Unter Palmen Kokain, Callboys - und ein toter Fondsmanager

Skandal in Floridas Millionärsidyll West Palm Beach: Ein Hedgefonds-Manager, der ein schwules Doppelleben geführt haben soll, starb unter mysteriösen Umständen in seinem Pool. Seine Familie bezichtigt die Witwe des Mordes - es geht um ein Millionenerbe.

Aus West Palm Beach berichtet


West Palm Beach - Seth Tobias schien alles zu haben. Seine Hedgefondsfirma Circle T managte rund 300 Millionen Dollar. Er war ein Kommentator für den TV-Wirtschaftssender CNBC. Er besaß ein Luxusanwesen in West Palm Beach, in einer privaten, von Wachposten abgeschirmten Sackgasse direkt am Golfplatz, mit einem Swimmingpool im Garten. Er hatte eine schöne Ehefrau namens Filomena, eine der führenden Society-Ladys in dieser VIP-Enklave Südfloridas, in der auch Donald Trump und Tiger Woods Residenzen haben.

Palm Beach: VIP-Enklave Südfloridas
CORBIS

Palm Beach: VIP-Enklave Südfloridas

Tobias' Ende war weniger rühmlich – er starb mit 44 Jahren unter mysteriösen Umständen im Swimmingpool. Die Todesursache ist bis heute ungeklärt. In West Palm Beach jedenfalls munkelt man von Mord. Tobias' Brüder vertreten diese These sogar per Zivilklage, und so hat die Polizei Ermittlungen aufgenommen - es geht um ein Erbe von mindestens 25 Millionen Dollar. Drei Personen sind ins Fadenkreuz der Fahnder geraten: Witwe Filomena alias Phyllis, ihr "spiritueller Berater", der nebenher als Homo-Zuhälter arbeitet, sowie ein Callboy namens "Tiger", der spurlos verschwunden ist.

Tobias' Glamour-Leben war offenbar nur Blendwerk, eine Fassade, hinter der sich eine tragische Doppelexistenz verborgen haben soll. Von Drogen ist die Rede, von einer schwulen Stripper-Bar unweit der Autobahn, von zwielichtigen, tätowierten Gestalten. Wobei diejenigen, die all das behaupten, nicht gerade den besten Leumund haben.

Von der Wall Street in die halbseidene Unterwelt – das ist kein seltener Absturz. Auch im blitzblanken West Palm Beach ist es nicht das erste Mal, dass die Idylle trügt. Der Erbstreit um den Diätdoktor Robert Atkins oder der Kongress-Pagen-Skandal um den örtlichen Republikaner Mark Foley sind noch vielen in Erinnerung - ganz zu schweigen von den ständigen Korruptionsfällen im Rathaus.

"Er atmet nicht!"

Bei Seth Tobias ist es trotzdem etwas anderes. Sein Schicksal trifft einen Nerv: In einer Zeit wirtschaftlicher Unsicherheit achtet die Öffentlichkeit auf jedes Indiz des moralischen Niedergangs. Selbst die feine Gesellschaft aalt sich in stiller Schadenfreude, wenn es einen der ihren erwischt. Die "New York Times" nannte den Fall eine "Parabel auf das moderne, goldene Zeitalter". Tobias' Leben und Sterben sei der Stoff, aus dem TV-Serien gemacht werden: "Ich verstehe nicht, wieso das noch nicht bei 'CSI: Miami' gelandet ist", sagte Tobias' Ex-Boss Jim Cramer, der Investmentguru und CNBC-Moderator, der Zeitung.

Tobias war eigentlich nur ein kleiner Fisch im Haifischbecken der Hedgefonds. Er kam 1987 an die Wall Street, kurz vor dem Crash. Nach diversen Jobs als Trader und Fondsmanager gründete er 1996 Circle T. Zu seinen Investoren zählte der Milliardär Samuel Zell, der im April dieses Jahres den Tribune-Verlag ("Los Angeles Times") kaufte. Zell beschrieb Tobias als einen "guten, smarten Typen".

Circle T bezog in Manhattan an der Park Avenue Quartier, im Seagram Building. Tobias sicherte sich regelmäßige Gigs in den TV-Börsensendungen "Squawk Box" und "Kudlow & Company". Im Frühjahr 2005 heiratete er die drei Jahre jüngere Filomena; für ihn war es die erste Ehe, für sie die dritte. Sie kauften die Villa am Bears Club Drive in West Palm Beach, drei Flügel um einen Innenhof, dahinter vor Gafferblicken verborgen ein Gästehaus und ein langer, rechteckiger, kobaltblauer Pool.

In dem endete Tobias' Leben am 4. September. Kurz nach Mitternacht ging bei der Polizei ein Notruf seiner Frau ein: "Bitte schicken Sie jemanden!", schrie sie. "Er atmet nicht!" Als die Cops eintrafen, so berichtete die Lokalpresse, hatte sie ihn schon aus dem Wasser gezogen und wiegte ihn schluchzend in den Armen.

Alles deutete auf Herzinfarkt hin. Der Gerichtsmediziner leitete routinemäßig eine toxikologische Untersuchung ein, deren Ergebnis bis heute nicht vorliegt. Nach Berichten der Lokalpresse wies Tobias Schürfwunden an Stirn, Nase und Hals auf. Klar, dass die Spekulationen in West Palm Beach immer wildere Blüten treiben.

Swimmingpool für 9628 Dollar gereinigt

Der Zank ums Erbe brach sofort los. Denn Tobias hatte vor der Hochzeit ein Testament verfasst. Das nennt seine vier Brüder als Begünstigte, ist aber dummerweise ungültig, da in Florida automatisch alles der Witwe zusteht - es sei denn, man weist ihr Mord nach. "Mörder-Statut" nennen die Bürger den Passus.

Prompt erhoben die Brüder Zivilklage gegen Phyllis, deren legalen Erbanspruch sie anfechten: Sie habe Tobias "vorsätzlich getötet" - durch "Erwürgen und Ertränken". In der Klage finden sich in einem einzigen Satz gleich mehrere haarsträubende, in einem Prozess schwer zu beweisende Vorwürfe: Sie habe "ihren Ehemann, der im Kokainrausch war, mit dem Versprechen ins Wasser gelockt, er könne mit einem männlichen Go-Go-Tänzer, genannt 'Tiger', Sex haben".

Man hörte fast, wie die Leute in West Palm Beach scharf den Atem einzogen. Kokain? Go-Go-Tänzer? Sex? Und dann noch dieses angeblich verdächtige Detail aus der Klage: Die trauernde Witwe habe den Swimmingpool für 9628 Dollar komplett reinigen lassen.

Codewort für Drogensucht

Reinlichkeit ist nicht strafbar, und so zeigt sich Phyllis Tobias entsetzt über die Vorwürfe. "Ich bin gebrochen", sagte sie der "Palm Beach Post". "Ich habe sechs Wochen lang nicht das Haus verlassen. Ich frage mich, wie Leute nur so böse sein können." Ihr Anwalt Gary Dunkin nannte die Klage "die unverantwortlichste Anschuldigung, die ich je gesehen habe".

Trotzdem kam nach und nach die Wahrheit heraus über die heile Welt der Eheleute Tobias. Nach außen hin prassten sie. Vieles aber war auf Pump: Allein die Hypothek kostete Tobias den Gerichtsakten zufolge 35.000 Dollar im Monat, und sein Range Rover war geleast. Auf seiner American Express Centurion Black Card hatten sich bei seinem Tod 52.532 Dollar Schulden angehäuft.

Mit dem Geld soll Tobias auch besondere Vergnügungen finanziert haben. Es sei davon auszugehen, dass er in der Nacht seines Todes gekokst habe, verriet Mrs. Tobias im Polizeiverhör. Offenbar war das nichts Ungewöhnliches. Auch Geschäftspartner berichteten, Tobias habe regelmäßig Kokain geschnupft, manchmal sei er wochenlang nicht ins Büro gekommen.

Es kam heraus, dass die Ehe alles andere als heil war. Im März 2006 hatten Seth und Phyllis einen so handgreiflichen Hauskrach, dass die Polizei anrücken musste. Phyllis bezichtigte ihn damals, er habe eine "außereheliche Affäre" gehabt und "Zehntausende Dollar" für "illicit habits" verwandt - ein Codewort für Drogensucht. Er wiederum warf ihr Verschwendungssucht vor und reichte die Scheidung ein, zog den Antrag aus unbekannten Gründen aber wieder zurück.



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