Uno-Nachhaltigkeitsziele Die Rechentricks der Weltverbesserer

Die Uno feiert sich: Hunger und Armut weltweit sind nach Angaben der internationalen Organisation auf dem Rückzug. Doch ein kritischer Blick auf die Statistik lässt die Fortschritte schrumpfen.

Slum im kambodschanischen Phnom Penh (Archivbild)
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Slum im kambodschanischen Phnom Penh (Archivbild)

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Es stinkt erbärmlich, überall liegt Müll herum, sauberes Wasser ist Mangelware: Ngong Theavy wohnt in einem alten Kinogebäude in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh. Unter ähnlichen Bedingungen wie die junge Frau und ihre drei Kinder leben Hunderte Menschen in dem Kino-Slum. Die meisten von ihnen verdienen etwas mehr als 1,25 Dollar pro Tag und gelten damit laut der bisherigen Definition der Vereinten Nationen nicht als arm - ein offensichtlicher Widerspruch zur Lebensrealität dieser Menschen.

Im Jahr 2015 brüstete sich die Uno damit, die weltweite Armut habe sich seit den Neunzigerjahren mehr als halbiert. Maßgeblich verantwortlich für diesen Erfolg seien die Anfang des Jahrtausends von der Uno beschlossenen Milleniumsziele - für weniger Armut und Hunger, für mehr Bildung und Gleichstellung, eine bessere Gesundheitsversorgung und stärkeren Umweltschutz. Die Ziele hätten die erfolgreichste Bewegung gegen Armut in der Geschichte initiiert, so die Uno. Melinda Gates schrieb in einem Gastbeitrag auf SPIEGEL ONLINE sogar: "Wenn man bedenkt, was bislang erreicht worden ist, kann man gar nicht optimistisch genug in die Zukunft blicken."

Tatsächlich gab es in den vergangenen Jahren global positive Entwicklungen etwa im Kampf gegen extreme Armut, Analphabetismus und Kindersterblichkeit.

Aber gehen die Fortschritte wirklich auf das Konto der Uno-Agenda? Und wie groß waren diese Fortschritte, wenn man bedenkt, dass die Armut von Menschen wie Theavy gar nicht erfasst wird?

Von Forschern unterschiedlicher Fachrichtungen hagelt es Kritik, die Erfolge der Ziele würden größer dargestellt, als sie tatsächlich sind. So heißt es zum Beispiel im Uno-Abschlussbericht zur Milleniumsagenda: "1990 lebte fast die Hälfte der Bevölkerung in Entwicklungsländern in extremer Armut, 2015 waren es nur noch rund 14 Prozent."

Das ist laut der Uno-Armutsdefinition zwar korrekt, doch die Ziele selbst wurden erst im Jahr 2000 aufgestellt. Zu der Entwicklung im Jahrzehnt vor der Jahrtausendwende können sie also gar keinen Beitrag geleistet haben. Doch wie in der Grafik zu sehen ist, ging bereits in diesem Zeitraum der Anteil der extrem armen Bevölkerung in vielen Teilen der Erde stark zurück. Durch die Wahl des Bezugsjahres 1990 entsteht leicht der Eindruck, die Uno reklamiere bereits diese Entwicklung als Erfolg ihrer Agenda für sich.

Und so verhält es sich nicht nur mit der Armutsbekämpfung: Der US-Statistiker und Uno-Mitarbeiter Howard Friedman kam 2013 in einem Aufsatz zu dem Schluss, dass sich die positive Entwicklung in den meisten Bereichen schon vor der Jahrtausendwende beschleunigt hatte - eine Beobachtung, die den Milleniumszielen zwar nicht jeden Erfolg per se abspricht, ihn aber erheblich relativiert.

Schaden durch falsche Anreize

Nicole Rippin, Wissenschaftlerin am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik, kritisiert, man habe mit den Zielen zum Teil sogar Schaden angerichtet: So lautete etwa ein Unterziel, das Leben von Slumbewohnern zu verbessern. Als Anhaltspunkt für die Erfolge in diesem Bereich wurde ermittelt, welcher Anteil der Bevölkerung in Slums lebt. Laut Rippin führte dies dazu, dass in manchen Ländern die Slums einfach geräumt wurden, um den Milleniumszielen näherzukommen - den Daten nach ein Erfolg, in der Realität ein Desaster, wenn man betrachtet, dass die Bewohner ihre Bleibe verloren.

Ein eindrückliches Beispiel dafür, dass statistische Daten keine in Stein gemeißelte Wahrheit darstellen, ist auch die Messung der weltweiten Unterernährung: Im Abschlussbericht zu den Milleniumszielen zeigt ein Diagramm die Anzahl hungernder Menschen im zeitlichen Verlauf: Der Trend geht seit den Neunzigerjahren eindeutig nach unten. Der Anteil der Unterernährten an der stetig wachsenden Weltbevölkerung sinkt sogar noch rascher als die absolute Zahl. Die Botschaft: Wir sind auf einem guten Weg, den Hunger aus der Welt zu schaffen.

Noch im Jahr 2010 hatte die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Uno (FAO) jedoch ganz anders über die weltweite Unterernährung berichtet: Sie verzeichnete seit 2006 einen starken Anstieg der Zahl unterernährter Menschen und ging für 2009 sogar von einem Spitzenwert von gut einer Milliarde Hungernden weltweit aus.

* Errechnet aus Daten weltweit laut FAO-Bericht

** Projektion laut MDG-Report

Wie passen diese beiden Darstellungen zusammen? Der Grund für die Abweichung ist, dass die FAO seit dem Jahr 2012 Unterernährung anders misst als vorher. Der Anteil der unterernährten Bevölkerung lässt sich nämlich nicht einfach zählen, sondern wird aus verschiedenen Kennzahlen über das jeweilige Land mit komplexen statistischen Formeln errechnet.

Die FAO verwendet dabei neuerdings eine andere mathematische Funktion, um zu beschreiben mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Bewohner eines Landes wie viel Energie mit der Nahrung aufnimmt. Verbessere sich die Ernährungssituation in einem Land, werde dies durch die neue Berechnungsmethode besser abgebildet, heißt es in einer FAO-Erklärung.

Für den Philosophen und Yale-Professor Thomas Pogge sind das "kosmetische Bemühungen", die dazu dienen sollen, Trends so gut wie möglich aussehen zu lassen. Außerdem ist seiner Meinung nach die verwendete Definition von Unterernährung ohnehin sinnlos - allein schon deshalb, weil sie vom Kalorienverbrauch eines hauptsächlich sitzenden Menschen ausgeht.

Bei der Überwachung eines anderen Milleniumsziels wurden dringend notwendige Änderungen der Messmethode lange unterlassen: Es sei "ein Skandal, eine Armutsgrenze von 1,25 Dollar zu definieren, die dann über viele Jahre nicht modifiziert wird, obwohl die Weltwirtschaft in dieser Zeit massiv gewachsen ist",schreibt der Informatikprofessor und Globalisierungsforscher Franz Josef Radermacher.

Neue Ziele, neues Glück?

Im Herbst vergangenen Jahres wurden die Milleniumsziele durch die Agenda 2030 der Uno abgelöst. 17 Nachhaltigkeitsziele und ganze 169 Unterziele sollen bis 2030 erreicht werden. Sie umfassen fast alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, vom Streben nach Wohlstand über den Schutz von Lebewesen an Land und im Wasser bis hin zum Kampf gegen Klimawandel und Ungleichheit.

Eine Expertenkommission hat insgesamt 231 Indikatoren vorgeschlagen, um die Fortschritte in diesen Bereichen zu messen. Auch an diesen wurde bereits Kritik laut. Der Verein Open-Knowledge-Foundation-Deutschland etwa sieht die Verantwortung der reichen Länder in manchen Indikatoren nicht genug berücksichtigt und nicht alle Aspekte der Unterziele genügend abgedeckt.

Diese Sorgen teilt Sven Kaumanns nicht. Er ist Mitarbeiter des Statistischen Bundesamts und Mitglied der von der Uno eingesetzten Expertenkommission. Die Verantwortung der Länder müsse, wenn politisch gewollt, in den Zielen festgeschrieben werden, sagt Kaumanns, nicht in den Indikatoren. Zudem werde jedes einzelne Unterziel durch mindestens einen Indikator abgedeckt und es existierten zahlreiche Querbeziehungen zwischen den Indikatoren - man müsse sie also als ganzheitliches System begreifen.

Leicht haben es sich die Mitglieder der Expertenkommission mit der Wahl der Messgrößen offenbar nicht gemacht. Seit dem vergangenen Jahr gab es mehrere Tagungen, bei denen mit verschiedenen Interessengruppen diskutiert wurde. Endgültig verabschiedet werden soll die Indikatorenliste im Laufe des Jahres durch die Uno-Vollversammlung. In den Jahren 2020 und 2025 soll sie erneut überprüft werden.

Slum in Phnom Penh (Archivbild)
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Slum in Phnom Penh (Archivbild)

Einen kleinen Grund zur Hoffnung gibt es bereits: Die umstrittene Armutsgrenze von 1,25 Dollar am Tag könnte bald an die Realität angepasst werden: Als Indikator erfasst werden soll künftig der Anteil der Bevölkerung unter der internationalen Armutsgrenze - und die kann sich im Laufe der Zeit ändern. So hob die Weltbank im vergangenen Oktober die internationale Armutsgrenze immerhin auf 1,90 Dollar pro Tag an. Das ist immer noch extrem wenig, macht aber Hoffnung, dass die Situation von Menschen wie der Kambodschanerin Ngong Theavy in Zukunft zumindest ein wenig realistischer bewertet wird.

Die Diskussion um Erfolg oder Misserfolg der Milleniumsziele zeigt: Man mag, wie von Melinda Gates gefordert, optimistisch sein ob der positiven Entwicklungen, die es weltweit gegeben hat. Doch der Optimismus sollte nicht dazu verleiten, den damit verbundenen Daten und ihrer Präsentation blind zu vertrauen.

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
ichbinsjetzt 16.06.2016
1. Wie soll das funktionieren?
Wenn die Bevölkerung immer weiter wächst. In diesen Ländern wird es immer Hunger und Armut geben. Je mehr man sich von aussen einmischt um so höher das Leid.
muellerthomas 16.06.2016
2.
"Doch der Optimismus sollte nicht dazu verleiten, den damit verbundenen Daten und ihrer Präsentation blind zu vertrauen." Macht ja auch praktisch niemand, wie Sie selbst im zumindest implizit schreiben: "Leicht haben es sich die Mitglieder der Expertenkommission mit der Wahl der Messgrößen offenbar nicht gemacht." "Doch ein kritischer Blick auf die Statistik lässt die Fortschritte schrumpfen." Aber bitte, damit wird suggeriert, dass es kaum Fortschritte gab, aber wie dann aus dem text hervorgeht, schrumpfen lediglich die Erfolge der Milleniumsagenda, da die Verbesserungen bereits viel früher, mindestens 1990, begannen. Praktisch alle Indikatoren deuten dann aber darauf hin, dass es in den vergangenen Jahrzehnten enorme globale Verbesserungen gab - einige nennen sie ja auch und die Liste liesse sich sehr lange fortsetzen.
luisemarie_keck 16.06.2016
3. VMMC Programme
Die UN und die Gates Stiftung fahren in Afrika riesige Propagandaprogramme um die Beschneidung von Jungen und Männern zu propagieren (VMMC = Voluntary Medical Male Circumcision), und das auf Basis von zweifelhaften und wiedersprüchlichen Daten. Dabei werden feste, nicht erreichbare Beschneidungsquoten vorgegeben und die Programme sodann auf Kinder und Jugendliche ausgeweitet, die sich alle "freiwillig" beschneiden lassen, nachdem sie massiv diesbezüglich indoktriniert wurden. Das ist reiner Kolonialismus. Nachzulesen z.B. in GEO 7/15. http://hpd.de/artikel/11878
pevoraal 16.06.2016
4. Wieder einmal
mehr wird bewiesen was Statistiken wert sind. Die Bilder der niedergewalzten Slums waren in den Medien. Waren dort 5000 Menschen beheimatet waren sie zählbar. 5000 Menschen in aller Herren Richtungen verteilt sind nicht erfassbar!
spontanistin 16.06.2016
5. Seltsame Kenngrößen!
Sind nicht Kenngrößen über die Besitzverhältnisse und den Zugang zu Ressourcen allemal aussagekräftiger? Die UNO scheint wie die EU und andere Groß-Organisationen besonders vom Parkinson-Syndrom der Bürokratie befallen zu sein.
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