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Umweltfreundliche Krematorien: Sauber im Abgang

Ein Beitrag aus dem Wirtschaftsmagazin "enorm" von

Wer grün lebt, kann auch grün sterben: Ein Verbund von Krematorien wirbt mit Umweltschutz um Kunden und setzt auf modernste Technik. Die ist auch nötig - denn am Ende des Lebens steckt der Körper voller Schadstoffe.

Umweltfreundliche Krematorien: Sauber im Abgang Fotos
Andreas Labes

Es wirkte wie ein morbides Klassentreffen mit Sekt und Lachshäppchen neben Särgen und Leichenwagen. Viel Lachen, noch mehr Umarmungen - Wiedersehensfreude auf der weltweit größten Bestattermesse BEFA. Alle fünf Jahre trifft sich hier die Branche, vergangenen Mai in Düsseldorf war es wieder so weit. 250 Aussteller erwarteten knapp 12.000 Besucher. Fachbesucher wohlgemerkt. Denn die neuesten Trends der Bestatterbranche sind für die Öffentlichkeit nicht bestimmt. Aus Pietätsgründen.

Traditionell gilt das Bestattergewerbe als konservativ. Doch auch diese Branche unterliegt dem Wandel. Neben Skurrilitäten wie selbst bewässernden Grabanlagen oder Diamanten, die aus der Asche Verstorbener gepresst werden, dominierte dieses Jahr vor allem ein Thema: der Umweltschutz. Vom Totenhemd aus Biobaumwolle über verbrauchsarme Leichenwagen bis hin zu handgeflochtenen, Fairtrade-zertifizierten Särgen und Urnen aus Bambus, Seegras oder Bananenblättern - der Tod soll künftig Grün tragen.

Gefunden in
Besonders engagiert präsentierten sich 15 der deutschlandweit 160 Krematorien: Organisiert im Verbund "Die Feuerbestattungen", haben sie auf ihrem Messestand dem Namen noch ein schwungvolles "goes green" verpasst. Neben "Respekt und Würde" gegenüber den Verstorbenen sollen vor allem "Ökologie und Nachhaltigkeit" im Vordergrund stehen. So sagt es zumindest Svend-Jörk Sobolewski aus Stade, 52 und Gründer von "Die Feuerbestattungen". 2001 rief er den Verbund mit vier weiteren privaten Krematorien ins Leben. "Wir sehen uns als Trendsetter der Branche. Eine freiwillige Arbeitsgemeinschaft mit gleichen Qualitäts- und Umweltstandards", so Sobolewski. Zweimal jährlich diskutieren sie über Fotovoltaik, Plattenwärmetauscher und Abgasfilter, die helfen sollen, weniger Energie zu verbrauchen und die Umwelt zu schonen. Ihre Ideen entwickeln sie gemeinsam. Die Anschaffungen jedoch finanziert jedes Krematorium allein.

Hochmoderne Kremationsöfen, Solarstrom und Abgasrückführung

Knapp jeder zweite der jährlich 850.000 Toten in Deutschland wird eingeäschert. Und mindestens 60.000 von ihnen gehen, nach Auskunft von Sobolewski, grün in die Ewigkeit. Durchschnittlich 300 Euro kostet eine Verbrennung in einem privaten Krematorium, inklusive Aschekapsel und Leichenschau. Das ist nicht teurer als in den kommunal betriebenen. "Aber die Haltung", sagt Sobolewski, "ist eine andere." Er spricht von "Anliegen" und "Gutes tun", was zunächst nach Werbephrasen klingt. Doch Sobolewski erzählt auch von seinem Kampf gegen das AKW Brokdorf, damals in den Siebzigerjahren, von den Geschwüren der Fische, die er aus der Elbe holte. Wenn Sobolewski also seine Stimme hebt und fragt: "Wenn wir nicht anfangen, wer dann?", nimmt man ihm seinen Enthusiasmus ab. Die alten, kommunal betriebenen Krematorien? "Dreckschleudern", so fasst Sobolewski deren Umweltfreundlichkeit zusammen. "Außerdem rein funktional. Särge auf Gabelstaplern, Arbeiter in Blaumännern. Die Würde der Verstorbenen kommt dort genauso zu kurz wie die ökologische Konzeption."

Sein Verbund setzt auf umweltschonende Technik. Solarstrom, Abgasrückführung, Fernwärme. Doch vor allem: auf hochmoderne Kremationsöfen. Genauer: auf den KE 400-170. "Ka-E-vierhundert-Strich-hundertsiebzig" - Heinz Schröder von Feuerbestattungen Hennigsdorf spricht es aus wie ein preußischer Offizier.

Hennigsdorf bei Berlin, im Gewerbegebiet Nord 1. Hier, zwischen einem Stahlwerk und einem Glückwunschkartenverlag, steht seit 2005 am Ende einer Sackgasse eines der fünfzehn Ökokrematorien. Flachbau, vorne roter Klinker, breite Glasfronten. Könnte auch ein Gemeindezentrum sein - wenn da nicht die beiden silbernen Schornsteine in den Himmel ragen würden.

Feuerbestattungen Hennigsdorf ist ein Familienunternehmen; Heinz Schröder führt es zusammen mit Ehefrau Angelika und Sohn Thomas, dazu kommen zwei Angestellte. Heinz Schröder, 63 Jahre, grau-weißes Haar, wirkt wie ein Herbergsvater, wenn er Schulklassen oder Hospiz-Pflegeschüler stolz durch sein Reich führt. Er sagt: "Der Tod ist dunkel genug. Hier ist alles hell und freundlich."

Offenheit ist ein Standbein von Feuerbestattungen Hennigsdorf, sie enthält die Möglichkeit einer individuellen Bestattung, bei der auch mal eine Gitarre mit in den Sarg gelegt werden kann.

Vorgaben der Abgasverordnung "ein ganzes Stück unterlaufen"

Das zweite Standbein ist der Umweltschutz. Der wird sichtbar, sobald Schröder aus der Trauerhalle hinter die Kulissen des Krematoriums in eine weitere große Halle führt. An den Seitenwänden zwei großformartige Gemälde, links am Ende der Halle die zwei Sargeinfahrmaschinen zu den beiden Öfen, die zusammen rund 5000 Kremationen pro Jahr schaffen. Rechts davon, hinter Glas: die Schaltzentrale. An zwei Flachbildmonitoren kontrollieren Heinz Schröder und seine Techniker nicht nur jede Verbrennung; zugleich haben sie auch die fast waagerechten Balken im Blick, die den Ausstoß von Kohlendioxid, Sauerstoff, Rohgas und Feingas anzeigen. Die Werte sind nahezu ideal niedrig - ermöglicht vor allem durch die Software, die die Öfen steuert. Sie stellt das System automatisch ein und sorgt für Effektivität. "Gasverbrauch, Stromverbrauch, Filter, Abgase, alles spielt komplex zusammen. Dazu werden alle Sensoren jedes Jahr neu kalibriert", erklärt Schröder. Die Vorgaben der Bundesemissionsschutzverordnung würden sie hier "ein ganzes Stück unterlaufen", und zwar um mehr als die Hälfte.

Das klingt erst einmal gut. Doch da sie erst seit 2001 betrieben werden dürfen, haben private Krematorien ohnehin moderne, relativ saubere Öfen. Das Unterschreiten der Emissionsgrenzwerte ist also keine große Leistung. Reicht das, um sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen zu schreiben?

Aschekapseln aus ökologisch abbaubarem Hanf statt aus Blech

Wie seine Mitstreiter im Verbund "Die Feuerbestattungen" sagt Schröder: Nein. Er geht einige Schritte weiter. 2009 erhielt sein Krematorium nach einer Prüfung das "RAL Gütezeichen Feuerbestattungsanlagen" des Deutschen Instituts für Gütesicherung und Kennzeichnung. Dessen Anforderungskatalog enthält strenge Auflagen, die die gesetzlichen Vorgaben weit überschreiten, Betriebe können außerdem jederzeit unangekündigt von externen Gutachtern kontrolliert werden.

Für das Gütezeichen filtert Schröder den giftigen Rauch mit einem umweltverträglichen Kalk-Kohle-Gemisch, verwendet Aschekapseln aus ökologisch abbaubarem Hanf statt aus Blech und fordert die Bestatter auf, keine Pappsärge zur Verbrennung zu schicken, da der Klebeleim umweltbelastend ist. Und wenn Hinterbliebene den Sarg bemalen wollen, bittet er, keinen Lack, sondern Wasserfarbe zu verwenden.

Dass diese Maßnahmen meist mit Mehrkosten verbunden sind, stört Heinz Schröder nicht - seine eingesparten Energiekosten gleichen das mehr als nur aus. Zusätzlich verlängern viele der Maßnahmen die Lebensdauer der gut eine Million Euro teuren Öfen. Für Schröder gilt: "Wenn ich was mache, dann richtig. Und entweder man macht was für die Umwelt oder nicht. Und mit Stolz können wir sagen: Mehr geht nicht."

Schröder würde gerne auch die Bestattungsunternehmen begeistern, entscheidende Glieder in der Kette für ökologische Beerdigungen. Doch die meisten sind "schwer zu überzeugen, aus den alten Bahnen auszubrechen", sagt er. Die Mehrzahl der über 3300 Bestatter in Deutschland befriedige lieber die bewährte, rentable Nachfrage statt selbst neue, aber wirtschaftlich riskante Angebote zu schaffen. Nur in Großstädten wie Berlin, Hamburg oder Köln gibt es eine Handvoll Bestatter, die auch Biournen oder Ökosärge anbieten.

In England und Schottland boomen solche Geschäfte, obwohl etwa Ökosärge zur Kremation ungeeignet sind - sie verbrennen zu schnell, die Leichen entzünden sich deshalb nicht gut. Doch bei Erdbestattungen herrscht auf den britischen Inseln eine große Akzeptanz für Ökosärge. Anders in Deutschland: In der Ausnahmesituation Tod wollen die meisten Angehörigen den Abschied eines geliebten Menschen nicht als Umweltbelastung wahrnehmen. Viele brauchen zudem die tröstende Vorstellung, dass der Verstorbene in einer fest verschraubten Holzkiste in die Erde gelassen wird.

Die größte Schadstoffquelle ist der Verstorbene selbst

Dazu kommen strenge Gesetze: Särge müssen geruchsdicht und stabil sein, es darf keine Flüssigkeit austreten. Särge aus geflochtener Weide, die es in Bioqualität gibt, garantieren das nicht.

Auch wenn der Verbund "Die Feuerbestattungen" viel weiter ist als die meisten: Dem Versuch, den ökologischen Fußabdruck klein zu halten, sind Grenzen gesetzt. Nach Jahren des Gebrauchs sind zum Beispiel die Rückstände in den Abgasfiltern eines Krematoriums hochtoxisch. Das Gemisch aus Dioxinen, Quecksilber, Antibiotika oder Zytostatika, das sich am Ende eines Lebens im Körper angehäuft hat oder bei der Verbrennung des Leichnams entsteht, muss in einem Salzstock endgelagert werden.

Völlig umweltverträglich und grün wird der Tod nie sein. Auch wenn es vielleicht makaber klingt: Die größte Schadstoffquelle ist der Verstorbene selbst.

Dieser Text stammt aus dem Magazin

"enorm - Wirtschaft für den Menschen"

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1. Es wäre ja interessant gewesen, welche Emissionsgrenzwerte...
Holledauer 03.10.2014
... einzuhalten sind und welche Emissionswerte die Anlage erreicht. Insbesondere Quecksilber ist nämlich für diese Abgasreinigungstechnologie das Problem. Die Reizworte "Antibiotika" und "Zytostatika" sind entbehrlich, denn bei den angegeben Verbrennungstemperaturen werden diese sicher zerstört. Inwieweit Dioxine gebildet werden, hängt vom Temperaturgang der Abgase ab, dürften jedoch - falls sie beim Abkühlen der Abgase entstehen - sicher von der Aktivkohle adsorbiert werden. Dies wäre aussagekräftiger bezüglich der Umweltrelevanz der Anlage, statt über den Einsatz von Bambus statt Blech für die Urnen zu fabulieren. Da bei uns kaum nennenswerte Mengen an Bambus wachsen, muss dieser vor allem aus Asien importiert werden. Da ist die - eigentlich nebensächliche - Frage zu stellen, ob die beim Transport des Bambus entstehenden Emissionen der Schiffe, welche mit sogenanntem "Bunker C- Öl" betrieben werden nicht am Ende höher sind, als wenn Keramik- oder Stahlblechurnen Verwendung finden.
2. Wer grün lebt, muss nicht schwarz sterben . . .
a.morgenroth 03.10.2014
Wieviel fossile Energie benötigt werden, um einen Leichnam einzuäschern, ist bekannt: ca. 330 kWh, ebenfalls die Strommenge, die ein Krematorium benötigt: 400.000 kWh/Jahr. Warum der Aufwand, den die Natur mit der natürlichen Verwesung umsonst leistet? (vgl.: http://www.flamarium.de/guetegemeinschaft-flamarium/umweltschutz/umweltberichte.html Die Aschen sind - wie der Bericht zutreffend beschreibt- nicht unbelastet, aufgefangene Flugaschen müssen sogar in Untertagebergwerken entsorgt werden! Ein Waldbestatter wurde verpflichtet, zum Schutz des Grundwassers ausschließlich Edelstahlurnen zu verwenden, vgl.: www.swp.de/ulm/nachrichten/suedwestumschau/Strenge-Regeln-im-Wasserschutzgebiet;art4319,297751 Es stimmt: Wer grün lebt, kann auch grün sterben .. .
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