Essen/Fürth - Das Essener Amtsgericht hat das Insolvenzverfahren für Arcandor eröffnet. Insgesamt ergingen erste Beschlüsse über 15 Gesellschaften, wie das Gericht am Dienstag mitteilte. Darunter sind die Holding Arcandor AG sowie die wichtigsten Töchter wie die Karstadt Warenhaus GmbH, die Versandhandelsunternehmen Primondo GmbH und Quelle GmbH. Vom Insolvenzverfahren unberührt sind die Reisetochter Thomas Cook und die Spezialversender der Primondo-Gruppe.
Mit der Eröffnung der Insolvenz fällt das Insolvenzgeld weg, das drei Monate lang von der Bundesagentur für Arbeit gezahlt wurde. Die Gesellschaften müssen sich also selbst finanzieren. Auch rückt damit die Aufspaltung des Konzerns näher. Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick war mit seinem Bemühen gescheitert, den Konzern als Ganzes zu erhalten. Görg will nun getrennt für die Warenhaussparte Karstadt und das Versandhandelsgeschäft Primondo rund um die Fürther Quelle Investoren finden. Auch vom Verkauf des Thomas-Cook-Anteils sollen die Gläubiger profitieren.
Im Vordergrund steht aber zunächst die Finanzierung von Quelle, das zudem vor einem massiven Stellenabbau steht. Für Karstadt führt Görg derzeit Gespräche mit allen Beteiligten, um Sanierungsbeiträge auszuloten, bevor es ein Bieterverfahren geben soll.
Merkel geißelt 15-Millionen-Zahlung an Eick
Für Konzernchef Eick scheinen ein halbes Jahr nach Amtsantritt die Tage in Essen gezählt. Unternehmenskreisen zufolge wird er sein Amt zeitnah aufgeben. Bis zu 15 Millionen Euro Abfindung soll er dafür bekommen - was Arbeitnehmervertreter und Politiker gleichermaßen zu Protesten bewegt hat.
Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich empört über die erwartete Zahlung. "Wenn jemand, der ein insolventes Unternehmen leitet, für sechs Monate Arbeit das gesamte Gehalt für fünf Jahre bekommt, wie der Herr Eick in Höhe von 15 Millionen, dann habe ich dafür absolut kein Verständnis", sagte die CDU-Chefin am Dienstag in einem Interview des Bayerischen Rundfunks. "Da muss man überlegen, was man da machen kann."
Zuvor hatte schon der Betriebsratschef von Arcandor, Hellmut Patzelt, gegen die geplante Abfindung gewettert. "Sie können die Verträge von Herrn Eick und Sal. Oppenheim nicht erklären. Das ist für die Mitarbeiter nicht nachvollziehbar", sagte er am Montag dem "Tagesspiegel".
Eick dagegen zeigte sich von der Kritik wenig beeindruckt. Der "Bild am Sonntag" sagte, er stelle sich auf eine Diskussion über seine Bezüge ein. "Ich komme aus einfachen Verhältnissen und weiß, dass 15 Millionen Euro sehr viel Geld ist - auch für mich."
Der Konzern war bereits tief in der Krise, als Eick den Chefposten übernahm. Er scheiterte aber mit seinen Versuch, doch noch einen großen Investor zu finden ebenso, wie mit seinem Appell an die Regierung, einen staatlich verbürgten Notkredit bereitzustellen. Nach Informationen des SPIEGEL glaubt Eick, dass Karstadt auch nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens als eigenständiges Unternehmen erhalten werden kann. "Man kann Karstadt rentabel betreiben, davon bin ich zutiefst überzeugt", sagte er. Dazu sei es aber notwendig, sich von unrentablen Häusern zu trennen und weitere Einsparpotentiale zu heben.
Verdi will bald Klarheit für Arcandor-Beschäftigte
Neben Eicks wahrscheinlicher Abfindung beschäftigt Gewerkschaftler vor allem die Zukunft der Belegschaft. Ver.di dringt auf baldige Klarheit für die Beschäftigten des insolventen Handelsunternehmens. Die Investorensuche für die Karstadt-Warenhäuser müsse mit Nachdruck vorangetrieben und vor dem Weihnachtsgeschäft abgeschlossen werden, sagte die stellvertretende Ver.di-Vorsitzende Margret Mönig-Raane in Berlin. Jenseits der Tarifbindung das Einkommensniveau zu senken, komme aber auf keinen Fall in Frage.
Eine erneute finanzielle Beteiligung der Karstadt-Beschäftigten zur Sanierung ihres Unternehmens lehnt die Gewerkschafterin ab. In der Insolvenz, deren Ausgang vollkommen offen sei, ein weiteres Mal erhebliche Beiträge aus den Taschen der Kollegen zu finanzieren, sei nicht akzeptabel und würde dem Unternehmen noch keine nachhaltige Perspektive eröffnen, sagte Mönig-Raane. "Spenden ersetzen kein zukunftsfähiges Geschäftsmodell." Einen Beitrag der Beschäftigten werde es nur unter der Voraussetzung geben, dass ein Investor ein tragfähiges Zukunftskonzept vorlege, das Unternehmen wieder eine Tarifbindung eingehe und den Beschäftigten Sicherheiten anbiete.
Mönig-Raane wies darauf hin, dass die Beschäftigten seit 2004 rund 324 Millionen Euro zur Sanierung ihres Unternehmens aufgebracht hätten. Damit habe eine Insolvenz mehrfach abgewendet werden können. "Was nun bislang von den Plänen des Insolvenzverwalters bekannt ist, läuft darauf hinaus, dass die Beschäftigten große Einkommensbestandteile spenden sollen, ohne dass es ein tragfähiges Geschäftskonzept noch Investoren gibt", kritisierte die Ver.di-Frau.
ssu/AP/dpa/Reuters
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