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31. Juli 2009, 16:45 Uhr

Umstrittenes Schreiben

Deutscher Konzern verbot iranischen Mitarbeitern das Demonstrieren

Ein Schreiben an die Mitarbeiter bringt die deutsche Knauf Gips KG in Erklärungsnöte: Eine ihr unterstehende Firma hat ihren iranischen Angestellten mit Entlassung gedroht, falls sie bei einer Demonstration gegen die Regierung gefasst würden. Das Auswärtige Amt ist irritiert.

Berlin - Es ist ein Dokument, das für Empörung sorgt: Die Firma Knauf Iran hat ihren Beschäftigten die Entlassung angedroht, wenn sie bei einer Demonstration gegen die Regierung und den mutmaßlichen Betrug bei der Präsidentenwahl erwischt würden.

Das geht aus einem vertraulichen Schreiben hervor, unterzeichnet von Isabel Knauf, die zur Gründerfamilie des bayerischen Baustoffherstellers Knauf Gips KG gehört. Für die Aktivitäten von Knauf Iran ist nach Angaben der Firma das Management des deutschen Baustoffherstellers Knauf verantwortlich. Isabel Knauf ist Mitglied des Aufsichtsrats am Standort Iran.

Das Schreiben vom 21. Juli, das "an alle Mitarbeiter von Knauf Iran, Knauf Gatch und Iran Gatch" gerichtet ist, weist darauf hin, dass die Mitarbeiter "nicht nur ihre private Meinung" repräsentierten, wenn sie "politisch aktiv" seien, sondern auch das Unternehmen. Deshalb gelte ab sofort folgende Regelung: "Wenn irgendjemand aus unserem Unternehmen dabei erwischt wird, gegen die aktuelle Regierung zu demonstrieren, wird er oder sie sofort entlassen."

Aufgedeckt hat den Vorfall das " Wall Street Journal". Grund für das Schreiben, so die Zeitung, seien offenbar Drohungen der iranischen Regierung gewesen. Demnach war ein führender deutsch-iranischer Mitarbeiter von Knauf Iran kürzlich bei einer Demonstration festgenommen worden. Die Behörden hätten seine Freilassung von einer klaren Anweisung der Firma gegen eine Beteiligung von Beschäftigten an regierungskritischen Aktionen abhängig gemacht.

Isabel Knauf war zunächst für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Dem "Wall Street Journal" sagte sie nur, die Lage sei "sehr kompliziert". Der Knauf-Bereichsleiter für den Nahen Osten wollte sich auf Anfrage der Nachrichtenagentur AFP nicht zu dem Zeitungsbericht äußern.

In der bayerischen Zentrale des Baustoffherstellers verweigert derzeit die Presseabteilung die Auskunft - und delegiert alle Anfragen an die Rechtsabteilung. Firmenanwalt Jörg Schanow will die Vorwürfe auf telefonische Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht direkt kommentieren. Er sagte nur, er könne nur die generelle Firmenpolitik erläutern. In dieser gehe es nicht darum, Mitarbeitern jegliche Beteiligung an Demonstrationen zu untersagen, sondern nur, sich in ausländischen Staaten zurückhaltend zu verhalten, um der Firma nicht zu schaden. Dieses Verbot beziehe sich vor allem auf Führungskräfte.

Im Iran bezog es sich dem Schreiben zufolge auf alle Mitarbeiter - auch die Androhung, Angestellte zu entlassen, ist explizit. Eine schriftliche Fassung ihrer generellen Firmenpolitik gab die Knauf Gips KG nicht heraus. Eine schriftliche Stellungnahme, die der Konzern SPIEGEL ONLINE bis 14 Uhr übermitteln sollte, steht ebenfalls noch aus.

Laut der Nachrichtenagentur Reuters kündigte der geschäftsführende Gesellschafter Manfred Grundke inzwischen aber eine Korrektur des "unglücklich formulierten" Schreibens an.

Die Bundesregierung zeigt sich über die Vorwürfe irritiert. Das Auswärtige Amt in Berlin erklärte, es habe keine eigenen Erkenntnisse über den Vorfall. Sollten sich die Artikel erhobenen Vorwürfe aber erhärten, "würden wir es nicht begrüßen und nicht gutheißen". Die Bundesregierung mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wie auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier haben in den vergangenen Wochen wiederholt die iranische Regierung für das gewaltsame Vorgehen gegen Demonstranten öffentlich kritisiert.

Auf dem Mikroblogging-Dienst Twitter zeigen sich Nutzer empört. Sie rufen dazu auf, keine Produkte der Knauf Gips KG mehr zu kaufen - und das Unternehmen mit Protest-E-Mails zu überschwemmen.

Auch die deutsche Wirtschaft reagierte mit Unverständnis. Der Außenhandelsverband BGA erklärte, zum konkreten Fall wolle man sich nicht äußern. "Generell sollten deutsche Unternehmen wirtschaftliche und politische Interessen trennen", sagte ein Sprecher. Iran schade sich mit Sanktionen gegen ausländische Firmen oder deren Mitarbeitern selbst. Das schrecke die dringend benötigten ausländischen Investoren eher ab.

Die Proteste in Iran dauern trotz des massiven Vorgehens der Regierung seit der umstrittenen Präsidentenwahl vom 12. Juni an. Erst am Donnerstag war die Polizei mit Tränengas und Knüppeln gegen Tausende Iraner vorgegangen, die in Teheran der Opfer der vorangegangenen Proteste gegen die Regierung gedachten. Bei der Wahl wurde Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad zum Sieger erklärt, die Opposition hält Hossein Mussawi für den Wahlsieger.

Die Unternehmensgruppe Knauf gehört zu den führenden Baustoffherstellern weltweit mit 22.000 Mitarbeitern in mehr als 40 Ländern und ist seit mehren Jahrzehnten in Iran tätig.

ssu/AFP/Reuters

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