Mittwoch, 10. Februar 2010

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03.09.2009
 

Boomender Bag-in-Box-Markt

Wenn Wein gezapft wird

Von Julian Trauthig

Jacques`

Bier aus dem Pappkarton, Apfelsaft aus der Zehn-Liter-Packung, Wein aus dem Schlauch: Die sogenannte Bag-in-Box ist bei Herstellern immer beliebter - wegen ihrer praktischen Vorteile. Traditionsbewusste Verbraucher bleiben skeptisch.

Hamburg - Es ist wie mit dem Bier aus der Plastikflasche: Eigentlich praktisch, aber doch verpönt. Für traditionsbewusste Verbraucher gehören Glasflasche und Kronkorken schließlich dazu - und beim Öffnen soll es richtig ploppen.

Genauso ist es bei der sogenannten Bag-in-Box: Sie besteht aus einem hauchdünnen Innenbeutel aus Aluminium oder Plastik mit Zapfhahn, ummantelt von einem Pappkarton mit Tragegriff, und fasst bis zu zehn Liter. Seit der Chemiker William R. Scholle die Bag-in-Box 1955 in den USA erfunden hat, stieß die Verpackungsidee immer wieder auf skeptische Blicke: Wein zum Zapfen aus einem Schlauch? Bier aus einem Pappkarton? Apfelsaft aus einer Zehn-Liter-Box? Nein danke, sagten sich viele Kunden.

Doch mittlerweile setzt sich die Bag-in-Box auf dem deutschen Markt immer mehr durch. Denn die Großverpackung hat durchaus Vorteile: Durch den Zapfhahn gelangt keine Luft an die Flüssigkeit. Deshalb bleiben Säfte und Weine auch nach dem Öffnen ungekühlt wochenlang haltbar.

Bag-in-Box-Weine gibt es schon seit über 30 Jahren zu kaufen, seit drei Jahren bietet die bayerische Brauerei Ankerbräu sogar Beer-in-Box an. Discounter wie Lidl und Aldi haben die Zapfweine ins Sortiment aufgenommen, kleinere Keltereien bieten auch Säfte aus der Box an.

Die Schläuche für Endverbraucher fassen meist drei bis zehn Liter. In der Industrie wird diese Verpackungsart schon seit langem für Flüssigkeiten wie Olivenöle oder Dressings verwendet - hier geht es um Fassungsvermögen von bis zu 1000 Litern. Doch nun boomt auch der Endverbrauchermarkt.

Nach Angaben der Gesellschaft für Verpackungsmittelforschung (GVM) aus Wiesbaden ist die verpackte Bag-in-Box-Getränkemenge von 36,4 Millionen Liter im Jahr 2003 auf 85,5 Millionen Liter im Jahr 2008 gestiegen. Der deutsche Weinbauverband spricht von Wachstumsraten von rund acht Prozent pro Jahr. Der Anteil der Bag-in-Box-Verpackungen an der Gesamtweinabfüllung soll von 0,6 Prozent im Jahr 2000 bis 2010 auf 4,3 Prozent steigen.

Weltweites Wachstum von mehr als zehn Prozent

In Ländern wie Australien und Neuseeland ist das Bag-in-Box-Konzept seit langem akzeptiert. Ein großer Anteil der Weine wird dort bereits in Schläuche abgefüllt. Auch in Großbritannien und Skandinavien sind die Pappverpackungen seit Jahren auf dem Vormarsch. "Die Bag-in-Box Industrie hat momentan eine weltweite Zuwachsrate von mehr als zehn Prozent pro Jahr", sagt Lutz Schöllhammer, Geschäftsführer von Scholle Europe, dem nach eigenen Angaben größten Bag-in-Box-Hersteller weltweit.

Fastfood-Konzerne wie McDonald's nutzen die Verpackung seit über 20 Jahren für ihre Getränke. Von 1985 bis 1988 wurde sie flächendeckend in allen deutschen Restaurants eingeführt. Cola aus 20-Liter-, Fanta aus Zehn-Liter- und Sprite und Apfelschorle aus Fünf-Liter-Schläuchen sind seitdem Standard.

Bei Weinliebhabern stoßen die wenig ansprechenden Großverpackungen indes auf Ablehnung: Wein gilt als Kulturgut, zum Genuss eines edlen Tropfens gehört das Plopp des Korkenziehens genauso dazu wie das Plopp beim Bier. Um als Prädikatwein vom Verband deutscher Prädikatsweingüter ausgezeichnet zu werden, muss der Wein sogar nach Satzung aus einer Glasflasche kommen. Dass die Qualität der Bag-in-Box-Weine durchaus gut sein kann, spielt dabei keine Rolle.

Jacques Weindepot, mit über 250 Geschäften der nach eigenen Angaben bundesweit größte Weinfachhändler, hat die Zapfweine trotz der Vorurteile bereits vor 30 Jahren ins Sortiment aufgenommen. "In den letzten Jahren hat sich der Trend zur Bag-in-Box durchaus verstärkt", erklärt Einkaufsleiterin Kathy Féron. Sie sieht dafür zwei Gründe. Zum einen gebe es in jeder Filiale einen Mitarbeiter, der den Kunden die Vorteile des Systems erklären könne. Zum anderen gäben sich die Hersteller beim äußeren Erscheinungsbild der Großverpackung immer mehr Mühe. "Um mit einer Glasflasche mitzuhalten, muss die Gestaltung des Pappkartons schon etwas hermachen", sagt Féron.

Geringe Transportkosten

Für die Industrie lohnt sich die Bag-in-Box vor allem wegen des geringen Verpackungsgewichts. Dadurch sind die Transportkosten niedriger als zum Beispiel bei Weinflaschen oder Bierfässern. Im Sommer 2003 wurde aus diesem Grund sogar die Idee für ein Bier ohne Kohlensäure geboren. Im beschaulichen Nördlingen entstand bei einem Brainstorming der Ankerbräu-Führungsetage der Einfall, eine Alternative zum teuren Fasssystem zu entwickeln. Die Lösung war die Beer-in-Box. Nach dem Brauen wird dem Bier die Kohlensäure entzogen, weil die dünnen Schläuche den Druck nicht aushielten. Erst wenn das Bier in der Kneipe gezapft wird, kommt die Kohlensäure wieder hinzu. So wird der teure Fassrücktransport gespart, der normalerweise mit in den Bierpreis einfließt.

Für die Kleinbrauerei öffneten sich damit ganz neue Absatzmärkte. "Bis 2003 haben wir in kein einziges Land exportiert, mittlerweile sind es 23 Länder weltweit", sagt Vertriebsleiter Karl Bosch. Die Beer-in-Box mache mittlerweile 30 Prozent der Produktion aus - Tendenz steigend.

Auch Verpackungshersteller Scholle schaut optimistisch in die Zukunft. Geschäftsführer Schöllhammer spekuliert: "Bisher gibt es noch kaum Wasserverpackungen für Haushalte und Büros. Hier verspreche ich mir in absehbarer Zukunft enorme Zuwachsraten".

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