Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Umweltkiller Bergbau: Lateinamerikas schmutzigste Stadt begehrt auf

Diese Stadt tötet: Der Bergbauort La Oroya, hoch in den peruanischen Anden gelegen, gilt als meistverseuchte Stadt in ganz Nord- und Südamerika. Knut Henkel hat sie besucht – und gesehen, wie die Einwohner gegen Gift und Geldgier der Bergbau-Lobby streiten.

La Oroya/Hamburg - Mit bitterer Miene deutet Miguel Curi auf die Laborergebnisse der Blutuntersuchungen seiner Kinder. Der 13-jährige Sohn Angel hat knapp dreimal so viel Blei im Blut wie der Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation erlaubt. Die sechsjährige Tochter Marina übertrifft den Grenzwert um knapp das vierfache. "Mit diesen Werten sind meine Kinder noch gut dran. Hier in der Altstadt von La Oroya leben Kinder, die haben achtmal mehr Blei im Blut als laut Weltgesundheitsorganisation gerade noch akzeptabel ist", klagt Curi.

Aus Curis Wohnung blickt man direkt auf die Quelle dieser latenten Bleivergiftung. Der riesige Schornstein in der Bergbaustadt La Oroya ist genauso wenig zu übersehen wie die weitläufigen Anlagen, in denen aus erzhaltigem Gestein Kupfer, Zink und Blei gelöst werden. Stets quillt etwas Rauch aus dem Industrieschlot, doch besonders schlimm ist es am frühen Morgen und gegen Abend. "Dann ist der Hustenreiz kaum zu unterdrücken, und es brennt auf den Schleimhäuten", erklärt Miguel Curi.

In La Oroya leben die Menschen in direkter Nachbarschaft zur Schmelzhütte. Täglich werden laut Angaben der Betreiberfirma - einer Tochter des US-amerikanischen Bergbauunternehmens Doe Run - 537 Tonnen Schwefeldioxid in die Luft geblasen. Parallel dazu gelangen erhebliche Mengen an schwermetallhaltigem Feinstaub in Umlauf.

In den Top Ten der giftigsten Orte weltweit

Ein direkter Angriff auf die Gesundheit der Kinder. Blei und andere Schwermetalle verursachten Hirn- und Nervenschäden, die sich bei den Kindern in Konzentrationsmängeln und motorischen Defiziten niederschlagen, erklärt Hugo Villa, Neurologe am Krankenhaus von La Oroya. Weitere Folgen seien Atemwegserkrankungen und Krebs, sagt der Mediziner.

Von seinem Arbeitsplatz aus hat der Neurologe einen prächtigen Blick auf die weitläufige Industrieanlage. In der direkten Nachbarschaft befinden sich Wohnviertel, Schulen und Kindergärten. 35.000 Menschen leben in der Bergbaustadt, die auf 3750 Metern hoch in den peruanischen Anden liegt. Landesweit ist La Oroya seit Jahren Synonym für den Bergbau auf Kosten der Bevölkerung.

Zentren der Umweltverschmutzung: Die zehn dreckigsten Städte
SPIEGEL ONLINE

Zentren der Umweltverschmutzung: Die zehn dreckigsten Städte

"Über Jahrzehnte wurde in La Oroya ohne Rücksicht auf die Umwelt und die Bevölkerung produziert", erklärt Monseñor Pedro Barreto, Bischof in der Provinzstadt Huancayo, eine Fahrtstunde entfernt. Hier kommen die Schwermetalle mit dem Wasser des Río Mantaro an. Bei ungünstigem Windverhältnissen sind auch die Emissionen aus dem 167 Meter hohem Kamin der Hütte in Huancayo spürbar. "Der saure Regen ist - genauso wie das kontaminierte Wasser - Gift für die Landwirte im Tal."

Rund um Huancayo befindet sich eines der wichtigsten Agrargebiete Perus. Bischof Barreto tritt seit Jahren energisch für den Umweltschutz ein. Mehrfach hat er die Regierung und den US-Konzern aufgefordert, die Emissionen sowie die Einleitungen in den Río Mantaro zu verringern. Eigentlich hatte der US-Bergbaukonzern sich bei der Übernahme des früher staatlichen Betriebs in La Oroya auch vertraglich dazu verpflichtet.

Doch der steigende Druck zeigt nur langsam Wirkung. Mitte September wurde La Oroya vom Blacksmith Institute aus New York wieder in die Liste der zehn meistverschmutzten Orte weltweit aufgenommen. Kurz zuvor schon forderte der Interamerikanische Gerichtshofs für Menschenrechte die peruanische Regierung auf, umgehend Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung einzuleiten.

"Gold kann man nicht essen"

Auch wurde Doe Run Perú wegen mehrere Verstöße gegen die Umweltauflagen zu Strafzahlungen verdonnert. Ein Erfolg, über den sich Miguel Curi und Bischof Barreto zwar freuen. Doch nach wie vor halten Regierungsvertreter wie Produktionsminister Rafael Rey die Hand über den Konzern. "La Oroya ist nicht aufgrund der Bergbauaktivitäten des US-amerikanischen Minenunternehmens Doe Run derart kontaminiert, sondern aufgrund der Aktivitäten des Vorbesitzers Centromin, eines staatlichen peruanischen Unternehmens", argumentiert Minister Rey.

"Eine Einschätzung, die den Untersuchungen peruanischer wie internationaler Institute nicht standhält", widerspricht Michael Pollmann - er ist Umweltexperte des Deutschen Entwicklungsdienstes in Peru. Bisher hat Doe Run aus seiner Sicht nicht genug investiert, um die Probleme abzustellen. "Erst mit der für 2009 geplanten Einweihung der Schwefelsäureanlage wird das Hauptproblem der praktisch ungefilterten Schwefeldioxid-Emissionen zu beheben sein." Bis dahin wird die Bevölkerung von La Oroya wohl mit den hochgiftigen Emissionen zu kämpfen haben.

Miguel Curi, der sich bei der Bewegung für Gesundheit in La Oroya engagiert, klagt: "Die Regierung ist Doe Run immer wieder entgegen gekommen." So hätte die Schwefelsäureanlage schon 2006 installiert werden müssen. "Doch die Regierung in Lima gewährte Aufschub."

La Oroya hat zum schlechten Image des Bergbaus im Land merklich beigetragen. Viele Peruaner assoziieren die Industrie schlicht mit Umweltverschmutzung und steigender Armut. Nicht ohne Grund: In Regionen wie Cajamarca und Ancash, wo Hunderte Millionen US-Dollar in den Bergbau investiert wurden, hat die Bevölkerung -allen Versprechungen zum Trotz - vor allem Leid durch die Minen erfahren.

Land der Bauern verramscht

Cajamarca ist heute die zweitärmstes Departamento des Landes, obwohl dort die größte Goldmine Lateinamerikas, Yanacocha, angesiedelt ist. Viele Bauern der Region haben ihr Land auf Druck der Regierung in Lima spottbillig an die Minenbetreiber verkaufen müssen. Dieses Negativbeispiel und die Risiken für die Agrarproduktion taten ein Übriges, um das Image des Bergbaus in Peru zu ruinieren.

In Tambogrande, nahe der Grenze zu Ecuador, lief 2002 nahezu die ganze Stadt Sturm gegen die Ansiedlung des kanadischen Bergbauunternehmens Manhattan Minerals. "Die Region lebt vom Anbau von Mango, Limonen und anderen Früchten. Der offene Tagebau hätte nicht nur den Wasserhaushalt durcheinander gebracht, sondern möglicherweise auch unsere Plantagen kontaminiert", erklärt Francisco Ojeda, ehemaliger Bürgermeister des Ortes und selbst Obstbauer.

Er war einer der Protagonisten des Widerstands in dem kleinen Ort und hat damals ein Referendum gegen den Bergbau mitinitiiert. "Landwirtschaft ja, Bergbau nein" und "Gold kann man nicht essen" lauteten die beiden Schlachtrufe gegen den Bau einer Goldmine.

Die hätte maximal sechshundert Arbeitern ein Auskommen gegeben. "Dem gegenüber standen fast 18.000 Arbeitsplätze im Agrarsektor. An der Urne stimmten schließlich mehr als 90 Prozent der Wähler gegen die Aufnahme der Bergbauaktivitäten", betont Ojeda. Der hat das Bürgermeisteramt zwar aufgegeben und widmet sich wieder seiner eigenen Obstplantage.

Demokratie ausgeschlossen

Sein Rat beim Thema "Widerstand gegen den Bergbau" ist aber weiterhin gefragt. So war Ojeda mit von der Partie, als Mitte September ein weiteres Referendum in den Gemeinden Ayabaca, Pacaipampa und Carmen de la Frontera durchgeführt wurde. Die zentrale Frage lautete: "Sind Sie damit einverstanden, dass in ihrem Distrikt Bergbau stattfindet?"

"Die Antwort von 92 Prozent der mehr als 18.000 Bürger, die zu den Urnen kamen, lautete Nein", berichtet Susanne Friess vom katholischen Hilfswerk Misereor. Sie war beeindruckt von der hohen Motivation der Leute, an der Abstimmung teilzunehmen. "60 Prozent der Wahlbeteiligten stimmten trotz schlechten Wetters, langer Wege und der Anfeindungen der Referendumsgegner ab." Ähnlich wie in La Oroya, Cajamarca und Tambogrande war es die katholische Kirche, die die lokale Bevölkerung bei dem Versuch unterstützte, Einfluss auf die Zukunft der eigenen Region zu nehmen.

Der Regierung in Lima gefällt das gar nicht. Vor dem Referendum wurde keine Chance ausgelassen, Stimmung gegen seine Unterstützer zu machen. So warf Produktionsminister Rafael Rey internationalen Nichtregierungsorganisationen vor, die lokale Bevölkerung gegen den Bergbau aufzuwiegeln. Präsident Alan García witterte "kommunistische Umstürzler". Erst als der nationale Rat für Menschenrechte, der dem Justizministerium angegliedert ist, das Referendum für verfassungskonform erklärte, nahm der Widerstand im Regierungslager ab.

Wie zukünftig mit der Vielzahl an strittigen Bergbaukonzessionen umgegangen werden soll, hat die Regierung allerdings schon klar gemacht. Am 21. September stellten Präsident Alan García und Premierminister Jorge del Castillo ihre Vorlage für eine Gesetzesänderung vor. Demnach sollen zunächst 20 Bergbauprojekte zu "Angelegenheiten von nationalem Interesse" erklärt werden.

Referenden sind dabei nicht vorgesehen.


Die "World's 10 worst-polluted places" sind nach Auswahl des Blacksmith Institute :

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wo ist das Problem?
gutmensch666, 21.10.2007
Kapitalismus halt. Der freie Markt regelt das.
2. Wer ist denn der Schuldige ??
Dr. Wolfgang - P. Bethe 21.10.2007
Sollte man sich immer wieder fragen. Auch z. B., wenn man bei Hausbau, Hausreparatur in den dann wahrscheinlich billigsten Baumarkt geht oder auch noch verschiedene andere, um dann die billigste Version eines Metallapparates, eines Rohres zu kaufen. Offensichtlich ja auch kein neues Problem. Es wird schon bei "Agricola " beschrieben und die Bergleute singen im Harz noch heute: " Es riecht so schweflig sauer....." Und danach kann man heute noch durch verwüstete Steilhänge des Harzes fahren. Es ist also nicht ein Problem des Kapitalismus, oder der Globalisierung. Es ist ein Probliem der allgemeinen Gedankenlosigkeit - unserer Gedankenlosigkeit..
3. (Geld-) Macht korrumpiert
H. Krämer, 21.10.2007
Zitat von gutmensch666Kapitalismus halt. Der freie Markt regelt das.
Wohin führt solche Regelung ? Das ist Kapitalismus auf der menschlichen Entwicklungsstufe wie zu Beginn des Industriezeitalters im 19. Jahrhundert. "Zum Glück" haben im Durchschnitt wirtschaftlich arme Menschen mehr Kinder. So wachsen noch einige Zeit genug Menschen nach, um im Dienste inhumaner Wirtschaft Politikern vor Ort und den Aktionären im fernen Ausland die Taschen weiter zu füllen. Bei solchen menschenverachtenden Situationen ohne Aussicht auf Besserung auf friedlichem Wege bekommt das Wort "Revolution" plötzlich einen angenehmen, hoffnungsvollen Klang.
4. Geiz-ist-geil und Globalisierung.
descartes101, 21.10.2007
Zitat von Dr. Wolfgang - P. BetheSollte man sich immer wieder fragen. Auch z. B., wenn man bei Hausbau, Hausreparatur in den dann wahrscheinlich billigsten Baumarkt geht oder auch noch verschiedene andere, um dann die billigste Version eines Metallapparates, eines Rohres zu kaufen. Offensichtlich ja auch kein neues Problem. Es wird schon bei "Agricola " beschrieben und die Bergleute singen im Harz noch heute: " Es riecht so schweflig sauer....." Und danach kann man heute noch durch verwüstete Steilhänge des Harzes fahren. Es ist also nicht ein Problem des Kapitalismus, oder der Globalisierung. Es ist ein Probliem der allgemeinen Gedankenlosigkeit - unserer Gedankenlosigkeit..
Sie können heutzutage nicht mehr davon ausgehen, durch den Kauf eines teureren Markenprodukts auch bessere Qualität und bessere Arbeitsbedingungen für die Arbeiter in Rohstofförderung und Produktion zu finanzieren. Im Zweifelsfall kommt das Produkt aus der gleichen Drittweltproduktion, nur die Gewinnmarge ist grösser. Für einen Kunden ist kaum nachvollziehbar, wie und woher sein Produkt in den Laden kommt, was auch nicht sehr schwer zu kennzeichnen wäre, aber leider den Interessen der Industrie diametral zuwiderläuft. Das Problem ist nicht die Geiz-ist-geil-Mentalität, diese ist auch nur eine Reaktion auf sinkenden Wohlstand und zunehmend unsichere soziale Absicherung, von Wirtschaft und Politik verschuldet. Das Problem ist die absolute Abwesenheit jeglicher Moral, Verantwortung und jeglichen Gewissens in der Wirtschaft, wenn es um 3 Cent mehr Dividende geht, für die Kinder mit Blutbleiwerten, die achtmal ber dem Grenzwert liegen, nur ein Kollateralschaden sind. Die grösste Sorge dabei ist, dass der Endkunde nichts davon erfahren soll, sonst könnte dessen erwachendes soziales Gewissen die Gewinnmarge schmälern. Wir stehen einer entfesselten globalisierten Wirtschaft gegenüber, die Staaten und Völker gegeneinander ausspielt, für die es keine Gesetze und Regeln gibt, die man nicht mit Hilfe wirtschaftlichen Drucks und von Korruption (natürlich) übertreten kann. Menschen spielen in dieser keine Rolle ausser als Posten in der Bilanz, und Vorteile der Globalisierung für die gemeinen Menschen gibt es nicht. Punkt. Das liegt daran, dass die Globalisierung auf den Druck der wirtschaftlichen Lobby vorangetrieben wird, und die kennt nur einen Masstab: Profit. Wer allen Ernstes die Globalisierung verteidigt oder befürwortet ist entweder einer der wenigen Profiteure (super für ihn), oder blind, taub und dumm.
5. Revolution, aber richtig.
descartes101, 21.10.2007
Zitat von H. KrämerWohin führt solche Regelung ? Das ist Kapitalismus auf der menschlichen Entwicklungsstufe wie zu Beginn des Industriezeitalters im 19. Jahrhundert. "Zum Glück" haben im Durchschnitt wirtschaftlich arme Menschen mehr Kinder. So wachsen noch einige Zeit genug Menschen nach, um im Dienste inhumaner Wirtschaft Politikern vor Ort und den Aktionären im fernen Ausland die Taschen weiter zu füllen. Bei solchen menschenverachtenden Situationen ohne Aussicht auf Besserung auf friedlichem Wege bekommt das Wort "Revolution" plötzlich einen angenehmen, hoffnungsvollen Klang.
Nicht nur für Sie. Die wachsende Unzufriedenheit mit den Folgen der Globalisierung, und die Realisation, wirtschaftlich und gesellschaftlich abgehängt zu werden, und der daraus resultierende verständliche Hass treibt einem Chavez z.B. die Massen zu. 'Revolution' hätte für mich einen weitaus angenehmeren Klang, wenn ich wüsste, dass es die Menschen zur Selbstbestimmtheit und einer Demokratie führt, die diesen Namen auch verdient, und sich nicht hinter einem 'Revolutionsführer' versammeln, der schon die Pläne für die nächste Diktatur in der Tasche hat, die dann zum Selbsterhalt wieder gemeinsame Sache (offen oder halbverdeckt) mit den internationalen Grosskonzernen macht.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Peru und der Bergbau: Unser täglich Gift

SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: