Ungleiche Löhne Gleichstellung per Computerprogramm

Familienministerin von der Leyen will für mehr Transparenz bei der Entlohnung von Männern und Frauen sorgen - mit einem Computerprogramm. "Logib" wird in der Schweiz schon seit 2006 eingesetzt. Kritiker bemängeln, dass eine Software keine Lösung des Problems sei.

Von Malte Göbel


Berlin - Deutschland liegt in punkto Gleichberechtigung beim Arbeitslohn im europaweiten Vergleich hinten. Eine Studie, die heute von Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) in Berlin vorgestellt wurde, macht eine Lohnlücke von 22 Prozent aus - das wäre auf das Jahr hochgerechnet etwa so, als würden Frauen für ihre Arbeit 2009 erst ab heute Geld bekommen, die Männer dagegen das ganze Jahr. "Das ist inakzeptabel", erklärte die Ministerin.

Familienministerin von der Leyen: Mit Computerprogramm gegen Ungleichheit
AP

Familienministerin von der Leyen: Mit Computerprogramm gegen Ungleichheit

Von der Leyen kennt Gründe dafür: Frauen kümmern sich immer noch zu großen Teilen um die Kindererziehung, fallen deswegen längere Zeit aus dem Job. Und die von Frauen bevorzugten Jobs sind meist schlechter bezahlt als die von Männern gewählten. Das könne jedoch die große Diskrepanz nur teilweise erklären, sagte die Ministerin. Es gebe einen "unerklärten Rest", etwa in der Pflege: Dort verdiene eine Krankenschwester durchschnittlich 100 Euro im Monat weniger als ein Krankenpfleger - trotz gleicher Qualifikation und gleicher Tätigkeiten.

Hier will die CDU-Ministerin neu ansetzen - mit einem Instrument, das sie sich in der Schweiz abgeschaut hat. Dort ist schon seit 2006 das Computerprogramm "Logib" im Einsatz, mit dem Betriebe ab 50 Angestellten herausfinden können, ob es bei ihnen eine Ungleichbehandlung in der Bezahlung von Frauen und Männern gibt und was die Gründe dafür sind. Entsprechend können dann Maßnahmen ergriffen werden.

Logib basiert auf dem Datenverarbeitungsprogramm Excel. Es berechnet mit Hilfe statistischer Methoden, wie sich Faktoren wie Qualifikation oder Funktion auf den Lohn auswirken. Das Geschlecht wird als weitere unabhängige Variable in die Berechnung einbezogen. Wenn keine Diskriminierung vorliegt, darf diese Variable keinen spürbaren Einfluss auf den Lohn haben. Grundlage für die Berechnung sind Lohn-, Qualifikations- und Arbeitsplatzdaten der Mitarbeiter - eine neue Datenerhebung ist also nicht notwendig.

In einer Pilotphase soll das an deutsche Verhältnisse angepasste Programm zunächst in fünf Betrieben verschiedener Branchen und Größen getestet werden. Die Pflegeeinrichtung Marienhaus GmbH und der Software-Hersteller Microsoft haben sich zur Teilnahme bereit erklärt, die Verhandlungen mit einer Krankenkasse und einer Universität laufen noch, sagte die Ministerin. Ab dem Sommer soll das Programm dann für alle Unternehmen kostenlos im Internet zum Download bereitgestellt werden. Für den Herbst dieses Jahres kündigte von der Leyen an, ihr Ministerium werde eine Beratung für Betriebe einführen, die bei der Logib-Analyse schlecht abschneiden.

Männer verdienen besser als Frauen
SPIEGEL ONLINE

Männer verdienen besser als Frauen

Die Teilnahme am Programm ist freiwillig. Von der Leyen hofft dennoch auf eine breite Teilnahme der deutschen Unternehmen. Das könnte sich positiv auf das öffentliche Bild auswirken, sagte sie: "Gleichbehandlung ist ein Wettbewerbsfaktor."

Genau an diesem Vertrauen an eine freiwillige Teilnahme der Unternehmen entzündet sich Kritik. "Diskriminierung bekämpft man nicht mit Appellen", bemängelt Elke Ferner, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen in der SPD im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Im Gegenteil, dieses Verfahren bedeute eine stillschweigende Akzeptanz der Ungleichbehandlung. "Frau von der Leyen ist als Frauenministerin eine glatte Fehlbesetzung", sagt Ferner. "Sie ergreift nicht Partei der Frauen, sondern der Unternehmen."

Auch Krista Sager, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, kann Logib nicht viel abgewinnen, weil es zur Bekämpfung der Lohnungleichheit an der falschen Stelle ansetze. "Das liegt nicht daran, dass die Unternehmen nicht wissen, was ihre Leute verdienen", sagte die Grünen-Politikerin. "Ein Computerprogramm ist kein Ersatz für politische Steuerung."

In der Schweiz wird Logib seit 2006 eingesetzt - nach Aussage von Natalie Imboden, der Branchenverantwortlichen Industrie der Gewerkschaft Unia, auch mit Erfolg. "Es ist ein guter erster Schritt und zeigt auf, wo die Schwierigkeiten sind", sagt Imboden gegenüber SPIEGEL ONLINE. Problem sei mangelnde Kooperation der Arbeitgeber: Die hätten das Programm eingesetzt, aber die Ergebnisse für sich behalten. "Es funktioniert nur, wenn die Sozialpartner zusammenarbeiten."

Hannelore Buls vom Bereich Frauen- und Gleichstellungspolitik der Gewerkschaft Ver.di fürchtet, dass das auch in Deutschland passiert. "Wir brauchen klare Vorgaben zum Abbau von Ungerechtigkeit." Genau wie SPD und Grüne fordert sie die Einführung eines Gleichstellungsgesetzes für die Privatwirtschaft, damit staatliche Gleichstellungspolitik "nicht mehr an den Toren der Betriebe endet".

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