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Unbezahlbare Lebensmittel: "Es steht eine Revolution der Hungrigen bevor"

Ob Reis in Ecuador, Quark in Deutschland oder Croissants in Frankreich: Auf der ganzen Welt steigen die Lebensmittelpreise unaufhörlich und extrem. Die Hauptlast tragen die Ärmsten weltweit – Hilfsgruppen verlangen dringend eine globale Lösung für ein globales Problem.

Mexiko-Stadt - Wetterextreme, höhere Ölpreise und eine schnell wachsende Nachfrage in China und Indien gehören zu den wichtigsten Ursachen für die Rekordfahrt der Lebensmittelpreise. Vor allem Entwicklungsländer, aber auch die Einkommensschwachen in den entwickelten Ländern leiden.

Der 30-jährige Eugene Thermilon, ein Tagelöhner in Haiti, kann seine Frau und seine vier Kinder nicht mehr ernähren. Der Preis für Nudeln hat sich fast verdoppelt. Zwei Dosen Mais waren kürzlich ihre einzige Mahlzeit für einen ganzen Tag.

Dass sich Leute wie Thermilon das Essen nicht mehr leisten können, bekommt Fabiola Duran Estime schmerzlich zu spüren. Die 31-Jährige verkauft Lebensmittel, doch die Kunden bleiben aus. Weil sie kaum noch etwas verdient, kann ihre Tochter Fyva nicht mehr in den Kindergarten gehen: Die Gebühren von umgerechnet 13 Euro im Monat sind zu hoch. "Die Verbraucher haben keine Wahl, sie müssen ihren Konsum einschränken", sagt der Wirtschaftswissenschaftler Abdolreza Abbassian, der für die Welternährungsorganisation (FAO) arbeitet. "Es ist ein sehr brutales Szenario, aber so ist es."

Brot in Ägypten 35 Prozent teurer

Langfristig werden sich die Lebensmittelpreise stabilisieren. Aber in den kommenden zehn Jahren rechnet die FAO mit einem anhaltenden Aufwärtstrend. Höhere Ölpreise verteuern fast alles - von Dünger über den Transport von Lebensmitteln bis hin zur Verarbeitung.

Hinzu kommt eine steigende Nachfrage nach Fleisch und Milchprodukten in schnell wachsenden Volkswirtschaften, allen voran China und Indien.

Die Entwicklung betrifft praktisch alle Grundnahrungsmittel in den meisten Ländern der Erde. In Ägypten sind die Brotpreise um 35 Prozent gestiegen, Pflanzenöl ist gut ein Viertel teurer geworden.

Pläne, die Subventionierung von Lebensmitteln einzustellen und den Bedürftigen stattdessen Bargeld auszuzahlen, musste die Regierung nach heftigen Protesten fallenlassen. "Es steht eine Revolution der Hungrigen bevor", glaubt Mohammed el Askalani, der einer Protestgruppe namens "Bürger gegen hohe Lebenshaltungskosten" angehört.

In China sind die steigenden Preise Fluch und Segen zugleich. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Fleisch hat sich seit 1980 um 150 Prozent erhöht. Schweinefleisch ist im vergangenen Jahr 58 Prozent teurer geworden, trotzdem stehen die Kunden jeden Morgen Schlange im Laden von Zhou Jian in Shanghai. Noch vor einem halben Jahr verkaufte der 26-Jährige Autozubehör. Seit er mit Fleisch handelt, verdient er fast das Dreifache.

Lebensmittel treiben Inflation

Das Hauptproblem sei ein Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage, sagt Jing Ulrich von der US-Bank JP Morgan: "Die Nachfrage ist groß, das Angebot beschränkt. So einfach ist das." Der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao hat den Kampf gegen die Inflation zur wirtschaftspolitischen Priorität erhoben. Die Verbraucherpreise sind im Januar um 7,1 Prozent gestiegen - so hoch war die Inflation zuletzt vor elf Jahren. Preistreiber waren Lebensmittel mit einer Teuerung von 18,2 Prozent.

Der hohe Ölpreis hat nicht nur die Kosten der Lebensmittelproduktion nach oben getrieben, er führt auch dazu, dass viele Länder vermehrt auf Biotreibstoff setzen. Das wiederum bedeutet, dass die Preise für Mais, Zucker oder Sojabohnen weiter steigen, und zwar noch viele Jahre, wie die FAO prognostiziert.

Die Japaner bekommen die Entwicklung besonders beim Kauf von Mayonnaise oder Miso zu spüren, einer hauptsächlich aus Sojabohnen bestehenden Paste. Beide gelten als wichtige Zutaten in der japanischen Küche. Mayonnaise sei innerhalb von zwei Monaten um zehn Prozent teurer geworden, sagt der Koch Daishi Inoue. "Wenn die Preise weiter steigen, werden auch wir unsere Preise erhöhen müssen."

In Italien, wo im Jahr durchschnittlich 30 Kilo Nudeln pro Kopf verspeist werden, riefen Verbrauchergruppen im September zu einem symbolischen Pasta-Boykott auf, um gegen die steigenden Preise zu protestieren. Tatsächlich ging der Verbrauch in den folgenden zwei Monaten um fünf Prozent zurück, wie Lobbyist Rolando Manfredini sagt.

Nervöse Märkte

Gab es in den vergangenen Jahrzehnten dank Subventionen noch große Vorräte in den Getreide exportierenden Ländern, schrumpften diese Reserven mit der Liberalisierung des Welthandels. Damit ist die landwirtschaftliche Produktion anfälliger geworden für die Entwicklungen der Märkte. Schlechtes Wetter oder eine schlechte Ernte wirken sich sofort auf die Preise aus.

Dürre in Australien oder Hochwasser in Argentinien haben etwa die Butterpreise in Frankreich von 2006 bis 2007 um 37 Prozent steigen lassen. Gourmets bekommen das zu spüren, wenn sie Schnecken bestellen, denn diese werden in Butter zubereitet. Auch Croissants oder das beliebte Pain au Chocolat sind teurer geworden.

"Wir brauchen eine Antwort im großen Stil, auf regionaler oder internationaler Ebene", fordert Brian Halweil von der Umweltorganisation Worldwatch Institute. Schließlich seien über den weltweiten Handel mit Lebensmitteln alle Länder von der gegenwärtigen Entwicklung betroffen. "Das ist eine globale Krise", sagt Halweil.

Katherine Corcoran, AP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. ganze Welt = global?
Joachim Baum 04.04.2008
Zitat von sysopOb Reis in Ecuador, Quark in Deutschland oder Croissants in Frankreich: Auf der ganzen Welt steigen die Lebensmittelpreise unaufhörlich und extrem. Die Hauptlast tragen die Ärmsten weltweit – Hilfsgruppen verlangen dringend eine globale Lösung für ein globales Problem. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,543598,00.html
Wer hat denn immer behauptet, Globalisierung kommt nicht zuletzt auch den Armen zu Gute? (und dann mit Statistiken um sich werfend)
2. Es geht wie immer um Geld ...
Reinhard, 04.04.2008
Zitat von sysopOb Reis in Ecuador, Quark in Deutschland oder Croissants in Frankreich: Auf der ganzen Welt steigen die Lebensmittelpreise unaufhörlich und extrem. Die Hauptlast tragen die Ärmsten weltweit – Hilfsgruppen verlangen dringend eine globale Lösung für ein globales Problem. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,543598,00.html
... Ein Teil des Problems ist die Umwandlung von Lebensmittelrohstoffen in BIO-Treibstoffe. Von den Grünen hoch gelobt! Nur weiter so!
3. Utopie
EdenIsLost, 04.04.2008
Hach...wäre es schön, wenn Kommunismus funktionieren würde, aber Menschen sind nunmal nicht gleich und erst recht kümmert sie das Leid anderer überhaupt nicht so lange es ihnen nur gut oder sogar besser geht. Dass so ein Trend auch vor Lebensnotwendigen Dingen keinen halt macht zeigt sich ja nicht erst unter diesem Aspekt der Lebensmittelversorgung. Schon lange sind große Pharmazeutische Firmen Beispiel dafür, dass auf diesem Planeten keine Wohlfahrt herrscht. Indes eine Revolution wird nicht viel ändern...der Kreislauf würde sich ja doch nur wiederholen...
4. lebensmittel in den tank?
thomas bode 04.04.2008
das szenario ist hoffentlich ein grund dass der "biosprit" vor dem aus steht! abholzung von waldflächen und spritproduktion mit industriellen verfahren am acker sind ja wohl offensichtlich krimineller blödsinn. dass normalbürgern das schon nach 5 minuten nachdenken klar ist aber unsere eliten erstmal riesensummen verbraten bevor sie diesen zug stoppen erstaunt immer wieder.
5. Falls es so etwa gibt wie religiöse Ethik
lpino 04.04.2008
Glaube ich nicht, dass es dem Lieben Gott gefällt, wenn wir Getreide verbrennen für Strom oder Biosprit, sodass bei uns SUVs elegant und ökologisch korrekt über die Bordsteinkante kommen, während in Südamerika, Afrika oder Asien ein Familienvater nicht einmal mehr eine Schale Reis kaufen kann.
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