ersatz alter Anlagen durch neue, durch einen wirksamen Bonus gefördert werden. Zum anderen müsste die Offshore-Windkraft besser vergütet werden - damit es endlich den ersten deutschen Windpark im offenen Meer geben kann.

Doch vor allem fordern die Kritiker eines: Die Novelle des EEG müsse so schnell wie möglich kommen. "Der Markt braucht Klarheit", sagt Höhn von den Grünen. "Wenn jetzt nichts passiert, ist es für viele Firmen zu spät."



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