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Umstrittener Großauftrag: Bundesagentur bestellt Edel-Rechner für alle

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Hightech für die Jobvermittler: Die Bundesagentur für Arbeit hat bis zu 170.000 neue Computer bestellt - doch der Großauftrag sorgt für Empörung. Die Ausschreibung verlief nach fragwürdigen Vergabekriterien, laut Kritikern sind die Hochleistungsrechner völlig überdimensioniert.

Hamburg - Die Ausschreibung mit der langen Kennung (PC 2009) 1211-08-34912 (E) lässt keinen Zweifel: "Die Mindestabnahme beträgt 85.000 Stück, die geschätzte Abnahmemenge 170.000 Stück." Gemeint sind damit bis zu 170.000 Computer, die die Bundesagentur für Arbeit bestellt hat und die bis zum zweiten Quartal 2010 ausgeliefert werden sollen.

Arbeitsagentur in Leipzig: 170.000 PC kosten rund 68 Millionen Euro Zur Großansicht
dpa

Arbeitsagentur in Leipzig: 170.000 PC kosten rund 68 Millionen Euro

Doch der Auftrag der Nürnberger Behörde sorgt für Irritation. Denn zum einen arbeiten bei der Bundesagentur und den bei den Kommunen angesiedelten Argen nur 160.000 Mitarbeiter - unklar ist, warum sich die Behörde trotzdem bis zu 10.000 Computer mehr wünscht. "PC müssen ausgetauscht werden, die zu Schulung- und Testzwecken eingesetzt werden. Außerdem müssen Reserven für Mehrbedarf, der sich immer wieder aus politischen Anforderungen ergibt, vorgesehen werden", begründen das die Nürnberger.

Wettbewerb soll vermieden worden sein

Die Bestellung kostet: Laut dem Bund der Steuerzahler (BdSt) werden die 85.000 PC gut 34 Millionen Euro verschlingen, der optionale Kauf von bis zu 170.000 PC dann geschätzte 68 Millionen Euro. Doch damit nicht genug: Diese Summe hätte sich laut BdSt um "gut 3,4 Millionen Euro senken lassen, wenn die BA mit weniger Rechenleistung zufrieden gewesen wäre".

Denn bei der Ausschreibung des Großauftrags sei der Wettbewerb laut BdSt bewusst vermieden worden. Sehr spezifisch heißt es in der Vorgabe: Die Computer bräuchten "vier Gigabyte große Arbeitsspeicher", Peripheriegeräte müssten mit einem der "acht USB-Anschlüsse" verbunden werden, auch "Videokonferenzen" müssten möglich sein. Die Folge: Nur "Intel" sah sich in der Lage, passende PC-Chips zu liefern.

"Warum wurden die Spezifikationen nicht gesenkt, um einen echten Wettbewerb zu ermöglichen?", fragt BdSt-Bundesgeschäftsführer Reiner Holznagel. "Als wir von der Ausschreibung hörten, staunten wir. Hier schlägt die Bundesagentur richtig zu. Wir hätten uns von der BA mehr Feingefühl und mehr kaufmännischen Verstand bei dieser Ausschreibung gewünscht. Bei so großen Beschaffungsmengen wie bei der BA wäre eine Losaufteilung sinnvoll gewesen."

Denn tatsächlich hat die BA im Gegensatz zu anderen öffentlichen Auftraggebern wahre Hochleistungsrechner angefordert. So heißt es auf Seite 16 der Ausschreibung unter Punkt 4.21, man wolle "ein PC-System mit einer Benchmark-Leistung nach 'Sysmark 2007' von mindestens 150 Punkten". Nach diesem System wird das Leistungsvermögen von Rechnern bemessen - und was die BA da bestellt hat, ist außergewöhnlich hoch: Denn laut des gemeinsamen aktuellen Leitfadens "Produktneutrale Leistungsbeschreibung Desktop-PCs", den das Beschaffungsamt des Bundesinnenministeriums (BMI) und der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (Bitkom) im Februar 2009 herausgab, genügt unter "Windows XP Professional" für die höchstmögliche Arbeitskategorie "C" eine Punktzahl von 130.

Selbst Industrieunternehmen sind weniger anspruchsvoll

Das reicht für die "Mindestanforderungen" für "Sachbearbeiter, Führungskräfte und Sonderarbeitsplätze", für "Bürosachbearbeiter" reichen in der Kategorie A sogar 90 Punkte aus. In der Kategorie B, also für "Sachbearbeiter und Führungskräfte", sind es 110 Punkte. Selbst Industrieunternehmen sind weniger anspruchsvoll als die Bundesagentur, so gab sich die französische Bahn SNCF bei ihrer PC-Neuausschreibung mit 119 Punkten zufrieden. Auch den Arbeitsspeicher von "vier Gigabyte" halten Kritiker für zu groß. Laut BMI/Bitkom-Empfehlung hätten "zwei Gigabyte" ausgereicht.

Dass man mit öffentlichen Geldern auch anders umgehen kann, zeigt der "Norddeutsche Rundfunk" (NDR): Dort tauscht man seit Juni mindestens 5000 veraltete PC aus. Und gibt sich mit 120 Punkten zufrieden. Auch die Stadt Hannover kauft bald eine "vierstellige Zahl von PC" mit 130 Punkten. Dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) und dem Landschaftsverband Rheinland (LVR) reichen 109 Punkte. Bei der Bezirksregierung in Münster begnügte man sich bei 900 neuen Rechnern mit 90 Punkten. Das "genügt für alle Office-Programme", wie Sprecherin Sigrun Rittrich sagt. "Wir kaufen genau das ein, was für uns ausreicht und sind damit hervorragend aufgestellt." Selbst die Videotelefonie ist damit "völlig problemlos" möglich.

Auch bei der Vergabe hat man es bei der Arbeitsagentur womöglich nicht so genau genommen: Denn eigentlich sieht das Vergaberecht bei Ausschreibungen die Aufteilung in Lose vor. "Der Auftraggeber hat in jedem Falle, in dem dies nach Art und Umfang der Leistung zweckmäßig ist, diese z.B. nach Menge, Art - in Lose zu zerlegen, damit sich auch kleine und mittlere Unternehmen um Lose bewerben können", heißt es in der "Verdingungsordnung für Leistungen".

Größte Ausschreibung in Europa

Doch das stört die Bundesagentur wenig: "Die technischen Anforderungen der PC aller Mitarbeiter/-innen bei der BA sind größtenteils identisch. Aus diesem Grund ist es nicht sinnvoll, Systeme mit unterschiedlicher Leistungsfähigkeit einzusetzen", heißt es in einer Stellungnahme. Von einer Bildung von Fachlosen sei aus diesen Gründen abgesehen worden.

Das sorgt bei Experten für Verwunderung: "Die Aufteilung in Lose ist sehr sinnvoll, denn damit stärken sie den Wettbewerb und den Mittelstand", sagt der Kölner Rechtsanwalt Mario Kirsten. Kleinere Anbieter könnten sich dann um einen solchen Auftrag bemühen. Auch der Berliner Anwalt Torsten Bornemann sieht das ähnlich: "In der Vergaberechtsnovelle ist der Schutz von kleinen und mittelständischen Unternehmen noch expliziter vorgesehen als bisher. Eine Aufteilung in Lose bei der Auftragsvergabe erachte ich zum Schutz des Mittelstandes als sehr gut und angebracht."

Der aber profitiert von dem Auftrag der BA definitiv nicht. Den Zuschlag hat schließlich der Großanbieter Computacenter AG & Co. OHG erhalten, Hersteller ist laut der BA Fujitsu.

Dort dürfte die Freude groß gewesen sein. Denn europaweit findet sich zurzeit keine ähnlich große öffentliche PC-Ausschreibung.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 315 Beiträge
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1. -
berlin_rotrot, 06.08.2009
Zitat von sysopHightech für die Jobvermittler: Die Bundesagentur für Arbeit hat bis zu 170.000 neue Computer bestellt - doch der Großauftrag sorgt für Empörung. Die Ausschreibung verlief nach fragwürdigen Vergabekriterien, laut Kritikern sind die Hochleistungsrechner völlig überdimensioniert. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,640030,00.html
wieviel von den leistungsstarken rechnern dann geklaut werden bei dem benchmark von 150 pounkten möcht ich gar nicht wissen! ^^
2. -
semper fi, 06.08.2009
Zitat von sysopHightech für die Jobvermittler: Die Bundesagentur für Arbeit hat bis zu 170.000 neue Computer bestellt - doch der Großauftrag sorgt für Empörung. Die Ausschreibung verlief nach fragwürdigen Vergabekriterien, laut Kritikern sind die Hochleistungsrechner völlig überdimensioniert. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,640030,00.html
Gelegentlich war doch den Medien - auch dem Spiegel - zu entnehmen, dass die BA ziemlich "merkwürdige" Software einsetzt. Möglicherweise braucht diese Software die Rechner in dieser Ausstattung. Mir wäre es wichtiger zu wissen, *wer* sich über diese Beschaffung aufregt. Handelt es sich doch eigentlich um eine Banalität.
3. Wo ist das Problem ?
chrizmo, 06.08.2009
Ein Sysmark von 170 ist nun wirklich kein Hochleistungsrechner. Und Da die Geräte erst 2010 geliefert werden sollen kann ich mir auch kaum vorstellen dass die PCs dann preislich einen großen Unterschied zu dem haben was heute mit einem Sysmark von 130 zu bekommen ist. Ich finde es im Gegenteil sogar sinnvoll das die Behörde hier ein bisschen großzügiger plant, es ist kaum anzunehmen das in einem halben Jahr wieder neue PCs bestellt werden, warum sollte man also nicht die Leistungsreserven die man (wie gesagt, im Jahr 2010 sicher ohne Aufpreis) haben kann auch mitnehmen...
4. ist doch simpel
rothkop 06.08.2009
die leistung ist notwendig um die langeweile während der arbeitszeit mit kleinen spielen zu überbrücken
5. Rechner
don_tango 06.08.2009
Vermutlich wurde mit der Ausschreibung jemand beauftragt der absolut keine Ahnung von Rechnern hat. Wenn der PC vernünftig eingestellt ist und unnötige Dienste deaktiviert werden, dann reichen sicher auch ältere Kisten. Was machen die denn in den Büros großartig? Mit Office arbeiten, da wartet die CPU eh die meisste Zeit rum. Und ob zum öffnen und speichern der Angestellte jetzt eine Sekunde länger warten muß ist doch eigentlich wurscht. Wer nicht gerade neue Spiele zockt oder HD-Filme sehen will, braucht keinen neuen Rechner... Upps, habe ich da jetzt in ein Wespennest getreten?
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