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03.09.2009
 

Jobwechsel

Ex-Banker am Würstchengrill

Von Anne Seith, Frankfurt am Main

Ex-Banker und Imbissbudenbesitzer Brauße: "Ich kann Dinge abhaken." Zur Großansicht
dpa

Ex-Banker und Imbissbudenbesitzer Brauße: "Ich kann Dinge abhaken."

Thomas Brauße wickelte als Banker Milliardengeschäfte ab - bis er seinen Job verlor. Jetzt betreibt er in Frankfurt eine Imbissbude, nicht weit von seinem früheren Büro.

Manchmal läuft ein ehemaliger Kollege vorbei, ohne zu grüßen. Dabei habe er früher mit dem viel gequatscht, sagt Thomas Brauße. Doch eigentlich stört es den 44-Jährigen mit dem kahl rasierten Kopf und den breiten Schultern nicht. "Ich kann Dinge abhaken", sagt er. Und die meisten Banker, die er noch von früher kennt, kommen gern zu ihm. Um sich den Bauch vollzuschlagen.

Jeden Tag sind es mehr. Geduldig stehen sie mittags Schlange. Sitzen dann zufrieden in ihren dunklen Anzügen auf den Bierbänken vor dem elf Meter langen Imbissbus, fischen Wurststückchen und Pommes aus den weißen Pappschalen. Brauße bietet seit einigen Wochen das, was in dem Viertel um den Frankfurter Messeturm bislang gefehlt hat: Richtig gute Currywurst. Bratwurst. Pommes für 1,60 Euro.

Die Geschäftsidee lag nahe: Brauße selbst hatte oft genug mittags Heißhunger auf Deftiges. Als er noch Banker war, täglich im 20. Stock des riesigen Bürogebäudes Millionen- und Milliardengeschäfte bei einem Wertpapierbroker abwickelte.

Jetzt sitzt Brauße vor seinem neuen Imbissbus in der Sonne, in Jeans, Sneakern und einem weißen T-Shirt, die Sonnenbrille auf die hohe Stirn geschoben - und kommt ins Philosophieren: Der Job am Grill sei "viel realer" als die Finanzbranche, "viel greifbarer. Da gibst du was raus, und es kommt was rein." Nicht zu vergleichen sei das mit der stundenlangen Arbeit an PC und Telefon, wo so viel virtuell erledigt wird. Viele einstige Kollegen hätten in letzter Zeit zu ihm gesagt: "Ich hab auch schon dran gedacht", sagt Brauße. Er wirkt ziemlich entspannt.

Am Nachmittag wurde er arbeitslos

Dabei hatte es ihn schwer getroffen, als er seinen Job verlor. Von einem Tag auf den anderen schloss sein Arbeitgeber, die US-Handelsplattform Instinet, ihren Frankfurter Standort. Morgens sei er noch nichtsahnend zur Arbeit gegangen, sagt Brauße - um elf lag dann eine E-Mail im Postfach mit der Bitte, um 14 Uhr vor Ort zu sein. Am Nachmittag war er arbeitslos. Mitten in der Finanzkrise.

Brauße ist ein Mann wie ein Berg, als Jugendlicher wollte er Handballprofi werden. Doch der Schock der Entlassung hat ihn fast umgehauen. Er habe sich gefühlt wie ein langjähriger Schwergewichtsmeister, der plötzlich einen heftigen Schlag versetzt kriegt, sagt er. "Da überlegt man kurz, ob man die Fäuste sinken lässt und einfach umkippt."

Der Hesse hat die Niederlage dann doch recht flott überwunden. Er wollte Frankfurt nicht verlassen, schließlich leben hier seine beiden Töchter, 14 und 12. Ein Job in der Finanzbranche schien zu dieser Zeit unerreichbar. Und die Idee mit der Würstchenbude schwirrte ihm schon lange im Kopf rum. "Ich wollte das eigentlich als zweites Standbein", sagt Brauße. In der Schreibtischschublade lag noch die Telefonnummer vom Besitzer des Areals, auf dem er jetzt tatsächlich eröffnet hat. Der Zettel sei das einzige gewesen, was er aus dem Büro mitgenommen habe.

Ahnung vom Würstchenbraten hatte der Ex-Banker keine. Aber einen guten Freund in der Gastronomie, der ihm Tipps für den Einkauf gab und Kniffe im täglichen Geschäft erklärte. Ein gutes halbes Jahr später stand er dann da, sein Imbissbus. Natürlich ist der etwas nobler als die Durchschnittsfrittenbude - schließlich muss ein bestimmtes Publikum bedient werden. Bierbänke und -tische stehen auf einem schicken Holzpodest und werden von großen Sonnenschirmen mit dunkelblauem Stoff vor der Sonne geschützt. Der bei Ebay ersteigerte Bus ist an der Seite, wo Brauße bedient, mit Aluminium verkleidet.

Das Ziel: Würstchenbude mit "ordentlicher Rendite"

Brauße fühlt sich wohl in seiner neuen Rolle, sagt er. Ein echter Banker sei er nie gewesen. Die Lehre mit 16 war eine reine Vernunftentscheidung, bei der die Mutter eine ziemlich tragende Rolle spielte. Eigentlich habe er sich durch alle Abteilungen "durchgequält". Allein das Wertpapiergeschäft schien halbwegs abwechslungsreich - so kam es zu der Karriere bei verschiedenen Brokern und einer Investmentbank.

Es ist nicht so, dass ihm das keinen Spaß gemacht habe. Das Spielchenspielen allerdings, das in vielen Unternehmen dazugehört, war ihm ein Grauen. Genau wie die Anzüge, die in der Branche Pflichtgarderobe sind. Für den Notfall habe er einen im Spind gehabt, ansonsten erschien Brauße zum Entsetzen seines Chefs hartnäckig in Jeans und Hemd. "Ich habe den casual friday auf die ganze Woche ausgedehnt", sagt er und grinst.

Ganz so locker, wie es scheint, nimmt Brauße sein neues Dasein als Würstchenverkäufer trotzdem nicht. Als Banker hatte er ein sechsstelliges Jahresgehalt - so weit wolle er mit der Würstchenbude nicht unbedingt kommen, sagt er. Aber "eine ordentliche Rendite" soll der Bus schon bringen. Immerhin gilt es, sich selbst und zwei Kinder mitzuversorgen, auch die schicke Altbauwohnung und das Auto will der 44-Jährige nicht aufgeben.

So liegt dem Projekt, in dem 50.000 Euro Startkapital stecken, ein akribischer Businessplan zugrunde. Bis Januar soll das Geschäft schwarze Zahlen schreiben. Und damit das ganze noch mehr Pepp bekommt, plant Brauße die "Worscht-Börse" bald zu einem echten Imbiss-Aktienmarkt zu machen. Mit Dax- und Nikkei-Würsten etwa, die je nach Bewegung der Indizes teurer oder billiger werden.

Einen echten Plan B, falls die Selbständigkeit doch scheitert, hat Brauße nicht. Aber in dieser Situation hilft ihm sein Naturell, das ihn wohl auch zum Profi im Wertpapierhandel hat werden lassen. "Druck macht mir nichts aus", sagt Brauße mit fester Stimme. "Da werde ich nur besser."

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