Umwelt: Aldi auf dem Holzweg

Von Stephan Zimprich

Billige Tropenholzmöbel gibt es inzwischen an jeder Ecke. Mit Gartenmöbeln dubioser Herkunft bringt jetzt Aldi Naturschutzverbände gegen sich auf: Der Discounter verkauft Stühle, Tische und Bänke aus Meranti - einem Tropenholz, das Umweltverbänden zufolge höchstwahrscheinlich aus illegalem Raub-Abbau in Indonesien stammt.

Tropenholz aus Indonesien: Zu 80 Prozent illegal
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Tropenholz aus Indonesien: Zu 80 Prozent illegal

Berlin - Wer Lieferant bei Aldi werden will, hat drei Voraussetzungen zu erfüllen: Er muss immer liefern können, er muss in unbegrenzter Menge liefern können und vor allem - er muss billig liefern können. Ökologische Bedenken spielen im Erfolgsdreisatz des Discounters nur eine untergeordnete Rolle. Seit einer Woche verkauft Aldi Nord in seinen Filialen Gartenmöbel aus dem Tropenholz Meranti. Bei dessen Herkunft hat das Unternehmen wohl beide Augen fest zugedrückt - Hauptsache der Lieferant kann viel, schnell und billig liefern.

Dabei könnte das Unternehmen durchaus sicher stellen, dass das Holz aus legalem, ökologisch und sozial verträglichem Abbau stammt: Das von unabhängigen Zertifizierern verliehene FSC-Siegel (Forest Stewardship Council) wird nur an Verkäufer vergeben, die eine einwandfreie Produktionskette nachweisen können. In Deutschland unterstützen inzwischen viele große Unternehmen das Zertifikat - unter ihnen Bauhaus, Karstadt, Obi, Hornbach, Ikea, die Metro-Handelskette und der Otto-Versand. Neben Aldi verzichten aber auch noch Marktkauf, Kaufhof und das Möbelhaus Dodenhof auf den FSC-Nachweis: Holz mit Zertifikat kostet zwischen fünf und zehn Prozent mehr als die illegale Variante.

Zertifikat zur Kundenberuhigung

Statt mit dem FSC-Logo wirbt Aldi wie auch andere Verkäufer von Gartenmöbeln mit dem Etikett "aus staatlich kontrollierter Forstwirtschaft" - eine Bezeichnung, die allein der Kundenberuhigung dient: "In Indonesien bedeutet das, dass es sich zu 80 Prozent um illegal geschlagenes Holz handelt", kritisiert Oliver Salge, Waldexperte bei Greenpeace. Es sei schon lange bekannt, dass in Indonesien staatliche Pseudo-Plaketten verliehen würden, die nur dazu dienten, dem Treiben der Holzmafia einen legalen Anstrich zu geben.

Wie schnell aus illegalem Holzeinschlag "staatlich kontrollierte Forstwirtschaft" wird, beschreibt Salge so: "Der Holzfäller kennt einen befreundeten Richter, der das gesamte Holz beschlagnahmen lässt. Dann bekommt es ein staatliches Siegel und wird zur Versteigerung freigegeben. Der einzige, der von der Versteigerung informiert wird und mitbietet, ist der illegale Holzfäller - und der Richter streicht eine hübsche Provision ein." Diese Methoden seien in der Branche seit langem bekannt. "Wenn man bei einem stadtbekannten Hehler kauft, kann man sich kaum darauf berufen, nichts von der Herkunft der Waren gewusst zu haben", so Salge.

Netz aus Gewalt und Korruption

Die Strukturen der indonesischen Holzindustrie stammen noch aus der Zeit der Suharto-Diktatur. Die lokalen Behörden arbeiten seitdem ebenso wie das Militär Hand in Hand mit der Holzmafia. Korruption und Gewalt beherrschen den Markt. Das Ministerium für Forstwirtschaft ist nicht in der Lage, die gesetzlichen Bestimmungen zum Schutz des Urwalds durchzusetzen: Jahr für Jahr verliert Indonesien eine Waldfläche von der Größe der Schweiz - mehr als jedes andere Land auf der Welt.

Bis zu 90 Prozent des in Indonesien gefällten Holzes werden illegal abgeholzt. Für das Jahr 2003 hatte die indonesische Regierung 6,9 Millionen Kubikmeter Holz zum Einschlag frei gegeben. Tatsächlich wurden schätzungsweise 90 Millionen Kubikmeter Wald durch Abholzung vernichtet. Die Verluste durch den illegalen Abbau der bis zu 70 Meter hohen Bäume sind gigantisch: Jedes Jahr kosten die Aktivitäten der Holzindustrie die indonesische Regierung mehr Geld, als 8 Millionen indonesische Familien in dieser Zeit durchschnittlich verdienen. Das fiel irgendwann auch der Regierung auf: Mit Exportverboten und Strafzöllen versuchte das Forstministerium, dem Problem Herr zu werden. Die Holzfäller schmuggelten daraufhin das Holz einfach nach Malaysia, um es von dort aus weiter zu verkaufen.

Lebensgefährliche Nachforschungen

Versuche, die Machenschaften der illegalen Händler aufzudecken, sind gefährlich: Im November 2001 fielen bewaffnete Schergen der Holzmafia über den indonesischen Journalisten Abi Kusno Nachran her und hieben mit Macheten auf ihn ein, bis sie ihn für tot hielten. Dass Nachran doch noch lebte, wurde erst im Leichenschauhaus entdeckt. Der Journalist hatte kurz zuvor mit seinen Recherchen dafür gesorgt, dass der Forstminister ein Schiff mit 54000 Kubikmetern illegal geschlagenem Holz beschlagnahmte - für die Paten im Urwald eine Kriegserklärung. Strafrechtliche Verfolgung braucht indes keiner der Täter zu fürchten: Behörden und Polizei verdienen selbst viel zu gut am Geschäft mit den Urwaldriesen.

Aldi selbst tut wenig, um die Bedenken an der Herkunft des Holzes zu zerstreuen: Telefonisch verweigerte das Unternehmen gegenüber SPIEGEL ONLINE jede Stellungnahme, auch schriftlich eingereichte Fragen blieben unbeantwortet. Auf Kundenanfrage erklärte ein Mitarbeiter lediglich, dass das Holz aus Indonesien stammt. Einen Herkunftsnachweis legt das Unternehmen nicht vor. "Aldi hält sich völlig bedeckt und versucht, das Problem auszusitzen", so Jens Wieling, Tropenreferent bei Robin Wood, der bei seinen Recherchen ebenfalls auf eine Mauer des Schweigens stieß. Nicht untypisch für Aldi: Schon im vergangenen Jahr wurde der Discounter von Journalisten für seine an Geheimdienstgepflogenheiten erinnernde Informationspolitik mit der "Verschlossenen Auster" ausgezeichnet.

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